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Nach indischer Tradition
brachte der Apostel Thomas das Christentum nach Indien und starb als
Märtyrer in Mylapore bei Madras. Ende des 2. Jh. ist die Präsenz von
Christen in Indien auch durch nichtindische Quellen belegt, und als die
Portugiesen um 1500 ihre Handelsniederlassungen an der Westküste Indiens
gründeten (Vasco da Gama landete 1498), fanden sie dort syrisch-christliche
Gemeinden vor. Die danach einsetzende, mit Imperialismus, dann Kolonialismus
und Kapitalismus einhergehende christliche Mission hatte bei den Hindus
höherer Kaste verhältnismässig wenig Erfolg. Nur die illiteraten Kastenlosen
am untersten Rand der Gesellschaft sahen in der Konversion eine
Aufstiegschance.
Dennoch haben christliche Gedanken und Ideale sowie christliche Kritik an
der Religion der Hindus deutlichen Einfluss auf die neo-hinduistischen
Reformbewegungen ausgeübt. Christliche Missionare hatten auch beachtlichen
Anteil an der Erforschung der Sprache und Kultur der Hindus. Aber während
sich heute viele Menschen aus dem Bereich des Christentums von den
undogmatischen Formen und vielfältigen religiösen Ausdrucksmöglichkeiten der
Hindu-Religionen angezogen fühlen, hat gerade diese Vielfalt den
christlichen Theologen lange Zeit grosse Verständnisschwierigkeiten
bereitet. Sie glaubten eine Religion „Hinduismus" vor sich zu haben,
vermochten aber in den widersprüchlichen Einzelphänomenen kein kohärentes
religiöses System zu erkennen. Sie vermissten eine widerspruchsfreie
theologische Lehre, stiessen sich an der Missachtung der Menschenwürde im
Kastensystem und waren empört über offensichtliche Gleichgültigkeit
gegenüber dem Elend der Massen. Sie kämpften gegen Witwenverbrennung und
Kinderheirat. Im Ritual der Hindus sahen sie primitive heidnische Idolatrie,
die Büffel- und Ziegenopfer sprachen der Lehre von der Nichtverletzung der
Lebewesen (Ahimsa) Hohn, die Wiedergeburtslehre schien nur der Legitimation
der Reichen und der Ausbeutung der Armen zu dienen. Auch fiel es nicht
leicht, die autoritativen Texte der Hindus theologisch ernst zu nehmen, weil
sie sich in entscheidenden Punkten widersprachen. Solche Widersprüche
erklären sich heute grossenteils, wenn man weiss, dass es sich um
verschiedene Religionen handelt. Sobald man sich mit nur einer der
Hindu-Religionen auseinandersetzt, wird die Theologie in ihrer Grundstruktur
einsichtig und werden die Möglichkeiten eines von Verständnis getragenen
Gesprächs zwischen Christen und Hindus wesentlich besser. Bei allen
Unterschieden gibt es bedeutsame Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und
Visnuismus in der Lehre von der Inkarnation Gottes und in der Konzeption des
seine Schöpfung liebenden Gottes. Bhakti als Gottesliebe und Dienst an Gott
und das starke Element der Mystik im Visnuismus haben bereits mehrfach zu
Vergleichen mit christlichen Mystikern geführt. Auch mit dem südlichen
Sivaismus, wie er z. B. im Vasiddhanta konzipiert wurde, ergeben sich
Ansätze zu wichtigen Gemeinsamkeiten. Aber es sind gerade die Unterschiede,
welche das gründliche Kennenlernen fremder Religionen lehrreich und
fruchtbar machen. Stärken der eigenen Religion werden dabei ebenso deutlich
wie Schwächen oder vernachlässigte reiche. Interessant für die Beziehung
zwischen Christentum und Hindu-Religionen ist auch der Inkulturationsprozess,
den das Christentum in Indien zunehmend vollzieht und der es in mancher
Hinsicht bereichern kann.
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