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Mensch in China

Der Mensch und die Gesellschaft sind Hauptthemen der ganzen chinesischen Philosophie. Durch die zentrale Bedeutung der Familie in China rückt der Wert des einzelnen Menschen in den Hintergrund. Die Chinesen haben den Menschen niemals ausserhalb des gesellschaftlichen Zusammenhangs betrachtet, niemals zogen sie eine trennende Grenze zwischen der Gesellschaft und der Natur. Der Mensch ist mit Natur und Gesellschaft aufs engste verbunden, so dass sich die Dichotomie Subjekt/ Objekt nicht als Problem darstellt. Es fehlte auch in China der Begriff „Person", und ein sich von der Natur abtrennendes Selbst ist nicht entstanden. Erst in neuerer Zeit bildete man den (künstlichen) Begriff wei-ke, und unter dem Einfluss des Buddhismus zeigten sich Tendenzen, die auf eine Trennung von Subjekt und Objekt hinwirkten. Der Begriff der Seele als eines rein geistigen Wesens, das zum Körper im Gegensatz stünde, ist dem chinesischen Denken fremd. Der Mensch wurde nicht als Leib und Seele angesehen, sondern als ein Kontinuum von Pneumata (ch' i). Als Mikrokosmos besteht der Mensch aus dem hsing (Wesen, Natur) von Himmel und Erde; von der Erde erhält er sein „Blut", vom Himmel empfängt er seinen „Atem" (ch'i). Auf diese Weise ist er ein Abbild des Makrokosmos. Die chinesische Konzeption des Menschen wurde ohne einen entscheidenden Einfluss des religiösen Denkens geformt, u. a. findet man deswegen in der chinesischen Anthropologie keine Idee der Erbsünde. Die Einheit des Menschen mit dem Himmel (T`ien jen ho i) ist ein Postulat und zugleich eine Synthese der chinesischen Anthropologie (Universismus). Diese Vorstellungen stehen im Einklang mit der Konzeption der Welt/Schöpfung, die nicht anthropozentrisch ist. Die chinesische Religionsgeschichte und Philosophiegeschichte zeigt nur Variationen (Uminterpretationen) dieser konstanten chinesischen Themen.
Die konfuzianische Philosophie ist ein Humanismus, der das spezifisch Menschliche formuliert und den Menschen zu seinem Ausgangspunkt nimmt. Die Einheit des Menschen mit dem Universum hängt ab vom menschlichen Verhalten (Ethik, Etikette). Der Konfuzianismus nennt fünf menschliche Beziehungen (wu-lun): Vater/Sohn, Herrscher/Untertan, Mann/Frau, Älterer Bruder/Jüngerer Bruder, Freund/Freund. Diese sind praktisch durch die Tugenden der Pietät (hsiao), Loyalität (chung) und Höflichkeit (ching) realisierbar. Der Mensch ist nur in dem Masse edler als die übrigen Wesen, als er innerhalb der Gesellschaft eine bestimmte Stellung innehat und auf diese Weise bei der Erhaltung der sozialen Ordnung, deren Grundlage und Vorbild die kosmische Ordnung ist, mitwirken darf. Nach der konfuzianischen Lehre heben sich nur der König (wang), der Heilige (shengjen) und der Edle (chün-tzu) von den übrigen Wesen ab.
Innerhalb der chinesischen Anthropologie war das Problem der Menschennatur (hsing), die Frage, ob die Natur des Menschen (seine natürlichen Anlagen, sein Wesen) gut oder böse sei, stets von grosser Bedeutung. Von der Lösung dieser Frage hängt die Verantwortlichkeit des Menschen für sein Handeln ab.

Es gibt hierzu drei grundsätzliche Haltungen:

a) die menschliche Natur ist gut (Konfuzius, Mencius); die Güte muss durch Pflege (Selbstkultivierung) erhalten oder wiedergewonnen werden (Heil/Heilsweg);

b) die menschliche Natur ist schlecht (Hsüntzu), deshalb bedarf sie der Erziehung (Etikette);

c) eine gemischte Haltung: die menschliche Natur ist weder gut noch schlecht (Kao Pu-hai, Wang Yang-ming), oder sie ist teils gut, teils böse (Wang Ch'ung). Nach der konfuzianischen und neokonfuzianischen Tradition ist jen (Menschtum, Menschenliebe, Humanität) die moralische Qualität, die den Menschen zum wahren Menschen macht.
Im Taoismus, der als Naturalismus gilt, stehen der Mensch und die Gesellschaft nicht im Mittelpunkt der Natur. Der Taoismus unternimmt es auch nicht, aus Naturabläufen die menschliche Sozialordnung herzuleiten, vielmehr kommt es darauf an, die spontane (tzu-jan) Naturordnung auf menschliches Denken und Handeln zu übertragen (Meditation). Der ideale Mensch stört die Natur nicht, er lässt nicht zu, dass man die Natur beeinträchtigt (wuwei), er wird ein Sozius der Natur und bildet mit ihr die Einheit. Als Mikrokosmos korrespondiert er ohnehin mit dem Makrokosmos; zwischen den beiden gibt es ein System der Entsprechungen (z.B. fünf Elemente, wu-hsing). Die Taoisten bedienten sich der enstatischen Meditation, um den Mikrokosmos zu entleeren, damit er frei wird für das Tao (Rückkehr zum Tao).
Seit dem 19. Jh. hat sich in der chinesischen Anthropologie ein Wandel vollzogen. China öffnete sich den Einflüssen des Sozialismus und Marxismus. Im Anschluss daran entstand das maoistische Menschenbild („der neue Mensch"), das jedoch in neuerer Zeit verworfen und in den Begriff „sozialistische geistige Zivilisation" integriert wurde.
 


 

 

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