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1. Zeit des 2. Tempels
(538 v. - 70 n. Chr.). Als Gruppe mit dem Anspruch, das Erbe des Alten
Israel darzustellen, begann das Judentum im babylonischen Exil (586-538 v.
Chr.) und während der persischen Oberhoheit (bis 333) unter Ausgrenzung
anderer Gruppen Gestalt zu gewinnen. Dabei kam es zum Übergang zur
Buchreligion, zur Anerkennung des Pentateuchs als schriftlicher „Tora" vom
Sinai. Ein Korpus von „Propheten"-Schriften und von Hagiographen, nicht vom
gleichen Offenbarungsrang, wurde zunächst nicht von allen Gruppen anerkannt.
Da die Gesetze im Pentateuch nur einen geringen Teil der zu regelnden
Bereiche abdecken, gab es von früh an weitere gesetzliche Regelungen, die
man infolge interner Gruppenauseinandersetzungen unterschiedlich
praktizierte und wertete. Diese Differenzen erhielten schicksalhaftes
Gewicht, nachdem sich der Glaube an einen zielgerichteten Lauf der
Geschichte verbreitet hatte, auf den Israels Gehorsam oder Sünde fördernd
oder hemmend wirkt. Was im Detail Gottes Wille in welcher geschichtlichen
Situation sei, wurde daher zum Gegenstand intensiver Auseinandersetzungen,
vor allem im Fall endzeitlicher Naherwartungen (Apokalyptik).
Organisatorisch bildete Juda nach dem Wiederaufbau des Jerusalemer Tempels
eine Tempelstaatprovinz unter dem Hohenpriester und einem Notablengremium.
Die Heimkehrer setzten ihre aus dem Exil mitgebrachten Vorstellungen und
Ansprüche nicht voll durch, doch gelang in der zweiten Hälfte des 5. Jh.
unter Nehemia und Esra eine personelle wie territoriale Abgrenzung,
verbunden mit pers.-staatlicher Anerkennung der „Tora". In der Folge kam es
zur Ausgrenzung der Samaritaner.
Unter Alexander dem Grossen (ab 332), den Diadochen, Ptolemäern und (ab 198
v.Chr.) Seleukiden blieb der Status quo im wesentlichen erhalten, doch
prägten Hellenismus und neue soziale und wirtschaftliche Tendenzen bald auch
die judäische Oberschicht. Konflikte brachen auf, sobald diese Tendenzen
auch politische Positionen bedeuteten und die hergebrachte toragemässe
Ordnung berührten. So unter Antiochus IV. Epiphanes (175-164 v. Chr.), der,
im Kriegszustand mit dem ptolemäischen Ägypten, in Juda eine hellenisierende
Partei unterstützte, ihr das Hohepriesteramt vergab und schliesslich am
Tempel in Jerusalem einen hellenischen Kult erzwang. Diese Krisenperiode
prägte das jüdische Bewusstsein nachhaltig und endete politisch mit einem
Erfolg des toratreuen Widerstandes unter Führung der „Makkabäer"
(Hasmonäer). Jonatan erreichte 153 v.Chr. die Ernennung zum Hohenpriester
und weitgehende Autonomie, Simon 141 v. Chr. die Souveränität. Die Annahme
der Hohepriesterwürde und ihre Verbindung mit weltlicher Herrschaft, ab
104/103 v. Chr. mit der Königswürde, erregte aber interne Kritik und
verstärkte Differenzen, die sich in drei grossen, Richtungen artikulierten:
1. Sadduzäer, Träger des priesterlich-aristokratischen Establishments,
2. Gruppen mit mehr oder minder akuter Endzeiterwartung und daher
radikalisierter Torafrömmigkeit (vor allem Essener, Gemeinde von Qumran),
meist in Opposition und z. T. (Qumran) separatistisch;
3. Pharisäer, eine Mittelposition, die kontinuierlich an Boden gewann.
Die Hasmonäerherrschaft endete in dynastischen Rivalitäten, die 63 v. Chr.
Rom zum Eingreifen bewegten. Zunächst blieben die hasmonäischen Hohepriester
mit beschränkter politischer Kompetenz an der Macht; 37-4 v. Chr. regierte
König Herodes, in Judäa bis 6 n. Chr. sein Sohn Archelaos. Danach wurde
Judäa direkt von römischen Prokuratoren regiert, doch behielten Hohepriester
und Synedrium gewisse Kompetenzen. Vor allem eschatologisch orientierte
Gruppen sahen in Rom „das vierte Weltreich" des Buches Daniel.
Dementsprechend radikalisierte sich die politisch-religiöse Szenerie, die
Zeloten und Sikarier suchten den bewaffneten Konflikt im Vertrauen auf die
heilsgeschichtliche Wende. Das frühe Christentum entstand ebenfalls in
dieser Periode der Gärung. Konflikte mit nichtjüdischen Bevölkerungsgruppen
in Palästina und in der seit Alexander dem Grossen gewachsenen Diaspora
häuften sich. 66 n. Chr. geriet Judäa, durch Anfangserfolge getäuscht, in
einen letztlich aussichtslosen Aufstand gegen Rom, der 70 n. Chr. mit der
Zerstörung des 2. Tempels endete. Spätere Aufstandsversuche, 115-117 in der
Diaspora, 132-135 nochmals in Judäa, bestätigten nur die eindeutige
Übermacht Roms, von da an als „Edom" die gottfeindliche Weltmacht
schlechthin.
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