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„Wer ist ein Heiliger (chen-jen)?
Es ist der, der den Heiligen der Urzeit gleicht. Sie erklommen Höhen, ohne
schwindlig zu werden. Sie schritten ins Wasser hinein, ohne nass zu werden.
Sie traten ins Feuer, ohne heiss zu werden. Wir wissen es, dass man so wird,
wenn man nur hoch genug steigt, um die Macht dazu dem Tao zu entlehnen" (Chuang-tzu
III 6). „Einer, der Grösse hat und dazu bessernd wirkt, heisst sheng
(Heiliger), und weil die Ursache seiner Auswirkung sich der gewöhnlichen
Erkenntnis entzieht, nennt man ihn shen (göttlich)" (Meng-tzu VII.B.25).
Es gibt wahrscheinlich kein anderes Land, in dem die Menschen, die etwas
Herausragendes getan haben, so oft und auf verschiedene Weise vergöttlicht
wurden. In China gab es keinen Bereich der Kultur, dem nicht irgendein
Erfinder, Geist bzw. Heiliger zugeordnet wäre. So wurde z. B. Hou-chi (der
Urahn der Chou- Dynastie) als Schutzgott des Getreides verehrt. Keine
Zivilisation schenkte den Kulturbringern (Yao, Shun, Yu, Shen-nung) grössere
Aufmerksamkeit, und die chinesische Mythologie ist eine „Mythologie der
Heroen". Diese Gestalten sind sehr komplex. Viele von ihnen werden als
Götter verehrt, viele aber bleiben Menschen, denen man Tempel oder
Sanktuarien baut. Es gibt Heilige (Götter) auf National- und Lokalebene, von
denen jede chinesische Gemeinde einige vorzuweisen hat. Der chinesische
„Bauernkalender" und klassische Texte sind voll von diesen Gestalten. Ihre
Biographien bilden eine besondere literarische Gattung (z. B. Shih-pen).
Der Kult solcher Personen wird als „ethisch-politischer Kultus" (C. K. Yang)
bezeichnet. Er entwickelte sich auch unter dem Einfluss des Ahnenkultes.
Bekannt ist konkrete liturgische Verehrung in den Votivtempeln, die jenen
Männern und Frauen, die ihrer Nachkommenschaft Segen gebracht haben,
gewidmet sind (Kuan Yu, Ma-tsu u. a.). Andenken der grossen Dichter oder
grossen Generäle oder aber von Personen, die in einem Zusammenhang mit
Dynastiestiegründungen stehen, wird gleichfalls bewahrt. So war z. B. Ch'in
Shih-huan der lange erwartete sheng (Heilige), mit dem eine völlig neue
Epoche Menschheit begann. Mindestens seit Chou-Zeit werden solche Männer
(und Frauen) verehrt, die sich grosse Verdienste um die Menschheit erworben
haben, sei es durch gute Gesetze oder durch humanitäre Tätigkeit oder
dadurch, dass sie Ordnung und Frieden aufrechterhielten oder grosses Unheil
abwendeten. Der eigentliche Heiligen-(Heroen-)Kult ist jedoch eine
nachkonfuzianische Erscheinung und hängt mit der Verehrung des Konfuzius
zusammen, der viele mythische Gestalten vermenschlicht hat. Konfuzius selbst
wurde von einem Kaiser im Jahre 174 durch ein Opfer auf sein Grab
kanonisiert. Auf diesen Präzedenzfall folgten Kanonisierungen vieler seiner
Schüler. Sein „Kult" wurde u. a. zum Emblem des Ritenstreits.
Die Heilsgestalten in den chinesischen Religionen (Konfuzianismus und
Taoismus) lassen sich unter den Kategorien sheng-jen, chen-j shen-hsien,
hsien-jen, chih-jen finden. P sheng-jen („Heiliger") war ursprünglich ein
politisch-religiöses Universalvorbild aller Herrscher. Mit dem Aufkommen des
Konfuzius und Lao-tzu aber erweiterte sich der Kreis der sheng-jen, und
schliesslich wurden alle jene legendären oder historischen Heroen darunter
verstanden, die die Grundlagen der chinesischen Kultur geschaffen haben
(Erfinder und Lehrer). Man stufte diese Heilsgestalten später in fünf
Kategorien ein: die Beschützer der Familienverbände und Vorfahren, die zu
Helden herabgestuften Götter, die göttlichen Fürsprecher der Zünfte, die zu
Erfindern hochstilisierten mythischen Helden und schliesslich die
historischen Erfinder und Lehrer.
Jeder Herrscher musste nach der traditionellen chinesischen Vorstellung ein
Heiliger sein. Das konfuzianische Ideal des Heiligen, der sich in den Bergen
weiterbildet u läutert, aber grundsätzlich doch dem Staat zur Verfügung
steht, wirkte auch in die eigentlich taoistischen Vorstellungen hinein. Auch
der taoistische Heilige kann hin und wieder durch Rat oder Warnung den
Ablauf der Ereignisse zu beeinflussen suchen, neben seiner
Selbstvervollkommnung zum hsien („Unsterblicher"). Sowohl der konfuzianische
Weise als auch der taoistische Heilige bemühen sich aber vor allem um
Selbstbeherrschung. Es handelt sich immer um eine reinigende, befreiende
Entwicklung, um Abstreifung der Begierden, gleichgültig, ob man diese als
Kunstprodukte oder als Naturgegebenheiten auffasst, unabhängig davon, ob man
zur Natur zurückzukehren hofft (Taoismus) oder die Natur zu erheben trachtet
(Konfuzianismus).
Die Abschwächung des Götterglaubens bewirkte in der chinesischen Neuzeit,
dass der Heiligenkult in den Vordergrund trat. In diesem Rahmen muss man die
Konfuziusverehrung (z. B. in Taiwan und neuerdings auch in der Volksrepublik
China) und die heutige „Verehrung" Sun Yatsens, Chiang Kai-sheks und Mao
Tse-tungs sehen.
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