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1. K. Marx verbindet in
seiner Auseinandersetzung mit Religion (R.) auf eigenwillige Weise mehrere
Motive traditioneller Religions-Kritik. Zunächst knüpft er an jene Lehren der
Aufklärung an, denen wissenschaftliches Denken und religiöser Glaube, besonders in dogmatischer
Form, unvereinbar erschienen. Marx erwähnt hier besonders die französischen
Materialisten des 18. Jahrhunderts, spielt aber auch auf den spätantiken
Materialismus an. Er wiederholt sie freilich nicht im einzelnen, sondern
setzt sie in einem intellektuellen Klima, in dem Atheismus und Religions-Kritik
für aufgeklärte Köpfe bare Selbstverständlichkeit waren, als bekannt voraus.
Dies wirkte sich auch in der Hegel-Debatte aus. Dessen Bestimmung von Religion als
Absolutes in der Weise der „Vorstellung" lud dazu ein, Religion als populäre,
vorbegrifflich-naive Form des Denkens zu begreifen. - Über Feuerbachs
anthropologischen Materialismus, der besagte, der Mensch habe sein Wesen auf
die Idee eines jenseitigen Gottes projiziert, fand Marx das Konzept, Hegel
„vom Kopf auf die Füsse zu stellen". Nicht nur Religion, auch Metaphysik, Moral
und Ideen der blossen Vernunft schlechthin lassen sich demnach nur als
Ausdruck des historisch jeweils erreichten Standes gesellschaftlicher Produktivkraft, zu der auch das Potential an verfügbarem Wissen gehört,
interpretieren. Alle Theorien werden „Ideologie", sofern sie diesen
Zusammenhang leugnen oder übersehen, um letztlich an einer idealen Welt des
Geistes jenseits der konkreten sozialen Realität festzuhalten.
Dass dies speziell für die Bedingungen der bürgerlichen Gesellschaft bzw.
kapitalistischer Produktionsverhältnisse gilt, sucht Marx schon in den
Frühschriften nachzuweisen. R. dient ihm darin geradezu als Paradebeispiel
für Ideologie. Dabei versteht er sie nicht mehr allein in ihrer
Legitimationsfunktion für die politische Restauration, der die christl.
Kirchen sich nahezu blind verschrieben hatten; vielmehr entdeckt Marx eine
neue Funktion der R. unter den Bedingungen industrieller
Modernisierungsprozesse: dass R. nämlich die mit dem kapitalistisch
orientierten Modernisierungs- und Industrialisierungsprozess verbundene
Klassenaufspaltung und Verelendungstendenz durch Innerlichkeit und
jenseitsbezogene Trostverheissungen aufzufangen suchte; also quietistisch
statt politisch-praktisch. So ist R. zwar „Seufzer der bedrängten Kreatur",
das „Gemüt einer herzlosen Welt", Ausdruck des wirklichen Elends, aber nicht
seine Überwindung, sondern ein letztlich illusorisches Narkotikum, das nur
Symptome, nicht Ursachen angeht: Opium des Volkes.
An dieser Einschätzung ändert sich auch im späteren Werk Marxens nichts
Entscheidendes. R. bleibt eine „Nebelregion", in der Oben und Unten verkehrt
wurden, ein Fetischglauben, in dem sich die Kreationen der menschlichen
Phantasie und des Wunschdenkens zu scheinbar realen Gestalten verfestigt
haben, die dann als übernatürliche Ideale verehrt werden. Ebendies aber
verbindet R. mit dem Zur-Ware-Werden des Menschen im Kapitalismus: Die
Sphäre des Marktes, des Waren- und Produktentauschs, verselbständigt sich in
ihren Mechanismen gegen ihre Urheber: die eigentlichen Produzenten und ihre
Bedürfnisse. Wie die verselbständigten Idole der R. objektivieren sich auch
im Warenfetischismus die Produkte gegen ihre Erzeuger. Diese „verdrehte
Welt" begreift Marx als Kern des rel. Bewusstseins. Mit der überwin dung des
Klassengegensatzes und Entfremdung durch die kapitalverw tende
Produktionsweise werde desh auch der bedingende Grund für die u sinnig
gewordene R. hinfallen; sie wer , absterben.
