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1. Der Begriff „Konfuzianismus" wurde
erstmals von Jesuitenmissionaren im späten 16. Jahrhundert verwendet und diente
nachher als Bezeichnung für die mit dem chinesischen Weisen Konfuzius (551-479 v.Chr.) verbundene Denkschule. Die Chinesen selbst bevorzugen gewöhnlich den
Terminus Ju-chia oder Ju-chiao, die Schule oder die Lehren der Gelehrten,
die sowohl die Weisheit der Vergangenheit, welche Konfuzius den späteren
Generationen übermittelte, als auch die ganze Traditionsentwicklung nach ihm
umfassen. Weniger kritisch betrachtet, steht dieser Terminus heute auch für
die sogenannte konfuzianische „Spur" - ethische Lehren über politische
Loyalität, kindliche Frömmigkeit, weibliche Keuschheit oder die prämoderne
Sozialstruktur, in welche diese Lehren eingebettet wurden.
2. Der Konfuzianismus betrachtet die „Fünf Klassiker" als seine speziellen Texte. Sie
sind Bücher mit weithin verschiedenem Genre: das „Buch der Wandlungen" oder
I Ging, das „Buch der Urkunden" Shu-ching, das „Buch der Oden" Shih-ching
sowie das „Buch der Riten (Li-ching) und „Frühling und Herbst" oder Ch'un-chin.
In ihrem Grundgehalt gehen viele dieser klass. Bücher auf Konfuzius und
sogar auf die Zeit vor ihm zurück. Während der Han-Dynastie (125 v. Chr.)
bildeten diese Klassiker die Basis der Staatsprüfungen, zumal für den
Schuldienst. Damit wurde die Vorherrschaft der konfuzianischen Schule
gründet.
3. Das grosse Verdienst des Konfuzianismus besteht in der Aufdeckung des Letzten im
Relativen bzw. der moralischen Beschaffenheit menschlicher Beziehungen. Die
bekannten „Fünf Beziehungen" umfassen die Verhältnisse Herrscher-Diener,
Vater‑Ehemann-Ehefrau, älterer und jüngerer Bruder sowie Freund und Freund.
Drei von ihnen sind familiäre Beziehungen während die beiden anderen für
gewöhnlich in der Art von Familienmodellen ausgedrückt werden. Aus diesem
Grund betrachtet sich die konfuzianische Gesellschaft selbst als eine grosse
Familie. Verantwortung (des einzelnen), die aus den Beziehungen ableitet,
ist ve derbar und gegenseitig. Ein Herrs schuldet seinem Untergebenen Loyal
und ein Kind zollt seinen Eltern ki chen Respekt. Aber auch ein Unterg ner
muss für seinen Herrscher sorgen die Eltern für ihr Kind. Alle fünf B--
hungen unterstreichen die vertikale ordnung der Hierarchie. Die Pflicht
kindlichem Gehorsam, die Notwen keit, die Nachkommen zu schützen Rücksicht
auf die Bewahrung der K nuität zu den Ahnen, wurden für Jh.e ethischen
Rechtfertigung der Polyga Die konfuzianische Kultur ist zugleic ligiös und
weltlich. Ihr Grundvertr• beruht auf der moralischen Natur Menschen. Auch
wenn es Diskussio über das Gute und Böse in der mens• chen Natur gab, ging
man stets da aus, dass Vollkommenheit erreichbar Nach Mencius (372-289 v.
Chr.), ei berühmten Nachfolger des Konf besitzen alle Menschen ein Vergäll
von Gut und Böse (Mencius 2A,6); nau darin unterscheiden sich Me und Tier.
Zugleich entspringt hier der Glaube an die natürliche Gleichheit aller, die
trotz der sozialen Hierarchie und der Unterscheidung in „Zivilisierte" und
Barbaren" existiert. Konfuzianische Lehren richten sich auf die Verbesserung
der politischen Ordnung als Mittel zur Erreichung universaler Liebe. Die
JenLehre erstreckt sich bis auf die politische Ordnung, in der sie definiert
wurde als wohlwollende Regierung, eine Regierung' der moralischen
Überzeugung, in welcher der Führer ein Beispiel persönlicher
Rechtschaffenheit und selbstloser Hingabe für die Menschen gibt.
Konfuzianische Philosophen sprechen von einem Mandat, das vom höchsten
Herrn, vom Himmel, verliehen wird. Ein Regent, der zum Tyrann wird, verliert
de facto sein Mandat und kann abgesetzt werden. Diese Theorie wurde zur
Basis einer Lehre der Rebellion und ist der Grund für die vielen
aufeinanderfolgenden Dynastien in China.
