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Die rasche Ausweitung der
umma auf der Arabischen Halbinsel setzte sich nach dem Tode Muhammads unter
den Nachfolgern (arab. Khalifa, dt. Kalif) Abo Bakr (632-634), Umar
(634-644), Uthman (644-656) und Ali (656-661) in nichtarabischem Gebiet
fort: 639-642 wurde Ägypten erobert, 640-642 Persien. Unter der Dynastie der
Umaiyaden (661-750) wurden weitere Gebiete dazu gewonnen. 670 folgte die
Eroberung Nordwestafrikas, 711 kamen die Araber nach Spanien, bevor ihr
Vordringen nach Frankreich 732 bei Tours und Poitiers (Karl Martell)
gestoppt wurde.
Auch im Osten des Reiches setzte sich unter den Umaiyaden und noch mehr
unter dem Kalifat der abbasidischen Dynastie (749-1258) die Ausweitung des
islamischen Reiches bis nach Indien fort. Einer sehr groben historischen
Einteilung zufolge kann gesagt werden, dass die ersten 700 Jahre der
islamischen Zeitrechnung den Aufbau der islamischen Herrschaft in den sog.
Kernländern (Nordafrika, Ägypten, Vorderer Orient, teilweise Türkei, Irak
und Iran) und die nächsten 700 Jahre die Ausweitung in weitere Länder Asiens
und Afrikas hinein (z. B. Indien, Indonesien, Schwarzafrika) brachten.
Obwohl der Kalif bis zur Abschaffung des Kalifates 1924 der umma vorstand,
war seine Macht im Laufe der Geschichte immer geringer geworden. Politisch
musste er sie bald mit manchem lokalen Herrscher teilen, bis sie unter den
Osmanen (1290-1918) ganz auf den Sultan übergegangen war und ihm nur noch
die religiöse Leitungsfunktion verblieb. Religiös konnte der Kalif aber auch
nicht seine allg. gültige Führungsposition durchsetzen. Gleich nach dem Tode
'Alis traten dessen Anhänger als Antwort auf die Einführung des erblichen
Kalifats der umaiyadischen Dynastie für ein erbliches Kalifat der
'Ali-Nachkommen ein. Die Partei (arab. Shi'a, dt. Schia, Schiiten) 'Alis
lehnte das umaiyadische Kalifat in Damaskus ab, ging in den Untergrund und
kämpfte für den Führungsanspruch der 'Ali-Nachkommen: Hasan (gest. 669),
Husain (gest. 680) usw. Spätere Spaltungen innerhalb der Shi’iten bewirkten,
dass die Zahl ihrer jeweils anerkannten Führer (Imame) sowie die Namen der
jeweils letzten in der Reihe von Gruppe zu Gruppe variieren: so erkennen die
Zaiditen eine Liste von nur 5 Imamen, die Ismai’liten eine von 7 und die
Imamiten (Zwölfershi’iten) eine von 12 Imamen an. Hinzu kommt, dass weitere
Spaltungen innerhalb der Shi'iten stattfanden, so dass darüber hinaus noch
zahlreiche andere Untergruppen (z. B. Drusen, Nusairier) existieren.
Auch die kaliftreue Mehrheit der Muslime (Sunniten, heute ca. 90% aller
Muslime in der Welt) ist kein monolithischer Block. Unterschiedliche
Auslegungstraditionen, vor allem in Rechtsfragen, haben sich im 8./9. Jh.
herausgebildet und zu unterschiedlichen Rechtsschulen (der hanbalitischen,
hanafitischen, malikitischen und schafiitischen) geführt.
Neben den Shi’iten und Sunniten ist mit Blick auf den frühen Islam noch die
Gruppe der Klarfiten zu erwähnen, die aus der umma auszog, weil nach ihrer
Meinung nur der Kalif werden oder bleiben sollte, dessen moralische und
religiöse Qualitäten ihn dazu befähigten, auch wenn es ein schwarzer Sklave
wäre.
