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1.Kanon
Die Heiligen Schriften des Christentums („Bibel") umfasst den
alttestamentlichen und neutestamentlichen Kanon des durch kirchliche
Entscheidung als inspiriert und als normative Glaubensquelle anerkannten
Schrifttums aus der israelitisch-frühjüdischen. und
urchristlich-apostolischen Offenbarungs-, Glaubens- und
Literatur-Geschichte. Der Kanon des Alten Testamentes wird von den
christlichen Kirchen (im Unterschied z. B. zur Betonung der „Hebraica
veritas" durch Hieronymus) in der Regel nicht im Anschluss an Einteilung
(Prolog zu Sir) und Umfang des hebr. Kanon mit 22/24 Schriften, sondern in
Aufnahme der Septuaginta bestimmt und enthält 39 bzw. 45 Bücher, da über den
hebräischen Kanon hinaus die sog. Apokryphen (oder deuterokanonischen
Bücher) hinzukommen. Daneben gewannen weitere Pseudepigraphen, die sich
zumeist nicht in LXX und Vulgata befinden, bes. in den Kirchen des Ostens
kanonisches Ansehen. In den verschiedenen kirchlichen Traditionen werden die
alttestamentlichen Schriften unterschiedlich (auch abweichend von Aufbau und
Anordnung des Tanakh bzw. Tenakh, d.h. der hebräischen „Schrift") gruppiert
und gegliedert (vgl. Vulgata und Luther-Bibel).
Der Kanon der neutestamentlichen Schriften, die in ihrer literarischen und
theologischen Vielgestaltigkeit das für Glauben und Theologie der Kirche
bindene Urzeugnis vom universalen eschatologischen Gottesheil durch und in
Jesus Christus enthalten ist, bildet sich nach der wohl schon Ende des 1.
Jh. vorliegenden Paulusbriefsammlung im Zuge eines komplexen
innerchristlichen Klärungs- und Ausleseprozesses und in Abgrenzung von
apokrypher christlicher Literatur und Häretikern, bes. von Marcions
Verwerfung des AT und Beschränkung auf Lk und 10 Paulusbriefen (um 150 n.
Chr.). Das älteste röm. Kanonverzeichnis, der Kanon Muratori (2. Jh.),
orientiert sich bei der Kanonizität an den Kriterien der Apostolizität und
kath. Bestimmung. Die Diskussion um die Zugehörigkeit einzelner Schriften
zum neutestamentlichen Kanon wird grundsätzlich entschieden durch den 39.
Osterbrief des Athanasios von Alexandrien (367) und durch die Beschlüsse der
römischen (382) und nordafrikanischen Synoden (393, 397, 419). Trotz der
Festlegung des NT auf 27 Schriften wird die Kanonizität bes. von Hebr und
Offb erst mit zeitlicher Verzögerung allgemein wirksam (endgültige
Anerkennung der Offb in der griech. Kirche erst im 10. Jh.; im lat. Westen
noch bis ins MA der apokryphe Laodicenerbrief in Vulgata-Handschriften). Das
Christentum im syr. Sprachbereich geht bis ins 7. Jh. einen Sonderweg, der
in der Wertschätzung des „Diatessaron", der Evangelienharmonie Tatians (um
170-180), begründet ist.
Nach der Annäherung durch die Peschina (Anfang 5. Jh.) schliesst sich im
Unterschied zu den Nestorianern die westsyrisch monophysitische Kirche nach
der Synode von Ephesus (431) durch die Philoxeniana (Anfang 6. Jh.) und die
Charclensis (7. Jh.) der Kanonauffassung der griechischen Kirche an. Die
monophysitische Kirche der Kopten erweitert den Kanon auf 1/2 Clem und die
„Apostolischen Konstitutionen", während die der Äthiopier zusätzlich
Apokryphen kanonischen Rang einräumt. Im westlichen Christentum lebt die
Frage der Kanonizität neutestamentlicher Schriften im Zuge historischer
(Erasmus) und inhaltlich-theologischer Kritik (Luther) wieder auf.
