|
Als fundamentale
Kategorie der Offenbarungsaneignung bezeichnet Inspiration, abgeleitet vom
hellenischen Begriff „Einhauchung" (epipnoia, theopneustos ; hebr. nesama)
mit ursprünglich passiver Bedeutung, den Akt göttlicher Selbstmitteilung
durch ausgewählte Sprecher und begründet in seiner Vollgestalt als bleibende
Schrift-Inspiration die Heiligkeit des als Glaubensnorm verbindlichen
Schriftkorpus.
1. In klassischer und moderner kosmischer Religiosität gelangen Schamanen
durch äussere Mittel (Narkotika, Tanz, Einatmen von Dämpfen) aufgrund
psychischer Veranlagung und Aneignung zu enthusiastischen
Inspirations-Erlebnissen, die sich ebenfalls in metakosmischen Religionen
finden. Orakelmedien und ihre Deuter (prophetai, theologoi) verkörpern eine
Inspiration, die konkrete Probleme durch Rückbindung ihrer Bedingungen an
eine kosmische Ordnung erhellt. Ein „pneuma mantikon", feinstoffliche
Übertragung göttlichen Wissens, veranlasst die Weissagung in Ekstase -
bekannt etwa durch die Pythia in Delphi, die Sibylle von Cumae, aber auch im
Shintoismus oder in afrikanischen Religionen. Das Griechentum sieht
religiöse Inspiration auch bei Künstlern und Dichtern (entheoi) - so führt
Homer seine Werke auf Eingebungen der Muse zurück. Der Islam unterscheidet
waby, die dem Propheten übermittelte Inspiration, von der ilham, der
Inspiration von Künstlern und Heiligen. Platon (Phaidros 244 ff.; Ion 533d
ff.; Apol. 7) erklärt Inspiration, sowohl die prophetische wie die
künstlerische, als Entmächtigung des menschlichen Verstandes durch
göttlichen Geist, ähnlich Philo.
Erst Paulus verwendet Inspiration im aktiven Sinn (= Gottes Geist atmend) im
Hinblick auf die Schriften des Alten Testaments, während ansonsten der
göttliche Ursprung der Schriften in biblischer Terminologie mit „Prophetie"
ausgedrückt wird. Als Fachbegriff wird Inspiration erst vom 17. Jh. an
verwendet. Der göttliche Offenbarungscharakter von Texten kann sowohl
unmittelbar verstanden werden - ein Prototyp des Buches existiert im Himmel
auf einer „wohlverwahrten Tafel" und wird materiell übermittelt wie auch
mittelbar durch verschiedene Formen des Zusammenwirkens göttlicher
Urheberschaft und menschlicher Verfasser. Bei mechanischer
Verbal-Inspiration wird dem menschlichen Sekretär jedes einzelne Wort, sogar
mit seiner Vokalisation (Koran; Schreibergott Thot in Ägypten; Buch Mormon),
diktiert, während bei inhaltlicher Real-Inspiration verschiedene Grade
menschlicher Originalität, entsprechend dem Modell des Thomas v. Aquin vom
Instrumentalcharakter des menschlichen Verfassers, angenommen werden.
Heilige Seher als „Hörer des Wortes" treten in den indischen Rishis
entgegen, die aus übernatürlicher Quelle die Literatur der „Sruti" (die vier
Veden, Upanishaden) - im Gegensatz zur „Smriti” (nichtkanonische Texte aus
menschlicher „Erinnerung") - empfangen.
Im Erleuchtungserlebnis des Buddha zeigt sich die Dynamik einer
Inspirations-Erfahrung im Vernehmen des übernatürlichen Dharmas und dessen
Drängen in die Ausdrücklichkeit des Wortes. Alles, was zwischen der Nacht
des Erwachens und der Nacht der Vollendung Buddhas verkündet worden ist,
gilt dem Theravada als authentische Offenbarung.
2.In der christlichen Tradition finden sich alle Elemente der späteren
Inspirations-Lehre bereits bei Irenäus und Origenes, insbesondere die urspr.
göttliche Urheberschaft beider Testamente als Ausdruck einer gemeinsamen
Heilsordnung. Die lehrmässige Formulierung des Konzils von Florenz (1442;
Decr. pro Iacobitis, DS 1334 ff.) vermittelt diese Lehre ohne weitere
entscheidende Entwicklungen, zusammen mit der Aufzählung aller kanonischen
Bücher, über das Konzil von Trient (DS 1501 ff.), das Vatikanum I (DS 3006)
bis zu den Bibelenzykliken „Providentissimus Deus" (1893; DS 3280 ff.),
„Spiritus Paraclitus" (1920; DS 3650 ff.) und „Divino afflante Spiritus"
(1943; DS 3825 ff.). In Konfrontation mit naturwissenschaftlichen und
religions-geschichtlichen Erkenntnissen konzentriert sich dabei die
Inspirations-Problematik zunehmend auf das Inerranzproblem, wobei
schliesslich die Enzykliken, von der historisch-kritischen Methode
gefordert, dem menschlichen Autor grössere Mitwirkung zugestehen. Das
Vatikanum II (DV Kap. 2,7; Kap. 3) überwindet diese Engführung mit der
Rückbindung der „Wahrheit, die Gott um unseres Heiles willen in heiligen
Schriften aufgezeichnet haben wollte" in die Heilswahrheit Jesu Christi.
Diese positive Sinngebung der Innerranz und die Anwendung der
hermeneutischen Prinzipien der Exegese stellen die Inspiration in das Ringen
um die Realität des theologischen Gehaltes der Schrift und begreifen die
Bibel als Medium eines geistigen Dialogs, als „lebendiges Wort". Im
Rückgriff auf die patristische Analogie der „condescensio" wird die
Schrift-Inspiration als geschichtliche und menschliche Vermittlung des
Gotteswortes in das Geheimnis der Inkarnation eingebunden. Diese Finalität
eröffnet eine Neubewertung der psychologischen Implikationen des Charismas
der Inspiration und eine geschichtliche Dynamik an Sinnzuwachs, beginnend
mit der Offenbarung in der Schöpfung und vollendet in der Anamnese des
Heilsmysteriums Jesu.
Inspiration als konstitutives Moment der Sammlung aller Christusgläubigen
beleuchtet die These K. Rahners (1958) über die Einbettung der Schrift in
die göttliche Urheberschaft der Kirche. Diese ist Ermöglichungsgrund
menschlicher Verfasserschaft und Garant der bleibenden Normativität und
Inspiration der Schrift. Aus der Zusammenschau von DV mit der Aufdeckung von
„Samenkörnern des Wortes" in anderen Religionen (LG 16f.; AG 11) ergibt sich
entlang dem Paradigma des Alten Testaments als „Vorläufer des Wortes"
(Hippolyt: PG 10,819), die interreligiöse Relevanz einer analogen
Schrift-Inspiration nicht-biblischer heiliger Schriften.
|