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1. Der Ausdruck
Hellenismus wurde als Epochenbegriff, der die Zeit der Eroberung
Vorderasiens durch Alexander d. Gr. (356-323 v.Chr.) bis zur Ablösung der
Diadochenreiche durch den Aufstieg des Römerreiches unter Augustus (31 v.
-14 n. Chr.) charakterisieren soll, von J. G. Droysen in die historische
Forschung eingeführt. Häufig korrigiert, was die zeitliche Erstreckung und
räumliche Ausdehnung angeht, und scharfsinnig kritisiert, was die
konstitutiven Elemente der so bezeichneten Epoche und die Möglichkeit von
Epochendefinitionen auf historischer Grundlage überhaupt betrifft, hat er
sich dennoch durchgesetzt und ist zu einer allseits verwendeten Bezeichnung
für den griechischen Einfluss auf die politischen, kulturellen,
wirtschaftlichen, wiss., philos. und rel. Entwicklungen geworden, wobei
jedoch angenommen wird, dass die zeitliche und geographische Ausbreitung
sowie die Intensität der Inkulturation des griechischen Geistes in den
Ländern um das Mittelmeer und in den östlichen Nachbarstaaten bis nach
Innerasien hinein unterschiedlich vor sich ging. Verzichtet man darauf, das
„Wesen des hellenischen Zeitalters" zu definieren, und beschränkt sich
darauf, die charakteristischen Zustände in einem bestimmten Zeitraum zu
beschreiben, dessen Grenzen durch Konvention mehr oder weniger einsichtig
festgelegt worden sind, gewinnt der Ausdruck Hellenismus einen annehmbaren
Sinn. Nach diesen aufgrund der gegenwärtigen Forschungslage notwendigen
Eingrenzungen soll im folgenden der Hellenismus nur in philosophischer und
religiöser Hinsicht erläutert werden.
2. In der Philosophie lebten die Schulen Platos und Aristoteles' weiter,
erstere vornehmlich erkenntnistheoretischen, letztere logischen Problemen
zugewandt. Prägenden Einfluss behielten weiterhin Platos religiöse
Anschauungen, vermittelt durch Philo, Neuplatonismus und die Kirchenväter.
Die neuen Schulen der Kyniker, Stoiker und Epikureer erreichten ihren
grössten Einfluss auf dem Gebiet der Ethik, die, eklektizistisch geformt,
weniger auf theoretische Systeme als vielmehr auf die Bildung und Besserung
des einzelnen Menschen ausgerichtet war. Populärphilosophische Fragen nach
dem Glück, den Möglichkeiten der Lebensbewältigung, der Gleichheit aller
Menschen, standen im Vordergrund und wurden mit einem gewissen
missionarischen Eifer in der kynisch-stoischen Diatribe verbreitet. In der
Kritik des Polytheismus, in der allegorischen Auslegung der homerischen
Göttermythen und ihres teilweise als anstössig empfundenen Inhalts sowie in
ihrer Suche nach dem Weltganzen und seiner Ordnung leistete vor allem die
Stoa einen wertvollen Beitrag zur religiösen Kultur der hellenischen Zeit.
3.Die Religion wird von synkretistischer Vermischung, henotheistischer
Konzentrierung und individueller Heilssehnsucht geprägt. Die Götter des
Ostens wurden griechisch interpretiert und sichtlich ihrer Funktionen und
Attribute in den eigenen Gottheiten wieder entdeckt. Zeus, Isis oder noch
unpersönlicher die Sonne gewannen dabei Charakter einer Allgottheit.
Besonderen Einfluss erlangten fremde, vor allem ental. Gottheiten durch die
ihnen ve denen Mysterienkulte, die allerdings im 2./3. Jh. n. Chr. ihren
Höhepunkt lebten, falls die spärlich erhaltenen Nachrichten die Entwicklung
richtig wiederdergeben. Auch der vor allem im • des Reiches praktizierte
Herrsche fand weite Verbreitung. Neben einer, wissen Tendenz zur
Vergeistigung des Götterglaubens in philosophisch gebildeten Kreisen blieb
die ganze Bandbreite vvon religiösen Praktiken, wie z. B. Wunder-, Orakel-
und Vorzeichengläubigkeit, Magie, Dämonenglaube sowie das Vertrauen in
Halbgötter, Heroen und Wunderheiler weiter lebendig. Aufgrund
philosophischer Reflexion oder im Gefolge eines sich ausbreitenden
deterministischen Sternglaubens (Astrologie) griff auch der Fatalismus um
sich. Das breite Spektrum religiösen. Glaubens und Handelns -, das von
philosophischer Aufgeklärtheit über öffentliche und private Kulte bis zu
kultischen Verrichtungen reichte, verrät wohl das religiöse Verlangen als
auch die Unsicherheit der Zeit.
4.Eine gesonderte Betrachtung erfordert der Einfluss des Hellenismus auf
Judentum und Christentum.
a) Die Reaktion des Judentums war zwiespältig. Wurden die Bestrebungen der
Seleukiden von den gebildeten Schichten Jerusalems zunächst positiv
aufgenommen, kam es später wegen rigorosen Forderungen Antiochus' (175-164
v. Chr.) zu blutigen Auseinandersetzungen unter Führung der Ma bäer. Das
palästinische Judentum versuchte sich fortan von allen hellenischen
Einflüssen abzukapseln, ohne jedoch verhindern zu können, dass vor allem in
der Dias (Alexandrien) hellenisches Gedankengut die alttestamentliche
Weisheitsliteratur und in LXX-Übersetzung des AT Einlass gefunden hat. Durch
allegorische Auslegung versuchten jüdische Gelehrte (Philo v. Alexandrien)
den eigenen Gottesglauben rer Umwelt im Gewand griechischer Philosophie zu
vermitteln, ohne dem Gesetz der Väter untreu zu werden.
b) Im Christentum erfolgte schon bald im Zuge der beginnenden Heidenmission
eine Öffnung, zugleich aber auch eine Auseinandersetzung mit dem
hellenischen Geist. In der Jerusalemer Urgemeinde tauchte zum ersten Mal die
Bezeichnung „Hellenisten" für eine Gruppe von Leuten auf, die auf ein
gelockertes Verhältnis gegenüber Gesetz und Tempel drängten. Paulus und der
Lukas der Apostelgeschichte verraten hellenische Bildung, mit deren Hilfe
nachapostolische Schriften wie der erste Klemensbrief und der Barnabasbrief
sowie die sog. Griech. Apologeten die christliche Lehre als die wahre
Philosophie und Religion zu erweisen versuchten. Christi. Grundwahrheiten
sollten dadurch nicht ausgehöhlt, vielmehr im griechischen Sprachraum
verkündbar werden. Die Ausformung einer christlichen Theologie bis hin zur
Formulierung des trinitarischen und christologischen Dogmas im 4./5. Jh.
erfolgte unter Verwendung griech.-philos. Begriffe. Dieser gewiss nicht
gefahrlose, aber im Dienste der Sicherung des Glaubens unumgängliche Vorgang
ist zu Unrecht immer wieder als „Hellenisierung des Christentums"
verdächtigt worden. Er war zur Inkulturation des christlichen Glaubens in
der Spätantike unumgänglich.
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