Demgegenüber bekräftigen Tridentinum (1546) und I. Vatikanum (1870) den
Kanon der ganzen Bibel des AT und NT. Trotz der allg. kirchlich akzeptierten
Festlegung des ntl. Kanons sind der Prozess der Abgrenzung des ntl. Kanons
innerhalb der frühchristlichen Literatur, die massgeblichen Kriterien der
Kanonizität, die theologische Einheit des Kanons angesichts der Vielfalt
neutestamentlicher Theologien und dessen Bedeutung für eine biblische
Theologie und die theologische Lehre Gegenstand wissenschaftlicher
Erörterungen bes. in der evangelisch historisch-kritischen Exegese und
systematischen Theologie.
2.Entstehung und Inhalt des neutestamentlichen Schrifttums
Das Urchristentum kennt keine eigene heilige Schrift, sondern bezieht sich
interpretierend, apologetisch und polemisch in der Formulierung seines
Glaubensverständnisses auf die im Frühjudentum benutzten heiligen Schriften.
Grundlage für die spezifische Verwendung der alttestamentlichen Bücher wie
für die neutestamentliche Literarisierung sind die Proklamation der
endzeitlich-nahen Gottesherrschaft durch Wort und Tat Jesu im Kontext der
frühjüdischen religiösen Bewegungen (bes. pharisäischer und apokalyptischer
Prägung), die mündliche Weitergabe der Jesusüberlieferung in der
nachösterlichen Gemeinde und die bereits sehr früh einsetzende theologische
Deutung von Jesu Person und Heilsfunktion auf dem Hintergrund seines Leidens
und Sterbens am Kreuz, unter dem Vorzeichen der Erfahrung seiner
Auferweckung und unter Anknüpfung an alttestamentlich-jüdische
Verstehenskategorien. Die Entstehung der neutestamentlichen Schriften ist
verbunden mit der Entwicklung der urchristlichen Gemeinden über den
jüdisch-palästinischen Lebens- u Religionsbereich hinaus und den sich mit
wandelnden theologischen und gemeindlichen Problemstellungen. Im Neuen
Testament findet sich keine durch den historischen Jesus selbst autorisierte
Schrift, zudem sind die meist historischen (judenchristlichen) Verfasser der
50-1 n.Chr. entstandenen Schriften namentlich unbekannt (vgl. die in der
antiken verbreitete Praxis der Pseudonymität u Pseudepigraphie). Selbst die
syno Evangelien enthalten keine zur Wirkz Jesu vom Jüngerkreis
aufgezeichnete Traditionen. Literarkritische Quellenanalyse und
formgeschichtliche Methode ermöglicht aber die Rekonstruktion der lit. Bei
hungen und der vorausgehenden mündlichen Tradition, die aus der
Jesusüberlieferung einzelne Worte (bzw. Erzählugen) als Herrenworte
rezipiert und an die Gemeindesituation hin z. T. durch klärende
Erweiterungen und Umgestaltungen aktualisiert. Im Verlauf der Tradierung
werden einzelne Sprüche und Erzählungen zu grösseren Überlieferungseinheiten
verbunden. Das Lukas- u Matthäusevangelium (um 90) haben gemäss der
Zweiquellentheorie die Traditionen unter Aufnahme des Markusevangeliums (um
70), Logienquelle Q (vor 7 und jeweils eigenem Sondergut kompositorisch
geordnet und redaktionell je nach theologischem Verständnis der
Jesusüberlieferung unter Berücksichtigung der gemeindlichen Problemlage mit
spezifischen zenten versehen. Dementsprechend lassen sich christologische,
ekklesiologische und z. B. eschatologische Sichtweisen in den synoptischen
Traditionen und Evangelien unterscheiden. Mit dem Lukasevanglium bildet die
Apg als theologisch geprägte historiographische (mit romanhaften un
legendären Elementen angereicherte Darstellung der Ausbreitung und
Auswirkung der Christusbotschaft von Jerusalem bis Rom (bzw. den Enden der
Erd das sog. lukanische Doppelwerk. Neben der in die synoptischen Evangelien
eingehende, mündlich überlieferte Jesustradition bieten liturgisch
verwendete Bekenntnisformulierungen und Lieder wie auch andere liturgische
und paränetische Traditionen Haftpunkte für die Literaturisierung. Als
älteste literarische Zeugnisse sind im Neuen Testament die authentischen
Paulusbriefe erhalten, die als Gelegenheitsschreiben zwischen 50 und 56 n.
