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I. Grundsätzliche
Überlegungen
Im Ursprung verweisen alle indisch philosophischen Systeme, die
hinduistischen wie die nicht-vedischen (Buddhistische Philosophie; Jinismus),
in unterschiedlicher Weise auf den Rigveda zurück. Gemeinsam ist allen
Philosophien, dass sie in ihrer Entstehung nicht von ausserindischen
Kulturen beeinflusst wurden und Grundvoraussetzungen teilen:
a) das Gesetz des Karma,
b) den Prozess der Reinkarnation,
c) die mystische Erfahrung und Erkenntnis als Weg der Überwindung des Bösen.
Der philosophische Zentralbegriff der Erkenntnis (Skt. Jnana) entspricht in
seinem Bedeutungsumfang folglich nicht einfachhin dem abendländischen
Begriff von Erkenntnis, sondern verbindet philosophisch mit religiösen
Momenten, rationale mit ganz-menschlichen Erfahrungsmomenten, rein kognitive
mit soteriologischen Momenten. Logische Überlegungen und meditativ-religiöse
Anleitungen gehören zusammen, so dass sich auf eigentümliche Weise
philosophische und zumindest in analogem Sinne theologische Gedankengänge
kreuzen. Grundbereiche der Spekulation sind die Quellen wahrer Erkenntnis,
die „Erkenntnis der Erkenntnis" - abendländisch gesprochen: das „Subjekt"
der Erkenntnis, Ich und ‚Selbst, der Leib in seinen Elementen, entsprechend
eine dem Hinduismus eigentümliche Psychologie, die Frage der Befreiung und
Erlösung.
II. Vedische Systeme
Die klassische hinduistische Philosophie hat sich in sechs sog. Darg'aria
entfaltet:
a) Samkhya, wörtlich „Aufzählung", reicht in seiner Entstehung in die Zeit
der mündlichen Überlieferungen bzw. der frühen Upanisaden zurück, in denen
die Elemente der Welt in vielfältigen Zahlengruppen zusammengestellt sind.
Dabei geht es um die Findung der Grundprinzipien der Konstitution der Welt,
die nach der Lehre der Schule in der Polarität von inhaltlosem Bewusstsein (purusa)
und vielgestaltiger Materialität (prakrti) endet. Der Gegensatz zwischen
Bewusstsein und Materie besteht darin, dass ersteres inaktiv und bewusst,
das zweite aktiv, aber unbewusst ist. Insgesamt zählt das System 23
Gestaltungsmomente der Materie, so dass sich zusammen mit den zwei
grundlegenden Prinzipien 25 konstitutive Prinzipien der Weltgestaltung
ergeben. Die Vermischung der grundlegenden Prinzipien bzw. die Unkenntnis
ihrer Unterscheidung ist der Grund für die Verhaftung der Existenz im
Kreislauf der Dinge, aus dem nur eine soteriologisch wirksame Epistemologie
den Menschen zu befreien vermag. Dies geschieht durch die Interaktion
zwischen den 8 Dispositionen des Intellekts und den 25 konstituierenden
Weltprinzipien, was wiederum zu 50 Gestalten des Gelingens und Misslingens
auf dem Weg der Befreiung führt. In der nach wie vor nicht geklärten
Frühzeit des Systems existierte Samkhya parallel zum Yoga, wobei das eine
System als theoretische, das andere als praktische Anleitung zur Befreiung
erschien. Der starke innere Zusammenhang beider Systeme zeigt sich auch
darin, dass es im Samkhya, obwohl das göttliche Prinzip in seiner Theorie
des Weltverständnisses keine Rolle spielt, neben der „atheistischen" auch
eine deutlich theistische Richtung gab. Ein grundlegendes Werk der Schule
gibt es nicht. Das Sasritantra wird für die Zeit zwischen dem 1. und 4. Jh.
angesetzt; als Autor werden gelegentlich Kapila, der auch der Gründer der
Schule sein soll, vor allem aber PatIca§ikha oder Vrsagaua genannt. Die
wichtigste Zusammenfassung der Lehre bietet das Sionkhyakarika des
1Svarakrsna, das unterschiedlich für die Zeit zwischen 350 und 550 angesetzt
wird.
