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Judentum - von der Aufklärung zur Gegenwart |
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Die jüdische Aufklärung
erfasste zunächst die Oberschicht des mittel- und westeuropäischen Judentums
und ging von drei Schwerpunkten aus. Im Norden Berlin mit N. H. Wessely, M.
Mendelssohn und deren Kreis; im Süden, in gemässigter, traditionsbewussterer
Form Oberitalien; im Zentrum Böhmen/Mähren in vermittelnder Position, vor
allem auch gegen Osteuropa hin. Hauptanliegen war eine Erziehungsreform, die
Einführung profaner, beruflich nützlicher Unterrichtsinhalte. Ziel war eine
gesündere, für den Staat „nützliche" Sozial- und Berufsstruktur. Zugleich
wurde die volle Teilnahme an der Umweltkultur erstrebt. Die dabei gewünschte
Wiederbelebung des Hebräischen neben der Übernahme der Landes-Schriftsprache
gelang im Bereich der Berliner Aufklärung nicht, hier nahm alsbald die
Assimilation an deutscher Sprache und Kultur rasch zu. Die „bürgerliche
Verbesserung" der Juden im Interesse des aufgeklärt-absolutistischen Staates
war mit der Zuerkennung bürgerlicher Rechte verbunden. Alsbald, in der
Napoleonischen Ära oft recht plötzlich, war das Ziel die völlige
Gleichstellung aller Bürger (Emanzipation). Dies allerdings um den Preis des
gleichen staatlichen Rechts für alle und somit der Preisgabe der bisherigen
jüdischen Gemeindeautonomie mit eigener Gerichtsbarkeit. Das bedeutete die
Reduzierung der Geltung der „Tora" auf religiös-rituelle Belange, wogegen
sich die traditionalistische („orthodoxe") Mehrheit lang entschieden
sträubte. Sie verlor in West- und Mitteleuropa aber rasch an Gewicht, die
kulturelle und nationale Assimilation gewann die Oberhand, nur in Osteuropa
blieb alles weithin beim alten, .weil dort eine ungebrochene rabbinische
Orthodoxie wie der im 18. Jh. in teilweiser Spannung zum „Rabbinismus"
entstandene Chas(s)idismus jede Neuerung ablehnte. Dadurch verhärteten sich
hier nicht nur die religiösen Verhältnisse, sondern auch die bei
sprunghafter Bevölkerungszunahme immer problematischeren Sozialstrukturen.
Die osteuropäische Aufklärung des 19. Jh. scheiterte an innerjüdischem wie
nichtjüdischem Widerstand. Im sog. „Westjudentum" folgten der eingetretenen
Assimilation auch religiöse Reformen. Man führte im Gottesdienst die
Landessprache ein, kürzte die Liturgie, diskutierte die Abschaffung von
Bräuchen und Vorschriften. In der Praxis kam es häufig zur völligen
Preisgabe der traditionellen Lebensweise. Ein traditionsbewussterer Flügel
grenzte sich daher gegen Mitte des Jh. davon ab, in den USA gegen Ende des
Jh. Dieses „konservative Judentum" suchte trotz moderner Orientierung und
Assimilation möglichst viel von der Tradition zu bewahren, jedenfalls einen
„Wesenskern". Noch stärker der Tradition verpflichtet fühlte sich die
Neo-Orthodoxie, Grundlage für modernisierte Spielarten der Orthodoxie im 20.
Jh. Diese Vielfalt liess eine einheitliche Definition des Judentums kaum
mehr zu. Das assimilierte Judentum verstand sich als „Konfession" (nicht als
Nation), die Orthodoxie beharrte auf der Einheit von Religions- und
Volkszugehörigkeit. Für alle „Modernen", vor allem für Reformjuden, war ein
fortschrittsgläubiger Kulturoptimismus (als Ersatz für die messianische
Hoffnung) kennzeichnend, eine rationalistisch-aufklärerische Note, die
Betonung eines „prophetischen", „ethischen Monotheismus" (im Gegensatz zum
nicht-jüdischen, „physischen Monotheismus"). Die der Struktur nach
religiösen Richtungen (Orthodoxe/Chas(s)idim, Konservative, Reformjudentum,
säkularisierte Randschichten, Randschichten ohne jüdisches Bewusstsein,
Konvertierte) wurden gegen Ende des 19. Jh. um eine politische Dimension
ergänzt. In Osteuropa vor allem entstanden sozialistische und anarchistische
Gruppen, weithin religiös uninteressiert oder anti-religiös eingestellt, und
mit den osteuropäischen Auswanderern griffen sie auf den Westen und nach
Nordamerika über. Zugleich erwuchs auch im Judentum ein modernes, im Prinzip
säkulares Nationalbewusstsein in einer sozialistisch orientierten
Nationalbewegung mit zwei konkurrierenden Richtungen: eine mit dem Ziel
regionaler Autonomie und jiddischer Sprache und Kultur, die andere auf
Palästina fixiert und hebräischsprachig, schliesslich zionistisch. Ebenfalls
in Osteuropa entstand nach 1882 die Palästina-Siedlungsbewegung („Chibbat
Zion") unter der Losung der nationalen „Auto-Emanzipation", im Rückgriff auf
die historische Heimat und mit sozialreformerischen, vor allem auf eine
jüdische Landwirtschaft gerichteten Zielsetzungen. Religiös neutral, bot sie
auch Platz für etliche Orthodoxe, die hier ihre religiöse Wertung des
„Landes Israel" und ihre messianisch gefärbten Zukunftserwartungen mit
einbrachten. Die nationale Bewegung fand ab 1897 mit dem 1. Zionistischen
Weltkongress in Basel einen organisatorischen Rahmen in der Zionistischen
Weltorganisation. Religiös neutral (sogar eher antirabbinisch) mit einem
säkularen modernen Judenstaat als Zielvorstellung suchte sie vorrangig eine
Zufluchts- und Heimstätte für verfolgte Juden. Die Weltorganisation umfasste
bald fast alle Schattierungen des politischen Spektrums, hatte aber ausser
den engagiert Assimilierten noch lange das „Konfessionsjudentum" sowohl
reformjüdischer wie neo-orthodoxer Spielart gegen sich, auch die Mehrheit
der Orthodoxie (mit Chas[s]idismus), soweit diese einen „jüdischen" Staat
vor messianischen Verwirklichung, in jedem Fall einen säkularen jüdischen
Staat, ablehnt. Nur eine Minderheit der Orthodoxen, 1902 im „Mizrachi"
organisiert, wirkte der Weltorganisation mit, die religiösen Kräfte aus der
osteuropäischen Palästinabewegung verstärkend, im Ganzen aber ohne
politisches Gewicht, wenn man von der 1905 (Ablehnung des Uganda-Plans)
endgültigen Fixierung auf das „Land Israel" absieht. Die religiöse Bedeutung
des Zionismus blieb insofern lange begrenzt. |
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