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1. Die Eigenart der
christlichen Quellen über Jesus ist dadurch gekennzeichnet, dass sie weder
historische Berichte sind noch solche zu sein beanspruchen. Jesus hat keine
Schrift hinterlassen, sondern Menschen zur Nachfolge in seine
Lebensgemeinschaft berufen, in der seine Person, sein Gottesverhältnis, sein
Wirken und die Erfahrungen im Umgang mit ihm bewahrt würden, so dass die
schriftlich niedergelegten Zeugnisse in einem kaum exakt aufhellbaren
Ineinander von Wirken und Wirkung Jesu berichten. In dieser Perspektive wird
der Unterschied früher und später neutestamentlicher Zeugnisse deutlich. Die
auf lebendiges Zeugnis angelegte Botschaft Jesu bildet sich ein immer
tieferes Verstehen in lebendigen Menschen heraus. Zeitlicher Abstand zu
Jesus ist kein Indikator für Verfälschungen. Von Eigenart der Zeugen und der
Zeugnisse her besteht kein Anlass zur Annahme, nachösterliche Christus, der
Christus des Glaubens, sei totaliter aliter als der vorösterliche Jesus. Die
Behauptung der Identität impliziert historisch-kritische Exegese, um der
Sache des Verstehens des Glaubens auf der Spur zu bleiben. Die
Wirkungsgeschichte ist ständig zu verbinden mit Frage nach Wirken und Person
Jesu von Nazaret. Als einzige Zeugen verbleib die neutestamentlichen
Schriften, insbesondere die drei Synoptiker (deren Verhältnis zueinander
durch die Zweiquellenhypothese als geklärt angesehen wird) und Johannes.
Ausserbiblische Quellen über Jesus sind äusserst dürftig. Der jüdische
Schriftsteller Flavius Josephus (gest. nach 100; Ant XVII 6 christl.
Interpolation?; Ant XX 200) und der Talmud bezeugen im Grunde nur die
Existenz Jesu. Die römischen Autoren Sueton (gest. um 140; Vita Claudii cap.
25), Tacitus (gest. nach 11 Ann. XV 44) und Plinius d. J. (gest. nach 113;
Ep. ad Traianum 96-97) belegen, dass der Name Christus im Rom des 1. Jh.
bekannt war und dass es eine auf ihn sich zurückführende Bewegung gab. Der
Christenbrief des Plinius gilt als ältestes nichtchristliches
Eucharistiezeugnis und Beleg der Verehrung Christi als Gott durch die
Christen. Die nichtkanonischen Evangelien scheiden wegen der unentwirrbaren
Vermengung von Phantasie und Historie als Quellen aus; ebenso wenig sind die
nichtneutestamentlichen Agrapha Jesu (aus Kirchenvätern, späteren Autoren,
Papyri aus Oberägypten oder islamischen Quellen) als Zeugnisse verwertbar.
2. Als Rahmen des Lebens Jesu wird meist die Zeit 6/7 v. Chr. - 30 n. Chr.
angegeben. Während es für Jesu Geburtsdatum im Neuen Testament keinen
konkreten Hinweis gibt - der 25.12. ist für das Jahr 336 Rom nachgewiesen -,
gilt unter Verwendung der von den Synoptikern abweichenden Chronologie des
Johannes meist Freitag der 14. Nisan des Jahres 30 Todesdatum ( = 7.4.30).
Als erste Wirkungsstätte Jesu ist Galiläa anzusehen. Wir kennen die Orte, an
denen Jesus wirkte, nicht aber die konkreten Reisewege. Als Heimat Jesu gilt
Nazaret. Die Tradition bei Mt und Lk vom Geburtsort Bethlehem muss kein
Widerspruch sein, könnte aber auch christologisches Postulat sein. Aus der
Bezeichnung Kafarnaums als „seine Stadt" folgt nicht zwingend, dass Jesus
dort geboren ist. Die Nachrichten über Jesu Familie sind spärlich. Die
Auslegung der „Brüder und Schwestern" Jesu als Kinder Marias ist nicht
zwingend. Über Kindheit und Jugend Jesu wissen wir nichts. Er scheint wie
Josef Zimmermann gewesen zu sein. Dass er (mit Maria von Magdala)
verheiratet gewesen sei, ist durch nichts zu belegen.
3. Mit Recht kann die kommende Gottesherrschaft das „Geschick Jesu" genannt
werden. Er erfährt sie als ihm von Gott zugeeignet. Das Geschick seines
Lebens ist der Ort der eschatologischen Heilsgegenwart der Gottesherrschaft.