2. Die weitere Entwicklung der R.stik im orth. Marxismus, dem „Dialek schen
Materialismus", bringt keine w sentlich neuen Argumente hervor, i Gegenteil,
sie verliert einiges von der Di ferenziertheit der Marxschen These. nins
„Opium für das Volk" knüpft an d alte Priestertrugsthese aus Aufkläru und
teilweise schon Antike an (was der dem Zarismus absolut ergebene von jeder
Aufklärung unberührten ru Kirche nicht nur polemisch erschein konnte).
Daneben aber hält Lenin R. einen Spezialfall von philos. Idealism der mit
Dialektischem Materialismus u vereinbar galt. Und schliesslich hatte, se dem
schon Engels „wiss. Weltanscha ung" für das marxistische Denken rekl miert
hatte, dieses selbst quasi-rel. mensionen angenommen. Von daher gibt sich
dann auch mit einer gewiss Konsequenz die planmässige Atheism Kampagne, die
nicht mehr auf das sel tätige „Absterben" der R. vertrauen ma Freilich hat
es auch viele abweichen Formen gegeben. Selbst im Umkreis nins gab es (von
ihm attackierte) G pen wie die „Gottbildner" (Gorki, Lu tscharski) oder
„Gottsucher" (Berdjaj Bulgakow). Engels hatte schon auf d urchristl.
Gemeinde-Kommunismus . eine Art Vorläufer des Sozialismus hin wiesen; in der
Arbeiterbewegung sel gab es überdies einen mit dem M. sich überschneidenden
rel. Sozialismus (W ling, M. Hess, Frühsozialismus usw.). Eine wirklich
ernsthafte und angem sene Auseinandersetzung findet sich e wieder bei
Autoren wie M. Ad! A. Gramsci oder vor allem E. Bloch. A ler sucht in
Anlehnung an Kant eine dere Weltordnung", in der Natur u Sittlichkeit zu
einer vernünftigen Einh kommen, die seit je als „Idee der Go heit" verehrt
worden sei. Gramsci blickt im Christentum „den grossartigs Versuch, in
mythologischer Form wirklichen Gegensätze des hist. Leb zu versöhnen". Bloch
blickt auf ein „e lich unentfremdetes" Christentum, in dem „die Emanzipation
der Mühseligen und Beladenen wirklich noch gemeint ist"... „es vereinigen
sich dann Marxismus und der Traum des Unbedingten in gleichem Gang und
Feldzugsplan."
3. Systematisch betrachtet, enthält die marxistische R.s-Kritik zwei
Elemente: zunächst die Kritik an der konkreten politischen Rolle der
kirchlich-rel. Institutionen; diese Kritik wird dort „widerlegt" und
gegenstandslos, wo Marxisten und Christen praktische Allianzen gegen
soziales Unrecht und politische Gewaltherrschaft bilden und wo der Eigensinn
rel. Lebensideale den menschenfeindlichen Verdinglichungszwängen
kapitalistischer Produktionsformen widerstreitet. Das schliesst freilich
auch die Legitimität von Kritik an Rechtlosigkeit und Gewalt unter
marxistischer Firmierung ein.
Das zweite Element der Kritik bezieht sich auf den Materialismus der
marxistischen Theorie. Sofern er als geschlossenes System gefasst wird,
besagt dies, dass alle Wirklichkeit letztlich stofflich, Vorstellungen wie
Gott, Seele oder Offenbarung demgemäss unhaltbar seien. Doch schon Marx
hatte dazu Differenzierungen angeboten: sein „Hist. Materialismus" spricht
nicht mehr von Stoff, Natur usw. an sich, sondern von ihrer
gesellschaftlich-historisch angeeigneten Form. Hinzu kommt, dass
Materialismus, sofern er nicht zur monistischen Metaphysik ausgedehnt wird,
letztlich nicht viel mehr besagt als (natur-)wissenschaftlich-illusionslose
Beschränkung der Erkenntnis auf die Welt realer Erscheinungen. In dieser
Hinsicht teilt er den unproblematischen „methodischen Atheismus" aller
modernen Wissenschaften. Trotz der polemischen Vorgeschichte und aller auch
durch Dialog nicht schon zu überwindenden aktuellen Gegensätzen verbindet M.
und R. der Anspruch, Wahrheit und Wirklichkeit, die bisher hist.-praktisch
stets auseinanderfielen, schliesslich miteinander zu versöhnen.
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