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I. Die chinesischen
heiligen Schriften werden im Westen vielfach „Klassiker" genannt. Der chinesische
Terminus für „klassisch" ist ching und meint in seiner Grundbedeutung
„Seide", wörtlich „Kettfaden", der sich in einem Gewebe findet und das
Muster ausmacht oder unterbricht. Die Metapher ist insofern zur Umschreibung
geeignet, als die Vorfahren auf Seide wie auch auf Holz und Bambus
schrieben. Der Terminus ching wurde anscheinend ganz allgemein im Hinblick
auf die Bücher der Väter gebraucht und gewöhnlich den alten Weisen
zuerkannt. Schon früh wurde der Name Konfuzius mit den sechs Klassikern
assoziiert und diese wiederum mit den sechs Künsten identifiziert. Die sechs
Klassiker umfassen die Werke Shu (Geschichte), Yi (Wandel), Shih (Poesie),
Ch'un-chiu (Frühling/Herbst) und Li (Sitten). Das sechste Buch, die Musik (Yüeh),
ist verlorengegangen. Das Corpus selbst erhielt erst in der Han-Dynastie
(206 v.Chr. - 220 n.Chr.) seine endgültige Gestalt. Es musste in dieser Zeit
sorgfältig rekonstruiert werden, da die Bücher unter den Edikten des
despotischen Gründers der frühen Ch 'in-Dynastie (221-207 v. Chr.) durch
Feuer zerstört worden waren. Die fünf oder sechs Bücher werden allgemein
Konfuzius zugeschrieben, entweder als ihrem Herausgeber oder - bes. im Fall
des Werkes Frühling/Herbst - als ihrem Autor. Die heutige Wissenschaft
bezweifelt dieses jedoch ernsthaft. Dennoch ist die Bedeutsamkeit der
Beziehung zwischen Konfuzius und den Klassikern derart, dass die Frage
bestehen bleibt, zumal die Autorität der Klassiker sich von der Autorschaft
der Weisen, bes. der des Konfuzius, herleitet. Seit der Han-Dynastie bilden
die fünf Klassiker die Grundlage für die Erziehung und das Prüfungssystem,
so dass sie die Aura der staatlichen Sanktionen erlangte und eine reiche
Tradition der Textexegese auslöste.
2. Auf der Basis eines kleineren Corpus formulierten die neo-konfuzianischen
Philosophen die konfuzianische Philosophie neu in vier Büchern: die
Gespräche des Konfuzius mit seinen Schülern; das Buch des Mencius, das
dessen Gespräche mit seinen Schülern zum Inhalt hat, die Grosse Lehre und
die Lehre der Mitte, diese beiden Kapitel aus dem Buch der Riten.
Die Grosse Lehre zeichnet moralische und spirituelle Kultur als
Ausgangspunkt einer guten Regierung; die Lehre der Mitte konzentriert sich
auf das innere Leben des physischen Gleichgewichts und der Harmonie. Damit
orientierte sich die konfuzianische Gelehrsamkeit im wachsenden Masse an
metaphysischen und spirituellen Fragen und nahm sogar vieles aus der
buddhistischen und taoistischen Philosophie in ihre eigene Diskussion über
die Welt und die menschliche Psychologie auf. 1313 wurden anstelle der fünf
Werke diese vier Bücher die Grundlage für die Prüfungen zum Eintritt in den
Staatsdienst. Das geschah einmal unter dem Einfluss des Neo-Konfuzianismus,
sodann weil die fünf Klassiker aufgrund ihres verschiedenen literarischen
Genres schwer zu verstehen waren, während die vier Bücher eine kohärente,
geistliche Botschaft darboten, die besser den Herausforderungen der
buddhistischen und taoistischen Philosophen entsprach. Die konfuzianischen
klassischen Texte besitzen die Autorität heiliger Schriften. Das kann man
von den taoistischen Texten nicht sagen, obwohl auch sie den Namen ching
tragen. Sie sind so zahlreich, dass sie eher eine Bibliothek oder eine
Kollektion unterschiedlicher Schriften als ein Corpus heiliger Schriften
bilden. Sie waren auch nicht durch Staatsprüfungen sanktioniert. Die
Sammlung taoistischer Schriften wird als „Tao-Tsang" (Kanon des Taoismus)
bezeichnet, umfasst mehr als eintausend Bände aus über 15 Jahrhunderten. Sie
hat einen stark eklektischen Charakter, da sich der Taoismus ebenso
buddhistische, manichäische wie auch christliche Schriften aneignete. In den
meisten Büchern wird behauptet, sie enthielten göttliche Offenbarungen, die
einem Anhänger das Taoismus während eines Trancezustandes zuteil wurden.
