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Bei Unterschieden erweist
sich die Meditation als grundlegend menschliches Phänomen der Einübung von Wegen
menschlicher Selbstfindung und -verwirklichung im Eingehen auf und in den Grund menschlicher Existenz. Erscheinen diese auf
den ersten Blick als Techniken und aktiver menschlicher Einsatz, so sind sie doch weithin bestimmt vom Ziel der Entspannung, der Sammlung, des Sich-Loslassens, der Selbstverwirklichung durch
Selbstlosigkeit (Selbst), der Enstase durch Ek-stase. Aktivität und
Passivität, leib-seelische Ganzheit, Einbindung des kleinen (individuellen)
Ich in das grosse Ich (Mikrokosmos - Makrokosmos), Verbundenheit und
Identifizierung mit dem tragenden Grund und der „Tiefe" und Ergriffenheit
durch die Kraft aus der „Höhe", Überwindung einer kommunikationsunfähigen,
in sich gefangenen Egozentrik in einer umfassenden, selbstlosen neuen
Gemeinschaft sind auf je eigene Weise Leitideen, die den durch Meditation zu
gewinnenden neuen Ort auszuleuchten vermögen. Theologisch bietet Ps 139 eine
eindrucksvolle Zusammenfassung der meditativen Sammlung des Menschen in Gott
als des zuvor in Kategorien des Grundes, der Tiefe und Höhe, des Umfassenden
Angesagten. Die Pluralität der Gesichts- und Ansatzpunkte lädt aber dann
doch ein, nach Unterscheidungs- und Ordnungsmerkmalen zu suchen, zumal nicht
nur zwischen den verschiedenen Religionen, sondern auch innerhalb einer
Religion unterschiedliche Formen, Einstellungen und Einschätzungen der
Meditation
unübersehbar sind. Die Frage verschärft sich, wenn - wie es hier geschieht -
die Meditation mit der Mystik verbunden wird, die ihrerseits in den verschiedenen
Religionen einen ungleichen Stellenwert hat. Christlich erscheint eine
Zusammenschau von Meditation und Mystik heute insofern gerechtfertigt, als
Meditation wie
Mystik es im Christentum mit der Erfahrung Gottes zu tun haben und Glaube
und Gotteserfahrung im heutigen Verständnis wesentlich zusammengehören. Soll
die Unterscheidung der Meditation nicht aus einer dogmatischen Position vorgenommen
werden, so muss sie von der Phänomenbetrachtung ihren Ausgang nehmen. Hier
bietet sich dann eine Reihe von Unterscheidungspaaren an:
1.Aussen – Innen
Die menschliche Selbsterfahrung kann sich einmal darin ereignen, dass der
Mensch sich im Aussen seiner selbst plaziert sieht: in der ‚Natur, in der
‚Geschichte, in der "Tradition". Sinnlich gesprochen, kann sie geschehen
Im Sehen (Schau, Kontemplation, Vision), aber auch im Hören und im Gebrauch der übrigen Sinne. Die Wahrnehmung der Wirklichkeit geschieht in der
Meditation, wo sie nicht an Defizienzen leidet, stets in der Anwendung aller Sinne
(vgl. die ignatianische "applicatio sensuum") und im Einsatz aller
„Seelenkräfte" (vgl. die augustinische Trias „memoria - intellectus -
voluntas"). Die Gegenrichtung der Aussenschau ist die Innenschau, die
ihrerseits die Anwendung der Sinne und der Seelenkräfte zulässt. In einem
Miteinander von Innen- und Aussenschau ist die Sicht des Innen als
Mikrokosmos im umfassenden Raum des Makrokosmos gewachsen. Wo der Weg der
Einkehr nach Innen jedoch in der Abkehr vom Aussen gegangen wird, besteht er
nicht selten zugleich in einer Absage an Bild, Wort und Begriff bei
gleichzeitigem Stehen im Bild- und Wortlosen (?Schweigen), im Unbegriffenen,
führt die Meditation in das Un- bzw. Übergegenständliche.
2.Tun – Lassen
Wird im Zusammenhang des Einsatzes von Sinnen und Seelenkräften der Mensch
noch weithin als Handelnder erfahren, der zudem fähig ist, diese seine
Kräfte zu richten und zu ordnen, so erscheint dem Menschen in der Anwendung
der Kräfte im Aussen wie im Innen eine Grenze, die er zwar intentional in
seinem Verlangen, Wollen und Hoffen, selbst im Denken und in der Projektion
übersteigen kann, deren Jenseits sich aber dem Zugriff begrifflichen Denkens
entzieht. Sinnvollerweise hat der Mensch, wenn er sich nicht pragmatisch
im Vorläufigen ansiedeln und damit zufriedengeben will, nur die Möglichkeit,
sich im Aussen wie im Innen dem Anderen seiner selbst, d.h. dem Fremden und
Geheimnisvollen, zu überlassen bzw. sich in diesem Sinne los-zu-lassen und
damit der vollen Möglichkeit der Passivität, d. h. der Möglichkeit, dass
etwas an ihm geschieht und sich ihm mitteilt, auszusetzen. Da Geburt wie
Tod die beiden unausweichlichen Grenzen des menschlichen Daseins sind und
auf jeden Fall des Menschen Passivität erfordern, gehören diese beiden
Momente des Lebens zu den vorzüglichen Anknüpfungen der Meditation.