Chr. an Gemeinden und an eine Einzelperson adressiert sind. Sie
dokumentieren die Entwicklung einer (rechtfertigungs-)theologischen
Konzeption vom eschatologischen Gottesheil für Israel und die Völker allein
durch und in Christus in enger Verbindung mit der missionarischen
Evangeliumsverkündigung und gemeindlichen Problemen. Im Zuge der Sammlung
sind diese Briefe aus einer umfangreicheren Korrespondenz zusammengestellt
und z. T. redaktionell bearbeitet worden. Die paulinische Tradition lebt in
der zunehmend modifizierenden Rezeption der pseudonymen Deuteropaulinen
weiter. In ihnen reflektiert sich der Anspruch auf Kontinuität der
apostolischen Tradition („Paulus") in der Wandlung der theologischen
Denkweise und die Kirchwerdung (nachapostolische Gemeindeordnung der
Pastoralbriefe) in der Auseinandersetzung mit Sonderströmungen (Irrlehren).
Zu den späten neutestamentlichen Schriften gehören auch die nach
altkirchlicher Überlieferung „katholisch" genannten und mehrheitlich um die
Wende zum 2. Jh. verfassten Briefe Jak, 1/2 Petr, 1-3 Joh, Jud mit ihren aus
vielfältigem Traditionsgut schöpfenden Weisungen für die christliche Praxis,
ebenso die predigthafte Mahnrede des Hebr (80-90) mit eigenständiger, sich
an der hellenisch-jüdischen Schriften-Exegese anschliessender Reflexion über
das Hohepriestertum Christi und das Gottesvolk der Kirche, schliesslich auch
Johannesapokalypse und Johannesevangelium. In der Spätphase gewinnt der
Traditionsgedanke in der Abwehr häretischer Lehren an Bedeutung, zudem wird
das Auftreten von Falschlehrern wie auch die Verfolgung der Gemeinde als
Zeichen endzeitlicher Drangsal gewürdigt. In kritischer Distanz zur
politisch-religiösen Machthybris des römischen Imperiums reaktualisiert um
96 n.Chr. die JohannesapokaIypse im kleinasiatischen Gemeinderaum die
urchristliche Naherwartung in Verbindung mit einer spekulativ
angereicherten, geschichtstheologischen Endzeitperspektive und greift dabei
Denk- und Literatur-Form der jüdischen Apokalyptik auf. Eine theologisch
eigenständige und von den synoptischen Evangelien unterschiedene Grösse ist
das Johannesevangelium (um 100) mit seiner Darstellung Jesu als Offenbarer
Gottes, in der Traditionsgut im Spannungsfeld gnostischer Denkansätze unter
Hervorhebung präsentischer Eschatologie kritisch reflektiert verarbeitet
wird. Hinsichtlich Sprache, Themen und Gedankenwelt gehören 1-3 Joh in den
geistigen Wirkungsbereich des Johannesevangeliums.