7 Yoga.
Mimanna bedeutet im Sanskrit urspr. „Untersuchung". Das Interesse der
Mtmanna- bzw. Purva-Mfmanna-Schule (im Gegensatz zur späteren Uttara-M1-
mamsa = Vedanta) richtet sich auf die Frage nach der rechten Interpretation
der vedischen Texte, zumal der Natur des Dharma, insofern als dieses die
religiösen und moralischen Pflichten des Menschen eröffnet. Gegen die
Angriffe der Aramauas suchten die Vertreter des Mimengt durch die Ausbildung
einer methodischen Auslegung die Autorität des Veda sicherzustellen. Das
später seinerseits vielkommentierte Hauptwerk wurde das einem Weisen des
2./3. Jh., Jaimini, zugeschriebene Mimamsa-Sutra. Für die Anhänger der
Schule sind die Veden der einzige Weg zur Erkenntnis des Dharma. Als
Offenbarungsschriften bedürfen sie keiner anderen Begründung. Neben dem
praktischen Interesse an der Wirksamkeit der Riten und Vorschriften auf dem
Weg zum Heil entwickelte sich in der Folgezeit ein stark spekulatives
Interesse, das zur Ausbildung einer philosophischen Erkenntnistheorie und
Logik, aber auch zu Ansätzen einer Sprachtheorie führte. Die zwei
wichtigsten Vertreter der Schule um die Wende vom 7. zum 8. Jh., Kumarila
und Prabhakara, verfolgten vor allem die Frage nach den legitimen
Erkenntniswegen (Skt. pramana).
Vedanta.
Nyaya, die auf Gotama (6. Jh. v. Chr.?) zurückgehende Schule bedeutet ihrem
Namen nach „Methode", „Regel", „Logik" und wird auch Tarkavidya (=
Wissenschaft des Debattierens) bzw. Vodavidyä (= Wissenschaft der
Diskussion) genannt. Sie konzentriert sich vor allem auf Fragen der
Epistemologie und Logik. In ihr hat die Erkenntnis vier Quellen: die
alltägliche wie die yogische Wahrnehmung, das Schlussverfahren, die Analogie
und die Bezeugung. Im Unterschied zu anderen Schulen bemüht sich diese
Schule um den Beweis der Existenz Gottes, der zwar nicht der Schöpfer der
anfanglosen Welt, wohl aber die Wirkursache aller Dinge ist. Alles Lebendige
hat eine Seele. Das letzte Ziel ist tunk (Moksha), die Befreiung von allen
weltlichen Banden und das absolute Ende alles Leidens. Die Erkenntnis der
Wahrheit ist unverzichtbar auf dem Weg zu dieser Befreiung.
Vaigesika: Parallel zur Nyaya-Schule von Kanada (6. Jh. v. Chr.?) gegründet,
widmet sich diese Schule, ihr Name: „sich auf die Unterschiede (vi.§gya)
beziehend", den Unterscheidungen in der Natur, den Substanzen, Qualitäten,
Tätigkeiten, Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten und ihren Verknüpfungen.
Dabei kommt es zur Ausbildung einer eigenen Kategorienlehre. Gültige Wege
der Erkenntnis sind die Wahrnehmung und die Schlussfolgerung. Auch dieses
System geht von der Unterscheidung von ewigen, allgegenwärtigen Seelen und
ihren Körpern aus und fragt nach der Existenz und dem Wirken der Seele. Die
alle Mächtigkeit der Seelen umfassende allwissende und alle Wirkungen
hervorbringende Kraft des fivara, Gott. Er ist zugleich der Offenbarer der
heiligen Schriften, scha die Bedeutungen in der Sprache und ermöglicht jede
Form von Kommunikation.
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