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Zur Sprachgemeinschaft
der Maya gehörten etliche Stämme (Cho Chontal, Kekchi, Mam u. a. m.), deren
Verbreitungsgebiet das heutige Südmexiko mit der Halbinsel Yucatan,
Guatemala, Belize und Nordwesthonduras umfasste. Man unterscheidet bei den
vorkolumbischen Maya zwischen einem südlichen „Alten Reich" (4.-10. Jh. =
klassische Periode) mit den Zeremonialzentren Copan, Palenque und Tikal und
einem nördlichen „Neuen Reich" (10.-15. Jh. - nachklassische Periode) mit
den Zentren Chichen Itza, Mayapan und Uxmal. „Reich" ist hier jedoch nicht
als festgefügtes Staatsgebilde zu verstehen, sondern (ähnlich der griechischen
Polis) als lockerer Verband selbständiger, weitflächiger Stadtstaaten. Das
„Alte Reich" brach Ende des 10. Jh. aus bislang ungeklärten Gründen
zusammen; in das ihm folgende „Neu Reich" hatten aber auch schon in den
vorhergehenden Jahrhunderten Siedlungsströme geführt.
- Gemessen an der denkerischen und künstlerischen Leistung, stehen die Maya
an der Spitze aller indianischen Völker und werden zu Recht als „Griechen
der Neuen Welt" bezeichnet. Die Wurzeln ihrer Kultur werden verstärkt auch
in Asien gesucht; die Indizien für einen Kulturaustausch über den Pazifik
nehmen zu (z. B. weist ein Schriftvergleich nach China). Die religiösen
Vorstellungen und die bildende Kunst, die ganz im Dienst der Religion stand,
weisen dagegen ins mexikanische Hochland. An der Spitze des Pantheons stand
der Schöpfergott Hunab, der „Einzige": unkörperlich gedacht, bildlich nicht
dargestellt und kultisch nicht verehrt. Er residierte in der obersten der
(bzw. 13) jeweils mit bestimmten Göttern besetzten Himmelsschichten, denen 9
Unterwelten gegenüberstanden. Hunabs Sohn Itzamna, Begründer der gesamte
Maya-Kultur, Erfinder der Schrift und Urheber des Kalenders, erfuhr als
Himmelsgott grosse Verehrung und häufige Darstellung. Der Sonnengott Kinich
Ahau eine Parallelgestalt, verkörperte eine Teil seines Wesens. Die
Maya-Götter waren dualistisch konzipiert d. h., sie besassen, bezogen auf
den Menschen, eine positive und eine negativ Seite. So war die Mondgöttin
Ixchel zugleich Begleiterin und negative Seite Itzamnas. Gleich hohe
Bedeutung hatte für die Ackerbau treibenden Maya der Vegetationsgott Chac
mit dem Wind- oder Wassergott als Parallelfigur. Seine Bedeutung wuchs noch
im regenarmen Karstland des nördlichen Yucatan. Hierher gehörte auch das
Opfer durch Ertränken in heiligen Brunnen. Eine spezielle Maya-Gottheit war
auch Ixchab, die Göttin der Selbstmörder, die diesen sofort Eingang ins
Paradies verschaffte, in das (wie bei den Azteken) sonst nur Privilegierte
eingingen, während die Mehrzahl in die Unterwelt Mitnal verbannt wurde. Die
Verstorbenen wurden überwiegend erdbestattet (bei den Maya auch in
Pyramiden) und erhielten ihrer sozialen Stellung entsprechende Grabbeigaben.
Ob Erdbestattung und Ahnenkult in Zusammenhang mit einem vermuteten
Reinkarnationsglauben stehen, ist noch ungeklärt. Der ebenfalls ständischen
Gesellschaft standen zumindest in der Frühzeit der klassischen Periode
erbliche, dem Adel angehörende Priesterfürsten vor. Höchstes Ansehen
genossen jene Priester, die als Schrift- und Kalenderkundige das Schicksal
beeinflussen konnten. Ihre Schrift ist als einzige indianische über das
Rebusstadium hinausgekommen; von den bildlich-abstrakten Glyphen ist erst
ein Drittel lesbar. Das Kalendersystem der Maya war genauer als der
Gregorianische Kalender. Neben einem Ritualkalender von 260 Tagen und einem
Sonnenjahr mit 360 und 5 zusätzlichen, unheilbringenden Tagen, kannten die
Maya ein Mondhalbjahr von 177 und ein Venusjahr von 584 Tagen. Die
Mathematik war gekennzeichnet durch ein auf der Zahl 20 beruhendes
Zahlensystem. Von geringerem Ansehen waren die Opferpriester, da das
Menschenopfer zwar schon in klassischer Zeit geübt wurde, aber erst im
Spätreich grössere Ausmasse annahm.
- Jede Berufsgruppe hatte ihren eigenen Standesgott, dem zu Ehren am
Jahresanfang ein Fest gefeiert wurde; dem der Priester folgte das der Ärzte
und Zauberer, mehrmals eines der Bienenzüchter (Honigwein war der
„Göttertrank", wie bei den Azteken der Agave-Wein) und schliesslich das der
Jäger. Zu den zahlreichen Erneuerungsriten zu Beginn des Jahres gehörte
auch, dass alle Arbeitsgeräte mit der heiligen blauen Farbe bestrichen
wurden, um sie vor neuem Gebrauch zu weihen; ebenso wurden die Tempel
renoviert und Idole erneuert. Im Mittelpunkt der regelmässigen Jahresfeste
stand zum Frühlingsanfang das zu Ehren der Sonne bzw. Itzamnas. Bei einem
grossen Feueropfer wurde eine blaubemalte Stufenpyramide als „Sonnenleiter"
errichtet, die der Sonne den Aufstieg am Himmel erleichtern sollte; in das
Feuer warf man die Herzen aller in einer zeremoniellen Jagd gefangenen Tiere
und löschte das Feuer dann mit Wasser: Die Herzen sollten die Sonne
ernähren, das Wasser die in der Sonne schmachtende Natur laben.
- Etwa zeitgleich zur Nordwanderung der Maya wurde Yucatan Opfer einer
toltekischen Invasion. Im Gefolge der bis 1441 währenden
toltekisch-aztekischen Vorherrschaft stand auch die Verehrung Kukulcans (bei
den Quiche-Maya des Hochlands hiess er Kukumatz), der kein anderer als
Quetzalcoatl war. Nach dem Maya-Aufstand von 1441 zerfiel das Land wieder in
eine Anzahl weltlicher Stadtfürstentümer, „in deren religiöse und
künstlerische Dekadenz dann die spanische Landnahme brach".
- Anders als selbst im „Alten Reich" bildeten die Maya-Stämme der Cakchiquel,
Quiche und Zotzil im Hochland von Guatemala ein theokratisch verfasstes
Einheitsreich unter der Hegemonie der Quiche. Es zerfiel ebenfalls Mitte des
15. Jh. wieder in Stammesfürstentümer. Über ihre religiösen Vorstellungen
unterrichten uns die „Annalen" der Cakchiquel und das „Popol Vuh" der
Quiche. Während über das „Alte Reich" nur steinerne Zeugen berichten,
erfahren wir über die yucatekischen Maya durch eine „Chilam Balam" genannte
Dokumentensammlung und die ersten spanischen Chronisten. |