Die Herrschaft der Muslime über die sog. Kernländer bedeutete anfangs keine
Islamisierung dieser Gebiete. Erst viel später ging mit der langsam
einsetzenden Arabisierung auch eine Islamisierung einher, die bis heute
spürbar ist. Zugleich bewirkte die Begegnung mit der christlichen Kultur in
Ägypten und Syrien sowie mit manichäischem Gedankengut im Irak/Iran einen
kulturell fruchtbaren Kontakt mit der griechischen Philosophie und
theologischem Systemdenken, was beides dem Islam ursprünglich fremd war.
Muslimische Denker liessen sich auf die Herausforderung ein und schufen in
Auseinandersetzung damit kulturelle Höchstleistungen auf dem Gebiet der
Theologie, Philosophie, Wissenschaft und Kunst, die ihrerseits zur
Herausforderung des christlichen Abendlandes wurden. Bei dem sollte die
Mitwirkung und Übersetzerleistung der Christen und Juden nicht übersehen
werden, weshalb es eher angezeigt ist, von der arabischen als von der
islamischen Kultur im Mittelalter zu sprechen.
Zahlreich sind die Anklänge an ausserislamischen Gedankengängen, die sich in
Werken islamischer Mystiker (Sufis) finden. Bis heute ist ungeklärt, ob
immer solche Einflüsse von aussen oder nicht auch Parallelentwicklungen
innerhalb des Islams angenommen werden sollen. Je nach Kenntnisstand der
Autoren reichen die Vermutungen in der westlichen Fachliteratur zur
islamischen Mystik von Einflüssen des Hinduismus über solche aus dem
zoroastrischen Gedankengut bis hin zu griechisch-hellenischen Vorstellungen
oder Einflüssen aus der jüdischen oder christlichen Mystik.
Die Hochblüte der arabischen Kultur ist mit dem 12. Jh. abgeschlossen. Im
literarischen Bereich folgen später andere Sprachräume der islamischen Welt
(Persisch Türkisch, Urdu usw.)
Als Gründe für den Niedergang der islamischen Kultur werden vielfach äussere
genannt, vor allem Invasionen und Kriege, vornehmlich die Kreuzzüge und die
Mongoleneinfälle im 13. Jh., wobei zweifellos die zuletzt genannten die
islamische Welt tiefgreifend erschüttert und sicherlich mehr
Niedergeschlagenheit ausgelöst hat als die Kreuzzüge.
Das politische Selbstbewusstsein der Muslime war jedoch auch nach dieser
Zeit keineswegs gebrochen. Die Eroberung Konstantinopels 1453 durch den
Osmanen Mehmet II. und die zahlreichen Vorstösse türkischer Truppen auf dem
Balkan und nach Westeuropa sind Beweise genug, dass keineswegs purer
Fatalismus das Handeln der osmanischen Muslime bestimmt hat.
Erst die Entwicklung der neuzeitlichen Technik und die expansive
Kolonialpolitik Englands und Frankreichs (Ende des 18. und im 19. Jh.) haben
den Muslimen der islamischen Welt durch zahlreiche Niederlagen das Gefühl
der kulturellen, technisch-wissenschaftlichen und politischen Unterlegenheit
gegeben, das erst in der zweiten Hälfte des 20. Jh. durch ein neues
Selbstbewusstsein abgelöst zu werden scheint. In diesen Zusammenhang gehört
auch der Optimismus der Muslime bezüglich der Zukunft des Islam, der in
zahlreichen Schriften in Arabisch und Persisch mit hoher Auflagenzahl in den
70er und 80er Jahren des 20. Jh. zum Ausdruck gebracht wird. Es wird dort
die Zunahme von Konversionen in Schwarzafrika ebenso registriert wie der
behauptete Verfall traditioneller Religiosität in Europa, worin die Autoren
eine Hoffnung für den Islam erblicken, die Nachfolge des Christentums
anzutreten. Immer mehr setzt sich dabei die Überzeugung durch, dass der
Islam als mittlerer Weg zwischen Kapitalismus und Sozialismus, zwischen
westlichem Materialismus und allein auf die seelischen Bedürfnisse
ausgerichteter hinduistisch-buddhistischer Spiritualität und zugleich als
Werte- und Normsystem im Kampf gegen Dekadenz und Werteverfall in der
westlichen Welt wirksam und attraktiv sein müsste.
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