4. Der Ausdruck li-chiao (rituelle Religion), der oft auf den K. angewendet
wird, betont sowohl die lehrhaften wie die rituellen Vorschriften für „gutes
Verhalten" in Familie und Gesellschaft; der chin. Begriff li bezeichnet
beides: Ritus und gute Sitten. Die konfuzianischen Lehren halfen sowohl den
alten Verehrungskult der Ahnen wie den Himmelskult - ein formeller Kult der
kaiserlichen Herrscher, die sich selbst als vom Himmel eingesetzt
betrachteten - lebendig zu erhalten. Mit der offiziellen Einführung des K.
wurden seine klass. Texte in Stein gehauen und ein Corpus an Kommentaren und
Unterkommentaren, verschiedene Traditionen der Textexegese enthaltend,
gesammelt.
Im chin. Sprachgebrauch meint K. sowohl eine Religion (chiao, wörtlich:
„Lehre") als auch eine Philosophie (chia, wörtlich: „Schulen der
Übermittlung"). Als Religion unterscheidet er sich aber von Judentum,
Christentum und Islam in ihrer Betonung der Offenbarung und dem Glauben an
Gott. Während Konfuzius an eine höchste Gottheit geglaubt zu haben scheint,
bevorzugte er es, einen für das Transzendente offenen Humanismus zu lehren.
Damit schlug er einen neuen Weg ein und entfernte sich von den frü heren
Beschäftigungen mit dem Übernatürlichen, wie sie z. B. im Shang-Orakel
bezeugt sind. Doch half seine Lehre den älteren Ahnenkult und die
Himmelsverehrung zu erhalten. Die treue Beobachtung der Riten erschienen
ihnen sinnvoll, solange sie von einer bestimmten inneren Einstellung
begleitet waren. Andernfalls tendiert sie zu Formalismus und Heuchelei;
Probleme, die die konfuzianische Gesellschaft durch die Jh.e plagten.
5.Wie jede offizielle Orthodoxie hat auch der K. Meinungsverschiedenheiten
verabscheut und dadurch Kreativität und Spontaneität unterdrückt. Es
bedurfte der vereinten Popularität von 7Taoismus und 'Buddhismus (IV 2),
damit eine Rückbesinnung auf die Wurzeln im sog. Neo-K. einsetzte. Diese
setzte (ab dem 10. Jh.) tatsächlich als Reaktion auf den Buddhismus ein und
verfolgte das Ziel, die verlorene spirituelle Botschaft der weisen Könige
wiederzuentdecken, die von Konfuzius über Tseng-tzu bis zu Mencius, den die
Philosophen der Sung(960-1279) und der Ming- (1368-1644) Dynastien dem
Hsun-tzu vorzogen, überliefert wurde. Während der letzten 1000 Jahre war der
Neo-K. die offizielle Philosophie in China, die die Errichtung einer
Republik vorbereitete. Die schriftlichen Kommentare, die von seinen
Repräsentanten verfasst oder kompiliert wurden, bildeten die meiste Zeit die
Grundlage des Prüfungskurrikulums.
Die Jesuitenmissionare, insbesondere Matteo Ricci, tendierten dazu, den
klass. K. der späteren Entwicklung vorzuziehen. Sie glaubten, dass es der
früheren Philosophie an einem Gottglauben ermangele und dass dieser „leere
Platz" von dem christl. Gott eingenommen werden könne. Auch wehrten sie sich
gegen die metaphysischen Dimensionen der neokonfuzianischen Philosophie, die
einen buddh. beeinflussten pantheistischen Zug aufwies. In unserer Zeit
haben jedoch führende chin. Schulen dieser missionarischen Haltung
vorgeworfen, sie übersehe die reiche spirituelle Dimension der
neokonfuzianischen Tradition. Tatsächlich ist es existentiell nicht möglich,
K. und Neo-K. zu trennen.
Die konfuzianische Tradition hat in moderner Zeit an Boden verloren, ist je
doch nicht tot. Wie das Christentum wurde sie mit Wissenschaft und Technik,
aber auch mit den sozialen und politischen Herausforderungen eines
marxistischen Regimes konfrontiert. Neuerdings gibt es Indizien für erneute
Anerkennung der Lebendigkeit der konfuzianischen Tradition und ihrer
moralischen Bedeutung seitens der Regierung selbst. Die Begegnung zwischen
Marxismus und K. ist jüngeren Datums; die von K. und Christentum ist noch
nicht beendet. Merkwürdigerweise neigen die marxistischen Schulen Chinas
dazu, den K. in religiöse Termini zu übertragen, um ihn so zu
diskreditieren. Diskussionen darüber, ob der K. eine Philosophie oder eine
Religion sei, sind im allgemeinen dazu bestimmt, die Überlegenheit der
Philosophie gegenüber der Religion darzustellen.
Seit 1984 feiert auch die Volksrepublik China wieder den offiziellen
Geburtstag des Konfuzius (28. September) als Tag des Lehrers und vereint
sich so mit Taiwan und Süd-Korea in der Verehrung des Weisen. Dieses ist um
so interessanter, als ostasiatische Gelehrte in wachsendem Masse einen
bedeutenden Teil des Erfolges bei der Modernisierung der pazifischen
Küstenstaaten den konfuzianischen Wurzeln ihrer Kulturen beimessen.
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