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Heilige Schriften waren
zunächst drei Veden (veda, m. = Wissen): der Rgveda, der Samaveda und der
Yajurveda. Erst später wurde diese Dreiheit (trayi) heiliger Schriften
erweitert, indem man den Atharvaveda als vierten Veda anerkannte.
Die Veden sind Sammlungen religiöser Texte der nach Indien eingewanderten
Arier, deren Entstehung sich über mehrere Jahrhunderte hinzog. Die
Kanonisierung war beim Rgveda bis auf wenige Nachträge wahrscheinlich um
1000 v. Chr. abgeschlossen, bei Sama- und Yajurveda erfolgte sie bald
darauf, beim Atharvaveda erst in der 2. Hälfte des 1. Jahrtausends v. Chr.
Die Texte enthalten das gesammelte Wissen der wichtigsten am vedischen
Opferritual beteiligten Priester. Der Hotr, der die Götter Opfer einlädt und
die Gussopfer, vor allem die Schmelzbutteropfer, ins Feuer darbringt,
benutzt den Rgveda; der gatr (Sänger) den Samaveda; Adhvaryu, der den
Opferaltar baut, Opferfeuer und Opfergeräte vorbereitet und das Tieropfer
durchführt, hält sich an den Yajurveda; der Brahman, der Verlauf des Opfers
überwacht und auftauchende Fehler oder böse Omina durch seine Kunst
unschädlich macht, benötigt dazu den Atharvaveda. Von diesen • stern sind
die Texte mündlich vonm Lehrer zu sorgfältig geprüften Schüler weitergegeben
und mit erstaunlicher Präzision über rund drei Jahrtausende tradiert worden.
Von hohem literarischen Wert ist vor allem Rgveda. In 10 Liederkreisen
(Manila die man als „Bücher" bezeichnet, enthlt er 1028 Preislieder an die
Götter, Rä lieder und einige wenige Lieder profanen Inhalts - insgesamt mehr
als 10 000 Strophen. Er stellt nicht nur die älteste Quelle für die
Gottesvorstellung und Mythologie der vedischen Arier dar, sondern zugleich
das hervorragendste frühe dichterische Werk aus der indo-europäischen
Sprachfamilie, das uns vollständig erhalten ist. Den Kern der Sammlung
bilden die sog. Familienbücher II-VII, die v der Tradition bestimmten
Sängerfamilien zugeschrieben werden, sowie Buch IX, dem die an Soma
gerichteten Hymnen ler Sängerfamilien zusammengestellt sind. Buch I und VIII
sind gemischten Inhalts und gelten als jünger; Buch X enthält neben
Nachträgen aus früherer die sprachlich jüngsten Hymnen und stellt somit den
am spätesten abgeschlossenen Teil des Rgveda dar.
Der Samaveda enthält fast ausschliessli Verse des Rgveda, die nach
opfertechnischen Gesichtspunkten anders angeordnet sind. Der Yajurveda
enthält Pro texte, meist kurze Formeln (Mantr, welche die einzelnen
Opferverrichtung begleiten. Er liegt in den Überlieferung -i zweier Schulen
als schwarzer (km& u als weisser (.fukla) Yajurveda vor. I schwarzen
Yajurveda sind die Mantr von der Darstellung und Erörterung der jeweiligen
Riten begleitet, der weit` Yajurveda dagegen trennt die Erläuterungen von
den Mantras und fasst sie in einem Brahmana zusammen. Der Atharvaveda
umfasst zwanzig Bücher (davon die beiden letzten nachträglich angefügt) mit
metrischen Texten sehr unterschiedlichen Inhalts. Neben Zaubersprüchen, die
formal den Liedern des Rgveda ähneln und z.T. ebenso alt sind, finden sich
kosmogonische und philosophische Aussagen, die zeitlich den Brahmanas und
älteren Upanisaden zuzuordnen sind.
An jeden Veda schliesst sich eine umfangreiche Literatur an: Brahmanas (ab
ca. 1000 v. Chr.), Aranyakas (ca. 800 v. Chr.), Upanisaden und Vedangas
(beide ab ca. 800 v. Chr.). Jede der Veda-Schulen besass eigene Texte dieser
Gattungen, doch ist gegenseitiger Einfluss deutlich erkennbar. Die z. T.
sehr umfangreichen BrahmanaTexte enthalten vorwiegend Beschreibungen,
Deutungen und Ursprungsgeschichten zu den einzelnen rituellen Handlungen.
Ihrem Charakter nach sind es ätiologische und exegetische Kommentare (mit
spekulativem Einschlag) sowie katalogisierende und nach Abhängigkeitsreihen
ordnende frühe Wissenschaft, wobei die Kosmogonie und die subtilen
Zusammenhänge zwischen Kosmos und Opfer im Zentrum des Interesses stehen. Es
sind Zeugnisse einer frühen Form von Theologie. Durch die in ihnen
enthaltenen Mythen werden einerseits viele im Rgveda nur angedeutete oder
als bekannt vorausgesetzte Zusammenhänge deutlich, andererseits zeigt sich
auch eine Weiterentwicklung mythischen Traditionsgutes. Die Wiedergeburts-
und Karmanlehre (Reinkarnation; Karma) deutet sich in den Brahmanas bereits
an. Die Übergänge zu den esoterischeren Lehren der Aranyakas (Bücher der
Wildnis = Geheimlehren) sind fliessend. Diese wiederum leiten hin zu den
mehr philosophisch orientierten Upanisaden, auf welche spätere indische
Philosophie immer wieder zurückgreifen wird. Die Vedangas umfassen die
Hilfswissenschaften zum Verständnis und zur Tradierung des Veda (Grammatik,
Metrik, Etymologie), ferner Leitfäden der Opferwissenschaft (Astrologie,
Mathematik bzw. Geometrie und Konstruktion des Opferaltars; Handbücher zu
den öffentlichen und häuslichen Riten) sowie Kodifizierungen des Dharma, d.
h. der richtigen Verhaltensweisen im gesamten Spektrum des privaten,
gesellschaftlichen und politischen Bereiches, welche zur Aufrechterhaltung
der kosmischen Ordnung beitragen. Die Pflichten der vier Lebensstadien
(a.rama) und der vier sozialen Schichten (varna), d. h. der Brahmanen,
Ksatriyas (Adel und Krieger), Vaisyas (Bauern und Händler) und Sudras
(Dienstleistende Berufe), sind darin ebenso enthalten wie allgemeines
Brauchtum und Sitte, Zivilrecht und Strafrecht, Sühne und Bussvorschriften
für religiöse Übertretungen.
Später wurden die Veden, Brahmanas, Aranyakas und Upanisaden als
Offenbarungstexte betrachtet, die Vedanga-Texte zur Opferwissenschaft, zum
Ritual und zum Dharma dagegen als autoritative Tradition.
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