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Als Wert und Gestalt
religiösen Lebens kann Jungfräulichkeit nur aus einer das Gesamt des
Menschen umfassenden, oft vielerlei mythologischen Einkleidung überlieferten
Sicht des Menschen verstanden und gedeutet werden. Die christliche
Interpretation muss deshalb die Ergebnisse der Religionswissenschaft,
Religionsgeschichte und der Religionspsychologie miteinbeziehen, so diese
Möglichkeit in den Konstitutionen des II. Vatikanums LG 16 und GS 58 neu betont
worden ist.
Religions-wissenschaftlich beruht das Ideal der Jungfräulichkeit auf der
allg. Vorstellung von der Unverletzlichkeit des Heiligen, die schon früh auf
die leibliche Unversehrtheit und auf den freiwillig geistig-seelischen
Verzicht auf jede geschlechtliche Befriedigung eingeschränkt wird. Von den
Tabuvorstellungen der Primitiven führt die Entwicklung zu einer geradezu
paradoxen Ambivalenz, in der die Vielfalt von der Frau erfüllten Funktionen
sich im weiblichen Priestertum, in sakraler Prostitution und in asketisch
verwirklichter Jungfräulichkeit ausdrückt.
Das christliche Verständnis von Jungfräulichkeit und dessen Deutung wird
daher stets von Heiligkeit Gottes ausgehen und die anthropologischen
Voraussetzungen nicht ausser acht lassen, durch die Mann und Frau Träger der
Heilskraft Gottes sein können. Jungfräulichkeit schenkt z. B. nach indischer
Anschauungen Verbindung mit der göttlichen Allkraft, im Hellenismus durch
den hieros gamos (Hierogamie) enthusiastische und rauschhafte
Gottesbegegnung. Sie ist anthropologisch nicht auf die Frau einzugrenzen;
die in fernöstlichen und hellenischen Kulten begegnende Perversion darf
nicht übersehen, dass die in der Frühkirche mögliche Bezeichnung Christi als
archiparthenos die römische Verwendung der Vokabel virgo für Mann und Frau
voraussetzt.
Das christliche Verständnis der Jungfräulichkeit geht davon aus, dass die
Jungfräulichkeit in der Ehe zwischen Adam und Eva, im gleichnishaften
Sprechen vom Ehebund zwischen Jahwe und seinem auserwählten Volke angedeutet
und dass schliesslich die ganze Heilsökonomie als die eine Hochzeit des
Gottessohnes mit der ihm seit Ewigkeit anverlobten Menschheit gesehen werden
kann. Vielfältige Formen in den Kulten der Primitiven, der asiatischen
Hochreligionen und im Alten Testament weisen alle auf diesen Ausgangspunkt
hin. Er wirkt auch insofern nach, als es in Israel kein jungfräuliches
Priestertum gibt, andererseits im Bereich der Antike und später auch für die
Weihe christliche Jungfrauen Zeichen und Gesten aus den nichtchristlichen
Hochzeits- und Vermählungsriten übernommen werden (u.a. Schleier, Kränze,
Ringe). Die Beziehung der Jungfräulichkeit zum Gottesbund des Alten
Testaments führt schliesslich in der theologischen Wertung der
Jungfräulichkeit aus dem Geist der Kirchenväter zur paradoxen Formulierung:
„Die Ehe mit Gott schafft Jungfrauen", da die „personal erfüllende
Ganzhingabe an Gott naturgemäss keine personale Ganzhingabe an einen
Menschen zulässt". Die von der vergleichenden Religionswissenschaft
besonders hervorgehobenen Parallelen zum römischen Institut der Vestalinnen
haben sicher zur Wertschätzung der Jungfräulichkeit in der römischen Kirche
beigetragen, bedürfen im einzelnen jedoch einer sorgfältig differenzierenden
Betrachtung. Wichtig und bezeichnend bleibt allerdings, dass die schon in
patristischer Zeit (Ambrosius, Augustinus, Hieronymus, Leo I.) deutliche
Wertschätzung sich auch in liturgischen Texten Ausdruck schafft, die ebenso
in den nach dem II. Vatikanum erneuerten Texten sakramentlicher Feiern
erhalten bleiben und der Jungfrauenweihe im „Pontificale Romanum" einen
Platz gesichert haben, der sie über den Rang einer klösterlichen
Hausliturgie hinaushebt. Frühkirchlicher Praxis entsprechend kann die
Jungfrauenweihe nunmehr auch wieder in der Welt und ausserhalb einer
geistlichen Gemeinschaft lebenden Jungfrauen erteilt werden. Auch Parallelen
zwischen den Ehrennamen Mariens und denen christlicher Jungfrauen im Osten
und Westen betonen diese hohe Wertschätzung (z. B. aei parthenoi). In der
feministischen Theologie der Gegenwart ist es notwendig, die biblischen und
patristischen Aussagen zur Jungfräulichkeit methodisch genau eingrenzend und
differenzierend zu deuten. Jungfräulichkeit und Ehelosigkeit werden auch
dann als eine „in sich sinnvolle und erfüllte Lebensform" gesehen werden,
die in Riten und Gebärden auch die ihr gemässen leiblichen Ausdrucksformen
finden müssen. Wie bei kaum einem anderen Lebensideal kommt dem
Vorbildcharakter der Gestalt Jesu, Mariens und der Heiligen massgebende
Bedeutung zu.
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