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Leben

1. Leben ist ein umfassender Begriff einer höchsten Seinsweise, der mit dem Tod als seinem radikalen Gegensatz die Grundform des Verhältnisses der geistig-personalen Wesen zur Wirklichkeit darstellt. Aufgrund dieses gleichsam transzendentalen Charakters entzieht sich der Begriff Leben einer adäquaten Beschreibung. Dem Phänomen kommt man schrittweise näher, wenn man die Stufen und Ordnungen des Lebendigen in den generischen und spezifischen Merkmalen aus verschiedenen Perspektiven ins Auge fasst.

2. Bei einer philosophischen Betrachtung sind zwei Aspekte des Lebens zu beachten: Aufgrund der leib-seelischen Konstitution erweist sich der Mensch in die Gesetzlichkeit der materiellen Welt eingebunden und damit der Vergänglichkeit unterworden. Zugleich aber gehört zu seinem Leben seine geistige Transzendenz auf das Sein und auf Gott als dessen Grund. Tod ist so einmal natürlich und wird zugleich als widernatürliche Bedrohung des Lebens erfahren. Aus der hoffenden und sinnzentrierten Mitte der Person entsteht mit metaphysischer Notwendigkeit - und nicht nur aus einer geängstigten Psyche, die den Illusionen der Selbstliebe verfällt - die universale Hoffnung auf die Bewahrung und Neugründung des Lebens in einem unvergänglichen, den Tod endgültig überwindenden ewigen Leben. Eine klare metaphysische Betrachtung verhindert eine biologistische und pantheistische Tendenz, das Leben als überpersönliche Kraft oder dunklen Allrhythmus zu verstehen und die Personalität und Transzendentalität des Geistes als wesenloses Begleit-Phänomen eines willkürlich sich bildenden materiellen Konglomerats abzutun. Leben ist vielmehr eine analoge geschaffene Verwirklichung des Daseins des personalen Gottes, bei dem im höchsten Sinn von Leben gesprochen werden kann.

3. Im Mythos, in den Religionen und Philosophien tritt die ganze Bandbreite des Problems des Lebens auf zwischen der materialistisch-biologischen und der spiritualistisch-transzendenten Sicht. In den frühen vorderasiatischen Religionen ist das Leben massiv an einen bestimmten Stoff (Blut, Atem, Wasser) gebunden. Der Sinn leitet sich nachhaltig von den als göttlich erlebten Vegetationsphasen ab. In einigen Philosophien erscheint das Leben als Schatten, dem das wahre Leben im Jenseits entspricht. Weniger weltflüchtig kann auch innerhalb des irdischen Lebens mit ethischem Verhalten oder einer Bewusstseinsveränderung der Lebenssinn durch eine Überwindung der Verfallenheit an niederhaltende innere und äussere Verhältnisse gewonnen werden und damit ein Durchbruch zur „Eigentlichkeit". Materialistisch besteht der Sinn in einem sinnlichen Genuss, bis alles zu Ende ist.

4. Entsprechend dem gänzlich anders gearteten Gottesverständnis tut sich in der christlichen Offenbarung eine Sicht auf, die nicht auf ein bekanntes Muster zurückgeführt werden kann. Das AT weiss vom Leben als einer Gabe des lebendigen Gottes (Ps 18,47), der die Quelle des Lebens ist (Ps 16,10). Leben ist das irdische Dasein zwischen Geburt und Tod. Es hat Segen in der Länge der Tage, Gesundheit, Besitz, Kinderreichtum und dem Einzug in das verheissende Land. Im Gedanken der Gottebenbildlichkeit und des Gehorsams dem Schöpfer und Herrn gegenüber ist allerdings schon ein einzigartiger Gottbezug ausgesprochen (Gen 1,27; Ps 8,6). Es ist der Lebens-Odem Gottes, der den Menschen zu einem lebendigen Wesen macht (Gen 2,7). Trotz der natürlichen Sterblichkeit des Menschen ist der Tod in seiner jetzt erfahrenen Tragik und Not Strafe Gottes und Ausdruck des Verlustes der ursprünglichen, sinnstiftenden Gemeinschaft mit ihm. Die hoffende Ausrichtung auf den Gott der Erlösung muss mit der Vergebung und Entsündigung auch den Gedanken der Überwindung des Todes als Erscheinung der Gnadenlosigkeit aus sich heraus freisetzen, wie es sich in dem Auferstehungsglauben (‚Auferstehung I) und der messianischen Zuversicht des späteren Judentums zeigen lässt. Der Erlöser überwindet auch den Tod für immer (Jes 25,8; 26,19 ff.). Das Leben mit Gott ist identisch geworden mit dem Heil schlechthin, wobei der nationale und universale Zug der messianischen Hoffnung nicht verlorengeht.
Jesu Proklamation des Reiches Gottes umfasst in einem die Nähe Gottes, Sündenvergebung, Heil der Menschen an Geist und Leib. Die christologische Konzentration des Begriffs vom Leben zwingt zu einer Unterscheidung zwischen irdisch-natürlichen und durch die Sünde schwer in Mitleidenschaft gezogenen Lebens (bios) und dem dieses übergreifenden, von Christus bestimmten neuen Leben in Gnade und Nachfolge. Im neuschaffenden Akt der Taufe beginnt schon das ewige Leben, wenn es auch noch mit Christus verborgen ist in Gott (Kol 3, 3). Leben und Tod müssen nun immer in einer doppelten Bedeutung gesehen werden: einmal als natürliches Leben und Sterben und Leben als Gemeinschaft mit Gott oder Tod als dessen verderblichen Verlust.

5. Die in der Lehre von der Seelenwanderung (vgl. Reinkarnation) ausgesprochene Überzeugung von mehreren Leben widerspricht nicht nur einer das Leib-Seele-Verhältnis gründlich durchdenkenden Anthropologie, sondern auch den Grundeinsichten des christlichen Glaubens von Schöpfung, Geschichte, Freiheit und Bewährung und letztlich der Personalität und Würde des menschlichen Lebens.


 

 

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