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Die Geschichte der
älteren Hochkulturen verweist uns auf gemeinsame Grundphänomene zwischen
Heilkunst und Heilskunde. Der kranke Mensch fühlte sich zu allen Zeiten
angewiesen auf das Numinosum. In der Gottheit suchte er das Heil in Gestalt.
Hier erhoffte er die Hilfe in Person. Hier fand er die Wende der Not. Nicht
von ungefähr trägt der alte Mythos in sich schon alle Tendenz zum Heilen,
Ganzen, Gesunden, zum Heilmachen, zu Reinheit und Heiligkeit, zu Heilung und
Heil. In einem frühen Werk über „Medicin und Religion" (1902) hat H.
Magnus bereits auf diese innere Verbindlichkeit hingewiesen: „Da nun Medicin
wie Religion nicht allein seit undenklichen Zeiten unzertrennliche Gefährten
des Menschen-geschlechts, sondern sogar stets auch die vornehmsten Factoren
des menschlichen Wohlbefindens gewesen sind, so mussten Beide zweifellos oft
Gelegenheit finden, miteinander in Berührung zu kommen." Angesichts derart
enger Berührung lässt sich die historische Entfaltung der Beziehungen zwischen Medizin
und Recht nahezu lückenlos verfolgen. Der Zusammenhang zwischen Heilung und
Heil zeigt sich durchgehend in allen archaischen Hochkulturen, und damit
auch die therapeutische Zielsetzung der grossen Religionen. Auf der anderen
Seite finden wir aber auch schon frühzeitig, spätestens mit der
hippokratischen Medizin im klassischen Griechenland, die verschiedensten
Emanzipationsprozesse, und damit eine Loslösung der Heilkunde aus ihrer religiösen
Verankerung, einen Rückzug schliesslich auch der Heilskunde auf die Sorge
lediglich um das „Seelenheil" des Menschen, reine „Seel-Sorge", die kaum
noch etwas erkennen lässt von dem ursprünglichen Leitbild des Dienens und der
Dienste.
M. und Theologie standen noch im frühen Abendland in einem engen fachlichen
wie personellen Konnex. Heilskunde, Heilkunst und Lebenskunde waren in den
praktischen Bereichen kaum zu trennen. Es ging immer und überall um die
Sorge für das Heil der 'Seele wie des Leibes, um den ganzen Menschen. Die
ma. Klöster verstanden sich als „officina salutis et sanitatis", als
Heilsstätte und Heilstätten zugleich. A. v. Harnack (1892) nannte in diesem
Sinne das alte Christentum .„eine medizinische Religion". Er beruft sich auf
die "Taufe als Bad zur Wiederherstellung der Gesundheit (nach Ignatius,
Justinus, Irenäus), die Busse als „vera de satisfactione medicina" (Cyprian)
und das Abendmahl als „Pharmakon der Unsterblichkeit". Bereits im frühen
Christentum finden wir -offensichtlich in Analogie zum Asklepioskult - die
Formel vom „Christus Medicus". Um das Jahr 110 schon wird Christus als Arzt
genannt. In einem Schreiben des Bischofs Ignatius v. Antiochien an die
Epheser heisst es: „Einer ist Arzt, aus Fleisch zugleich und aus Geist,
Jesus Christus, unser Herr." Um die gleiche Zeit lesen wir in den apokryphen
„Acta Johannis": Christus sei der Arzt, der umsonst heilt, der allein
barmherzig ist, der die Menschen liebt (philänthröpos); er allein ist der
Heiland (sötür); ähnlich bei Arnobius, bei Klemens v. Alexandrien, bei
Ambrosius, Augustinus und Hieronymus. Mit der Ausbreitung der „Regula
Benedicti" war es in zahlreichen Orden üblich geworden, die als
selbstverständlich erachtete asketische Lebensführung mit einer
systematisierten leiblichen Lebensstilisierung zu verbinden und zu
harmonisieren. Zur „re gula vitae" gehörte gleichrangig die „cura corporis",
traten Vorschriften zur Gesunderhaltung und Pflege des Leibes, wie etwa an
der „Explanatio Regulae S. Benedicti" Hildegards v. Bingen (1098 bis 1179)
ersichtlich wird, aber auch an zahlreichen „Constitutiones" verschiedenster
Orden.
Weitaus systematischer noch begegnet uns das Wechselgespräch zwischen
Theologie und M. in der Hochkultur des arab. MA. Schon der Grundbegriff
„Islam" weist uns auf den „salam" hin, was auch Frieden heisst, mehr aber
noch das Wohlergehen im Ganzen, das „hölon" der Griechen, die „integritas"
der Scholastiker, das, was Paracelsus übersetzen konnte mit „Gesunde und
Gänze". Nach einem Prophetenwort kann es immer nur zwei Wissenschaften
geben: Heilskunde und Heilkunde, und damit auch nur zwei Fakultäten. Der „Uitim"
war der theol. informierte Jurist und Politiker, wie auch der „bakim" der
immer nur philosophisch zu bildende Arzt war, der seiner theoretischen
Intention nach einfach aus sein musste auf Besserung, auf Heilung und Heil,
auf den „salam". Es ist von kaum abzuschätzender Bedeutung, dass aus diesen
beiden Grunddisziplinen im lat. MA die vier Fakultäten eines „Studium
Generale" werden konnten. Hier liegt im Keimgrund der abendländischen
Universitäten bereits der Verlust des Gleichgewichts von „Theorica et
Practica", der Bruch zwischen Erkenntnis und Interesse.
Mit der frühen Aufklärung erst kam es zu einer zunehmenden Differenzierung
von Heilskunde und Heilkunde. Der Körper wurde zum Feind des Geistes
deklariert; zur umfassenden Leibsorge trat eine sektiererische Seelsorge. In
seinem „Encheiridion medicum" (1836) noch nennt C. W. Hufeland (1762-1836)
seine jungen Kollegen „die Priester der heiligen Flamme des Lebens"; denn:
„Wem die Heilkunst nicht zur Religion wird, dem ist sie die trostloseste,
mühseligste und undankbarste Kunst auf Erden". Angesichts dieses Dilemmas
wäre sicherlich M. Heidegger zuzustimmen, der in seinem Brief „Über den
Humanismus" (1949) über die moderne Welt geurteilt hatte: „Vielleicht
besteht das Auszeich nende dieses Weltalters in der Verschlo senheit der
Dimension des Heilen. Viel leicht ist dies das einzige Unheil."
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