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Der Name Jerusalem kommt
im Koran nicht vor. Die Stadt heisst al-Kuds, „die Heilige", auch al-Kuds
al-sharifa, „die ehrwürdige Heilige", und ist nach Mekka und Medina die
drittheiligste Stadt des Islam. Diese Auszeichnung findet bereits früh ihren
Niederschlag, so z.B. in der fada’il al-Kuds-Literatur. Nachdem Muhammads
missionarische Bemühungen um die Juden gescheitert waren, ändert er die
Gebetsrichtung (kibla) von Jerusalem nach Mekka (2,142-152). Obwohl er
selbst nie in Jerusalem gewesen ist, gründet die Verehrung der Stadt vor
allem auf der Nachtreise des Propheten von Mekka nach Jerusalem (isra'), wie
sie in Koran 17,1 überliefert wird: „Gepriesen sei der, der mit seinem
Diener bei Nacht von der heiligen Kultstätte - al-masdjid al-haram - (in
Mekka) nach der fernen Kultstätte (in Jerusalem), deren Umgebung wir
gesegnet haben, reiste, um ihn etwas von unseren Zeichen sehen zu lassen! Er
ist der, der (alles) hört und durchschaut."
Von dieser „fernen Kultstätte" aus (al-Masdjid al-aksa = Tempelberg!)
erfolgt dann nach späterer Überlieferung Muhammads Aufstieg zum Himmel (mi’radj)
mit dem Flügelwesen burak. Muhammad lässt den isra' im Koran sonst
unerwähnt, ein Indiz dafür, dass er ihm nicht wichtig ist. Der Kern dieser
Geschichte stammt von jüdischen Konvertiten und aus solchen jüdischen
Quellen, die Muhammad bekannt waren, wie etwa das Jubiläen- und das
Henochbuch. Muslimische Theologie (kalam) und Dogmatik (Shari-a) sehen
jedoch in diesem Bericht ein reales Geschehen, nicht einen Traum. Für sie
verschmelzen die Traditionen von isra' und mi’radj zu einer
Tatsachengeschichte.
Nach der Eroberung Jerusalems durch den Khalifen `Umar (ca. 638) liegt
Jerusalem im „Haus des Islam" (dar al-islam). 'Umar erbaut nahe dem
Tempelfelsen (sakhra, im Islam gleichgesetzt mit dem jüd. „'even
ha-She-tiyyah" und Moriah) eine Gebetsstätte. 691 (72 After Hidjra)
vollendet der Umaiyadenkhalif ’Abd al-Malik b. Marwan hier den Felsendom
(Kubbat al-Sakhra), später auch 'Umar-Moschee genannt. Nach späterer
Tradition ist der Felsen deshalb heilig, weil Muhammad bei der Himmelsreise
auf ihn seine Füsse gesetzt hat. Die Moschee am Südende des Tempelplatzes
(des Haram al-Sharif) wird al-Aksa genannt und mit der „fernen Kultstätte"
identifiziert. Aufgrund der Sukzession (und: Substitution) auf dem
Tempelplatz übernimmt der Islam nun jüdische Bezeichnungen für Jerusalem,
wie etwa „Bait al-Makdis" („Haus des Heiligtums"). Diese Gleichsetzung hat
primär religiöse, nicht politische Gründe: Die muslimischen Heiligtümer
sollen die christlichen Kirchen, insbesondere die Grabeskirche, an Bedeutung
und Pracht übertreffen (Konkurrenzdenken).
Nach muslimischer Theologie liegt der Tempelfelsen genau unter Allahs Thron
und über einer Höhle (bi’r al-arwah: Brunnen der Geister, „Seelenhöhle"), in
der sich alle Seelen der Verstorbenen zweimal wöchentlich versammeln. Der
Felsen ist der Ort, wo Noachs Arche stand und auf dem Abraham den Ismael
darbrachte. Er ist Mittelpunkt des ganzen Kosmos und erhält von daher
eschatologische Bedeutung. Am Ölberg (als Versammlungsplatz dort: sahira)
findet beim Letzten Gericht die Versammlung aller Toten (hashr) statt.
Die Prüfung aller Menschen erfolgt mit Hilfe einer Brücke (sie), die sich
von dort zum Tempelberg hin spannt. Wiederum bilden jüdische und christliche
Theologumena die Quellen dieser Traditionen. Auch beeinflusst christliche
Aszese aus der Zeit vor 638 die muslimische Jerusalem-Mystik, so z. B. das
„Buch der Aszese" (Kitab al-Zuhd) oder die Lehre, dass das Leben in
Jerusalem und im Land Israel die Seele reinige. In verschiedenen Hadithen
wird das Beten in Jerusalem als wertvoll qualifiziert. Die Heiligkeit der
Stadt macht sie zum Ziel für Pilgerfahrten und formt bis heute den Glauben
der Muslime.
Religionsgeschichtlich lässt sich festhalten, dass Muhammad und die
muslimische Theologie durch Rezeption und Uminterpretation zentraler
jüdischer und christlicher Traditionen (wesentlich aus Konkurrenzgründen)
eine eigene, neue Jerusalem-Theologie schaffen, welche im Islam den einzig
wahren Erben Jerusalems erblickt. Der Glaube ruft hier religiöse
Wirklichkeiten ins Leben, welche wiederum von sich aus in einer Eigendynamik
historische Fakten setzen. Die Einsicht in dieses Begründungsgefüge
muslimischen Glaubens und Theologisierens ist für jede Jerusalem-Hermeneutik
konstitutiv.
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