3.Weg – Ziel
Sowohl die Zeitspanne menschlichen Lebens zwischen Geburt und Tod wie die
Abläufe der Welt und der Natur erweisen sich als Weg-Strecken, die nach
ihrem Woher und Wohin rufen. Innerhalb des umfassenden Weges kann der Mensch
sich Teilziele setzen. Dies tut er inzwischen auch im Hinblick auf die
Meditation,
insofern er sie auf ausgegliederte Teilziele hin instrumentalisiert:
psycho-somatische Entspannung, Hygiene und Gesundheit; Konzentration und
Leistungssteigerung; Selbstfindungstherapie - etwa in der Herauslösung des
Yoga aus seinem religiösen Wurzelgrund, aber auch in der Kombinierung von
psychoanalytisch-therapeutischen Methoden und asiatischen Meditations-Techniken. In
religiöser Orientierung ist aber jede wahre Meditation auf das Letztlich-Umfassende,
Endgültige, Nicht-zu-Begreifende ausgerichtet, dem sich der Mensch nur
stellen, über das er aber nicht verfügen kann. Gemeinsam ist den
verschiedenen Religionen, dass sie das Letztlich-Unnennbare als etwas
verkünden, das sich im Laufe der Geschichte immer wieder mitteilt. Diese
Selbstmitteilung aber betrifft immer auch das, was religiös
als Ziel der Meditation genannt wird und mit dem Heil des Menschen und der Welt zu
tun hat: das Erkennen, die Schau der Wirklichkeit, wie sie ist, die Schau
der Natur der Dinge (jap. Jeensha), das Verkosten (jap. saton); Licht,
Erleuchtung, Erwachen in Dunkelheit, Blindheit, Unwissenheit, Irrtum, Nacht;
Befreiung, Erlösung von falscher Fesselung, Knechtschaft, Sünde, Schuld;
Einheit, Identität (Atman; Brahman), Gemeinschaft (unio cum Deo;
communio sanctorum), Liebe. Die verschiedenen Bezeichnungen werfen die Frage
auf, ob und wieweit sie lediglich als unvollkommene, zeit-, kultur- bzw.
religionsbedingte Namen des Selben anzusehen sind oder ob sie nicht vielmehr
Ausdruck unterschiedlicher Erfahrungen sind. Diese Frage verschärft sich, wo
es darum geht, zu entscheiden, ob die sich dem Menschen mitteilende letzte
Wirklichkeit (wie in Judentum, Christentum und Islam) personal ansprechbar
ist (Logos) oder aber (wie weithin in den meditativen Hochformen Asiens)
nicht nur unaussprechbar, sondern auch unansprechbar, somit namenlos und
unpersönlich bleibt.
4.Erfahrung – Sprache
Bei der Beantwortung der aufgeworfenen Fragen ist darauf zu achten, ob und
wieweit die meditative Erfahrung selbst unmittelbar zur Sprache kommt oder
ob es sich beim Sprechen von Erfahrung nicht um eine nachträgliche, der
Reflexion entsprungene Rede handelt, die dann vorrangig auf die
Begrifflichkeit der vorgegebenen Reflexionshorizonte zurückgreift. Der Christ
steht dabei in der besonderen Situation, dass er sich in seinem normativ
verbindlichen Glauben an die Inkarnation Gottes in Jesus Christus - unabhängig von aller konkreten meditativen Erfahrung - an die Geschichte dieses
Jesu von Nazaret mit seinem Gott gebunden weiss und somit seine eigene
meditative Erfahrung als Teilhabe an der Gotteserfahrung Jesu versteht.
Folglich tritt er an die fremde Meditation und ihre Versprachlichung mit der
doppelten Vorgabe der eigenen Erfahrung und ihrer Einbettung in den
Glaubensschatz des Christentums heran. Zu einer wirklichen Verständigung kann es
in der Situation spiritueller Begegnung mit fremdreligiöser Erfahrung nur kommen, wenn
alle Beteiligten einander begegnen mit der Bereitschaft, - theistisch gesprochen - Gott in allem suchen und finden zu wollen, und mit der Offenheit, das
Wehen des Geistes Gottes auch im Fremden wahrzunehmen, weil der Geist Gottes ein
Geist der Freiheit ist, der sich in Liebe und Gnade mitteilt, wo er will. In
Haltung der Offenheit, Selbstverleu gung und Selbstlosigkeit aber können
Anhänger verschiedener Religionen sich gegenseitig hineinrufen. Ungeachtet der
letzten sprachlichen Ausdeutung meditativer Erfahrung in den einzelnen Religionen, bedarf es aber gerade dort, wo
Meditation als Einweisung in die Sprachlosigkeit
verstanden wird, der begleitenden Hilfe der Erfahrenen bzw. der Meister des
geistlichen Weges. Diese sollten gerade auch in ihrer Religion kundig sein. Sie
müssen aber vor allem Meister der Unterscheidung der Geister sein. Denn der
Abbruch äusserer und innerer Stützen führt den Übenden zu einer Gratwanderung
zwischen Leben und Tod, Hoffnung und Verzweiflung, deren Sprachlosigkeit und
Einsamkeit nur in der Begegnung mit erfahrenen Wegbegleitern, in der Berührung
von Herz zu Herz (jap. ishindenshin bzw. in einer ebenbürtigen Erkenntnis (bei
Thomas v. Aquin cognitio per connaturalitatem) durchzustehen ist. Was
christlich bis in das Zentrum endgültiger Erfüllung hineinträgt und in ihr
nicht verlorengeht, behält asiatisch-buddhistisch zumindest auf dem Wege
seine Gültigkeit: die Nachfolge, der Dialog, die Gemeinschaft.
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