Jesu Geschick ist von Anfang an als mögliches Missgeschick denkbar gewesen,
und er musste wohl mit der Möglichkeit eines gewaltsamen Todes rechnen. Das
irdische Missgeschick Jesu ist sein wahres Geschick. Die Herrschaft Gottes
kommt trotz des Todes Jesu am Kreuz. Die Auferstehungsbotschaft besagt, dass
der gekreuzigte Jesus, in dessen Leben und Taten die Gottesherrschaft als
Heil gerade für die Armen, die Leidenden, die Sünder als gegenwärtig
erfahrbar wird, als die persongewordene Liebe Gottes zu den Menschen in die
Zukunft des kommenden Reiches Gottes eingegangen ist. Da durch Jesus die
Gottesherrschaft in der Welt anwesend und wirksam ist, fordert er Glauben an
sich und sein Evangelium, ruft in seine Nachfolgegemeinschaft und setzt so
den Anfang seiner nicht mit dem Reich Gottes identischen Gemeinschaft, der
Kirche. In der Auferstehung ist dieser Jesus als der Christus und Herr auch
Inhalt des Glaubens geworden als innere Konsequenz der inneren Verbindung
von Gottesherrschaft und Jesus von Nazaret. Die Kirche ist freilich erst
durch das Osterereignis möglich. Der Zerstreuung der schon vor Ostern als
Gruppe existierenden Jünger angesichts der Passion steht das historische
Faktum der erneuten Sammlung der Jünger nach Ostern entgegen, die als Werk
des Geistes gedeutet wird. Das Verhältnis Jesu zu Gott, den er - nicht
unüblich bei Juden -Vater nennt, kommt in der (seither freilich nicht nur im
Munde Jesu denkbaren) Anrede Abba, Väterchen, zum Ausdruck. Jesus
unterscheidet scharf zwischen „meinem" und „eurem" Vater und schliesst sich
selber nicht in das „Vaterunser"-Gebet ein. Die radikale Vertrautheit der
Anrede Abba ist Antwort auf die radikale Güte Gottes. Dem entspricht, dass
das Evangelium (bes. Joh) das einzigartige Gottesverhältnis Jesu auf den
Begriff „der Sohn" gebracht hat. Die explizite Christologie, wie sie in den
Titeln zum Ausdruck kommt, die das Neue Testament für Jesus kennt, zeigt,
wie Jesus von seinen Anhängern verstanden wurde. Solche Titel sind Messias,
Menschensohn, Retter, Immanuel, Herr, Heiliger Gottes, Gerechter, Mittler,
Anführer und Vollender (des Glaubens). Nur von Joh und Hebr 4, 12 wird Jesus
der Logos, das Wort, genannt. Jesus ist aber immer mehr als jeder Titel,
auch als „Sohn Gottes" und der „Sohn". Einerseits sind diese ursprünglich
scharf voneinander zu scheidenden Begriffskreise miteinander verbunden
worden, andererseits sind sie vorwiegend heilsgeschichtlich und
soteriologisch orientiert. Dennoch implizieren sie die wesenhafte
metaphysische Gottessohnschaft Jesu. Wenn Jesus im Neuen Testament freilich
als der von Gott gesandte Präexistente angesprochen wird, dann ist ein
explizites Bekenntnis zur Gottheit Jesu Christi abgelegt, das im Prolog des
Johannesevangeliums spekulativ erhellt wird.
4. Die kirchliche Christologie ringt um das rechte Verständnis der
neutestamentlichen Aussagen. Sie bedenkt das Bekenntnis: Jesus Christus ist
Gott und Mensch. Die Kirche bekennt Jesus als wahren Gottessohn, als
wesensgleichen ewigen präexistenten Sohn des Vaters, als wahren Gott, Gott
von Gott, gezeugt, nicht geschaffen, keineswegs (auch noch) als Adoptivsohn,
sondern als die zweite Person der Dreifaltigkeit. Derselbe Jesus Christus
ist wahrer Mensch mit menschlichem Leib, uns wesensgleich, in wahrer
menschlicher Weise von einer Mutter geboren. Das ewige Wort des Vaters hat
durch die hypostatische Union (eines der absoluten Geheimnisse des
christlichen Glaubens) eine menschliche Natur aus Maria, der Jungfrau, in
substantieller und endgültiger Einheit als seine Natur mit seiner Person
vereinigt. In Christus sind zwei Naturen in einer Person „unvermischt und
unverändert, ungeteilt und untrennbar". Die weitere Entfaltung der
Christologie kann hier nicht expliziert werden. Heutiges christologisches
Denken kann sich als „Christologie von oben" artikulieren, als
Deszendenzchristologie im Ausgang von den kirchlichen Glaubensaussagen, oder
als „Christologie von unten", als Aszendenzchristologie im Ansatz beim
irdischen bzw. historischen Jesus. Dem ersten Ansatz wohnt die Gefahr inne,
zugunsten der Göttlichkeit die Menschlichkeit Jesu zu gering einzuschätzen,
dem zweiten die Gefahr, nicht zum gesamten Glauben der Kirche vorzustossen.
„Christologie von innen" versucht unter anderem, eine Vermittlung beider,
insofern sie die Gegenwart Christi in und unter uns heute bedenkt. Ihr zur
Seite kann die „Christologie von aussen" treten.
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