|
Der Terminus technicus
Heilsgestalt kommt im Judentum nicht vor und ist daher nicht einfach mit
jüdischen Beispielen zu illustrieren. Da Gottes Handeln mit seiner Schöpfung
und im besonderen an seinem Bundesvolk Israel letztendlich deren „Heil"
bezweckt, sind alle in dieses Handeln einbezogenen Menschen Heilsgestalten
im weiteren Sinne.
Die Propheten als Künder, Mahner und Tröster, bes. Mose, der „treue Hirte"
und grösste aller Propheten, könnten als solche eingestuft werden. Auch die
davidischen Könige sowie der erwartete Messias sind solche, der letztere in
besonderem Masse, obwohl der eigentliche Erlöser immer Gott selbst ist. Die
talmudisch-rabbinische Literatur bezeichnet die grossen Lehrer und Meister
immer nur als solche und nicht als Heilsgestalten, doch berichtet sie über
manche rabbinische Meister wie auch über einfache und ungebildete, ja dem
äusseren Anschein nach selbst leichtfertige oder gar sündhafte Personen,
deren Askese, Frömmigkeit oder anderweitige (oft unbekannte) verdienstvolle
Taten sich zum Heil ihrer Zeitgenossen auswirken. So wird z. B. über Rabbi
Chanina ben Dosa (1. Jh.) berichtet, Gott selbst habe gesagt: „Mein Sohn
Chanina ernährt sich von einem Pfund Johannisbrot wöchentlich, doch um
seinetwillen wird die ganze Welt ernährt." Chaninas Fürbittgebet wurde von
vielen Zeitgenossen, bes. Kranken, in Anspruch genommen.
Ein verbreitetes Motiv mittelalterlicher und späterer Legenden war die
Tradition (zuerst im Talmud fassbar) betreffend die in jeder Generation
lebenden „36 Gerechten" - meistens einfache und unbekannte Leute, die sich
selbst ihrer eigenen Heiligkeit nicht bewusst waren, doch um derentwillen
die Welt Bestand hat.
In der als Chassidismus bekannten Bewegung spielt der geistige Führer,
Tsaddik genannt (im biblisch-talmudischen Hebräisch ein „Gerechter", im
chassidischen Sprachgebrauch ein charismatischer Gottesmann), eine
Mittlerrolle, welche in den Augen der Gegner an das Häretische grenzte. Der
einfache, ungebildete, durch seine Armut und bedrückenden Lebens- und
Familiensorgen „ungeistige" Mensch erlangt die mystische Gottesnähe durch
die Vermittlung des Tsaddiks, dem er sich eng anschliesst (in mancher
Hinsicht erinnert dies an die Rolle des Sliaikh in manchen muslimischen
Sufi-Orden oder - zeitlich und geographisch näher - des Starez im russischen
Christentum).
|