3.Bedeutung
Die Schriften des neutestamentlichen Kanons sind für das kirchliche
Christentum nicht nur religionshistorische (judenchristliche)
Literatur-Dokumente des östlichen Mittelmeerraumes zur hellenisch-römischen
Zeit, sondern bieten als Primärquellen Anhaltspunkte für die historischen
Fragen nach Jesus von Nazaret und der frühesten Wirkung seiner Bewegung
innerhalb des Frühjudentums. Ebenso zeigen sie die Wurzeln, Grundlegung und
Entwicklungsstufen von Glaube, Theologie, Ethik und Gemeindeformen des
Frühchristentums auf. Nach kirchlichem Schrift-Verständnis spricht sich in
diesen Texten unterschiedlicher literarischer Gattungen und theologischer
Profilierung die das AT vollendende Gottesoffenbarung im Menschenwort der
apostolischen Verkündigung der Urkirche aus. Als solche sind sie über ihre
Entstehungszeit (50-150 n. Chr.) und den urspr. Adressatenkreis hinaus
konstitutiv und normativ für Verständnis und Vollzug des Glaubens der
Kirche(n) und der einzelnen Christen in jeweiliger Partizipation an
bestimmten, geschichtlich geprägten, kirchlichen und theologischen
Traditionen innerhalb der ehristlichen Auslegungs- und Wirkungsgeschichte
der urchristlichen Christusbotschaft. Sowohl durch herkünftige Verwurzelung
in der atl.-frühjüd. Glaubensgeschichte (vgl. Traditionsgut, Denkweise,
theol. Kategorien, Erwartungen usw.) als auch durch die explizite
Thematisierung des Verhältnisses der Christusgemeinde zu Israel als von Gott
erwähltem Verheissungsträger wird das Christentum durch das NT an das
altisraelit.-jüd. Gotteszeugnis zurückgebunden und bringt zugleich durch die
eschatologisch-universale Sicht des geschehenen und sich noch vollendenden
Heilshandelns Gottes mit dem Christusglauben die Israel und die Völker
umfassende Verheissung des Gottesheils zur Geltung. Dieser Grundzug der im
Christusglauben fundierten Hoffnung darf nicht durch die zeitgeschichtlich
bedingten, sich auch innerjüdischen Argumentationsformen bedienenden, z. T.
überspitzten antijudaistischen Polemiken im NT verdeckt werden. Andererseits
ist der Kanon des NT in seiner lit. und vor allem theol. Vielschichtigkeit
die urchristlich-ökumenische Urkunde von dem Prozess sich in der Wahrheit
klärender und immer neu zur Bewährung aufgegebener Einheit der
Evangeliumsbezeugung in der Vielfalt aufeinander folgender bzw.
nebeneinander formulierter Auslegungen und situationsbezogener
Konkretisierungen von Jesusüberlieferungen und Christuskerygma in der
Rezeption der werdenden Kirche der hellenistischen Völkerwelt. Durch diese
neutestamentliche Rezeptions- und Wirkungsgeschichte hindurch wird das
Christentum in der geschichtlichen Vielfalt seiner Bekenntnistraditionen,
Theologien und kirchlichen Realisierungen zur Sache des Evangeliums als
heilsdynamischer Mitte und Verweis auf die Zukunft Gottes kritisch
zurückgerufen. Im Dienst an der Heilsbotschaft und an der Kirche arbeitet
die wissenschaftliche Exegese mit kritisch hermeneutischem Bewusstsein durch
die Anwendung eines differenzierten methodischen Instrumentariums unter
Berücksichtigung der Literatur- und geschichtswissenschaftlichen Methodik
und unter Einbeziehung der religiös- bzw. sozial-geschichtlichen Forschung.
Als fundamentale theologische Disziplin wirft sie mit der Analyse des
vielfältigen neutestamentlichen Zeugnisses und der Transformation der
jesuanischen Gottesherrschaftsansage zum nachösterlich hervortretenden
Christusglauben die Frage nach der Kontinuität in den geschichtlichen
Konkretisierungen und Kontextualisierungen des christlichen Glaubens und
nach der darin sich vollziehenden Identität des jesuanischen Grundimpulses
auf.
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