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Heilige Schriften der
Sivaiten sind das Satarudriya und die Svetasvatara-Upanisaden, die
Pasupatasutras, die 28 Saiva-Agamas, mehrere Tantras sowie die dem Vasugupta
zuteil gewordene Offenbarung der Sivasutras. Hinzu kommen mit weniger
autoritativem Status die ebenfalls offenbarten Sivaitischen riinas, die von
inspirierten Heiligen verfassten Preislieder Sivas (stotras) und von Bhakti
erfüllten Dichtungen Nayanars (Herren). Ursprung der Offenbarungs-Schriften
ist stets Siva selbst, wie auch selber Stifter der sivaitischen Lebens ist.
Allerdings ist erster Empfänger Offenbarung nicht selten Uma, die Gemahlin
Sivas. Erst dann wird sie, bisweilen durch göttliche Mittler, an die
Menschen weitergegeben.
Die beiden erstgenannten, in der sivaitischen Tradition stehenden Texte, die
dem Gott Rudra gewidmet sind, ermöglichen den Sivaiten eine klare Anknüpfung
an die vedische Überlieferung. Obwo sivaitische Sekten, vom vedischen
Standpunkt her gesehen, in Lehre und Verhalten weit häufiger und deutlicher
als Visnuiten heterodoxe Züge zeigten, haben sie sich mehr als diese als
Erben der vedischen Tradition darzustellen versucht und oft selbst extreme
Position als mit dem Veda vereinbar verteidigt. Sie postulierten, dass der
Veda selbst von Siva verkündet worden sei. Durch spätere, der Gegenwart im
Kali Yuga angemessenere Offenbarungen Sivas (die Agamas und Tantras) sei er
freilich in wesentlichen Punkten ergänzt worden. Die pa,eupatastitras,
wahrscheinlich von dem als Inkarnation Sivas geltenden Lakulin im 2. Jh. n.
Chr. in .Gujarat verfasst, schildern die Wesenszüge, Eigenschaften und
Fähigkeiten Sivas und, als Ansporn für die Gläubigen, die göttlichen
Fähigkeiten des Menschen, wenn er zum Vollendeten wird. Zugleich geben sie
Anweisungen für die religiöse Praxis. Die später so wichtige Sakti spielt
bei den frühen Pcieupatas noch keine Rolle. Siva selbst ist als allmächtiger
Herrscher konzipiert, der keinerlei Einschränkungen unterworfen ist, es sei
denn, er erlege sie sich selber auf. Von Kaundinya (5.-6. Jh.?) wurde die in
nuce in den Pasupatasutras enthaltene Lehre in seinem Kommentar
Paricarthabhasya zu einem umfassenden System ausgebildet, das von den fünf
Gegenständen (paiicartha): Schöpfung (karya, wörtl. Produkt), Schöpfer (karana,
wörtl. Ursache), Vereinigung mit dem Herrn (yoga), religiöse Vorschrift (vidhi)
und dem Ende des Leidens (dubkhanta), handelt.
Von den 28 von Siva selbst stammenden Agamas sind das Kirana-, Kamika-,
Mrgendra- und Raurava-Agama bes. bekannt. Hinzu kommen als sivaitische
Tantras vor allem Svacchanda-, Malinivijaya-, Netra- und Mrgendra-Tantra. In
beiden Gruppen von Texten wird die sivaitische Kosmologie, die Entfaltung
des einen Gottes zur Vielfalt der Seienden und die Erlösungslehre entfaltet.
Yoga und Meditation, rituelle Praxis, äussere und innere religiöse
Verrichtungen des Adepten werden im Detail beschrieben. Die Rolle des
spirituellen Lehrers (Guru) als des Mittlers göttlichen Wissens, aus dem in
fortgeschrittenem Stadium Siva selbst spricht, und die Bedeutung der Weihe
(diksa) betonen den esoterischen Charakter der Lehre. Auf den saiva-Agamas
baut die Lehre des aivasiddhanta auf, die sich als „abschliessende Lehre der
Sivaiten" betrachtet. Er hatte einen ersten, noch stark vom Vedanta und
speziell von Ramanuja beeinflussten Exponenten in Srikantha (12. Jh.?), dem
Autor des gaivabheya, des „Sivaitischen Kommentars" zu den Brahmasutren. Das
System erhielt jedoch seine wichtigste systematische Darstellung im
Sivajiianabodha (Erwachen zur Erkenntnis Sivas) des Sudra Meykauda (13.
Jh.). Sein Werk wurde von seinen Schülern und deren Schülern fortgesetzt,
und es entstand eine Sammlung von 14 Texten des Meisters und der drei
folgenden Lehrer (Arulnandi, Manavacakam-Kadandar und Umapati), welche für
die Saivasiddhantins kanonisches Ansehen erlangte.
Die givasitras (9. Jh.) bilden eine auf Geheiss Sivas erneut erfolgte
Offenbarung des Sinns der Lehre der Agamas, die nötig wurde, weil die Agamas
falsch verstanden wurden. Dieser dem Vasugupta offenbarte Text wurde zur
Grundlage des Kaschmirischen Sivaismus, der auch Trika (Dreiheit) oder
Pratyabhijiia (Wiedererkennungslehre) genannt wird. Bedeutende Theologen
dieser Schule, wie Kallata, Somananda, Utpala, Abhinavagupta und Ksemaraja,
entwickelten daraus die Lehre von der Vibration oder Schwingung göttlichen
Bewusstseins (spanda), welches die Expansion zur Vielheit der Welt
verursacht, und der folgenden Inversion durch Wiedererkennen
(pratyabhijiia), die zur Aufhebung der Vielheit führt, wenn die Seele ihre
Identität mit Siva erkennt.
Auch die Sivaitischen Puranas (Vayupurana, givamahapurana, Lirigapurana
usw.) sind nach ihrem Selbstverständnis Offenbarungs-Schriften. Sie
enthalten die Mythen um Siva, Verehrungsformen, Gelübde und Feste zu Ehren
Sivas, den Preis der ihm heiligen Orte mit Entstehungsgeschichte und
Heilswirksamkeit sowie Abhandlungen über Yoga, Kosmogonie usw. Dennoch sind
die Puranas von den sivaitischen Theologen nicht in dem Masse als
autoritative Schriften herangezogen worden, wie dies bei den Visnuiten der
Fall war. Die Tatsache, dass die Puranas allg. zugänglich waren, scheint sie
in den esoterischen, oft stark tantrisch beeinflussten Schulen der Sivaiten
etwas entwertet zu haben. Grosse, für das religiöse Selbstverständnis der
Sivaiten in Südindien bestimmende Wirkung hatte dagegen die reiche
Bhakti-Literatur, verfasst von den 63 Nayanars, die vom 7.-10. Jh. in der
Regionalsprache Tamil das Lob Sivas sangen. Siva als der Liebevolle,
Freundliche, Hilfreiche, Gnädige steht in diesen Liedern im Vordergrund, der
Gott, dem man sich gänzlich hingeben muss, um sich selbst ganz zu gewinnen.
Unter den Sammlungen von Liedern dieser Mystiker ragen das Devaram, welches
die Dichtungen der Heiligen Appar (7. Jh.), Sambandar (7. Jh.) und Sundarar
(7.-8. Jh.) enthält, und das Tiruvacakam, das von Manikkavacakar verfasst
worden ist (Ende 7. Jh.), besonders hervor. Diese Texte werden dem Veda
gleichgestellt und haben Vorbildcharakter für die sivaitische Frömmigkeit
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