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Für das antike Judentum
wird eine meditative Praxis am eindeutigsten für Essener und Therapeuten
überliefert, doch ist die Frage der Zuverlässigkeit der betreffenden
Nachrichten offen. Für die Essener können nun die Texte von Qumran mit verglichen
werden, in denen für die „Jachad"-Gemeinde ein turnusmässiges kontinuierliches Studium der verbindlichen Schriften vorausgesetzt wird, doch muss dies nicht
meditativer Art gewesen sein, da es offensichtlich vor allem um Rechtsfindung
ging. Im Bereich der privaten Erbauung wurde im antiken Judentum wohl der
Psalter am ehesten für erbaulich-meditative Lektüre verwendet, wie auch das rabbinische
Schrifttum eine Bibellektüre solcher Art speziell für den Sabbat vorsieht.
Meditations-Technik hingegen setzt die esoterische Überlieferung in den „Hekalot"-Texten voraus, auch eine bestimmte
Meditations-Haltung, sitzend mit dem Kopf zwischen
den Knien, eine Praxis, die in der mittelalterlichen jüdischen Mystik weiterlebte. Gegenstand der
esoterischen Meditation ist aber nicht ein Text, sondern die himmlische Welt
mit ihren
Engeln und deren Liturgie, wobei Texte zwar vorausgesetzt werden, doch als magisch-theurgische Mittel des „Aufstiegs" zur Thronsphäre Gottes. Zunehmend
an Gewicht gewann in Spätantike und Mittelalter die Buchstaben-, Zahlen-, Wort- und
Namenssymbolik, die das Hebräische als Sprache der Schöpfung voraussetzt und
somit der meditativen Beschäftitigung mit den Buchstaben (zugleich Zahlenwerte)
der Tora und der Gebete übernatürliche Wirkungen zuschrieb. Dabei spielten
entsprechende exegetische Methoden wie Gematrie (Zahlenwert der Buchstaben,
Wörter, Verse), Temurah (Vertauschen) und Seruf (Verbindung) eine immer
grössere Rolle. Am umfangreichsten wurden diese esoterischen Meditations-Methoden
dann im „aschkenasischen Chas(s)idismus" (13./14. Jh. in Mitteleuropa)
aufgegriffen und angewendet, nicht bloss in bezug auf den Bibeltext, sondern
gerade auch die traditionellen Gebetstexte. Je populärer solche Verfahren
wurden, desto enger wurde die Nachbarschaft zur Magie, die ja dieselben
Grundauffassungen von Sprache und Text teilte. Ungleich anspruchsvoller
präsentiert sich die Meditation der Kabbalah. Sie setzt zwar dieselben
Grundanschauungen voraus und übernahm auch die genannten exegetischen
Methoden, doch richtet sich die Meditation voll und ganz auf die Betrachtung der
göttlichen Wirkungskräfte, der Sefirot. Ziel der Meditation des Kabbalisten ist es,
mit solchen Methoden und Mitteln die geistige Erhebung in die inneren
Vorgänge der Sefirotwelt zu erreichen, gelegentlich auch im Sinne der
Ekstase aufgefasst, häufig jedoch ausgesprochen intellektualistisch als
Erkenntnisvorgang, allerdings unter der Voraussetzung realer Wirksamkeit,
nicht bloss der kontemplativen Betrachtung. Einerseits bedingte die kabbalistische
Meditation
eine Relativierung der irdisch-sinnlichen Belange als blosser Chiffren der
eigentlich allein massgeblichen Sefirot-Vorgänge, zugleich aber dient ihr
die materielle Welt und irdische Existenzweise eben als Medium zur
Erkenntnis der „Oberen" Dinge, so dass sie vorläufig unverzichtbar bleibt,
wie eben auch die gottbefohlene Lebensweise nach der Tora
selbstverständliche Basis auch kabbalistische Meditation und Erkenntnis bleibt. Endziel ist
auch hier der „jichud", die Einheit hinter der Vielheit. In der neuzeitl.
Spätkabbalah verstärkt sich das meditative Anliegen. Daneben und
insbesondere im osteuropäischen Chas(s)idismus trat aber weithin eine gewisse
Vulgarisierung der kabb. Meditation ein, sie verband sich - schon seit dem späten MA
- mit den popularisierten Formen der Meditation in der Nachwirkung des „aschkenasischen
Chas(s)idismus". In Osteuropa dürften auch ostkirchl.-häretische Tendenzen
mit eingewirkt haben. Die Meditation im osteurop. Chassidismus wird nämlich im
Gegensatz zur älteren Tradition zunehmend an bestimmte heiligmässige
Gestalten („Zaddikim") gebunden, die gewissermassen stellvertretend für ihre
Anhängerschaft die Verbindung mit der „oberen" Welt herstellen und
gewährleisten. Daneben lebte in orth. Kreisen die kabb. Meditation weiter. Im
aufgeklärten Judentum freilich wurden diese Traditionen negativ bewertet und
als Ergebnisse fremder Einflüsse abgetan.
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