Keine Schrift weist den Namen des Autors oder das Datum der Entstehung auf,
viele Schriften sind in verschlüsselter, esoterischer Sprache geschrieben,
die nur von Eingeweihten verstanden werden. Philosophische Abhandlungen wie
des Lao-tzu und Chung-tzu sind in den taoistischen Kanon aufgenommen worden
und haben ihre eigenen Interpretationen gefunden. Das „Buch der Wandlungen",
ein konfuzianischer Klassiker und zugleich ein Weissagungs-Handbuch, ist
ebenfalls Bestandteil dieses Kanons. Die Struktur des taoistischen Kanons,
der aus dem 5. Jh. n.Chr. stammt, wirft Licht auf dessen schulmässigen
Charakter. Er besteht aus sieben Teilen, sogenannten „Drei Höhlen" (jede
derum in 12 Untersektionen aufgeteilt und „Vier Ergänzungen". Der Be „Höhle"
(tung) wird (vermutlich) aufgrund des Anspruchs benutzt, die sten Schriften
seien von Einsiedlern Höhlen offenbart oder entdeckt worden. Jede der „Drei
Höhlen" wuchs urspr. eine bestimmte Schrift oder eine Gru von Schriften. Die
erste Höhle (Tung-c hat als ihren Kern die Shang-cif Schriften, die zweite
(Tung-hsuan) die pao-Schriften und die dritte (Tung-shen) San-huang (Drei
Erhabene)-Schriften. Shang-ch'ing-Schriften, um eine liturgische Dichtung
mit geheimen Götter- und Sternennamen gruppiert, werden mit
Mao-shan-Bewegung in Verbindung gebracht, die nahe Nanking in Südchina
heimstet war. Die Ling-pao-Schriften, ebenfalls aus dem Süden stammend, sind
u Texte über Zaubermittel, die einen streng buddhistischen Geist atmen; sie
sind mit Ling-pao-Sekte in Verbindung gebra worden. Die Herkunft der San-hu
Schriften ist weniger klar; sie entstammen wahrscheinlich jenen Kreisen von
T Lehrern, die am Hof des Kaisers tätig waren. Sie enthalten als Kern Texte
über Talismane und untergeordnete Exorzismen und sind mit der Sekte der
Himmelsmeister in Verbindung gebracht worden. jede der drei Höhlen ist zudem
unter den Schutz eines der drei Götter gestellt: diese schliessen die
oberste Gottheit (eine direkte Emanation des Tao selbst) ein, seinen Schüler
Herrn Tao (das personifizierte Tao) und dessen Schüler Herrn Lao (den
divinisierten Lao-tzu). Während Lao-tzu so nur der dritte in der
Götterhierarchie zu sein scheint, ist der Kult zu seinen Ehren sehr alt, und
viele in der Tang-Dynastie und später betrachteten ihn als denjenigen, der
die meisten Schriften (Haupt-Schriften) des taoistischen Kanons offenbarte.
Von den „Vier Ergänzungen" beziehen sich die drei ersten (T'ai-hsuan,
T'ai-p' ing und T'ai-ch'ing) auf je eine der „Drei Höhlen", während die
vierte (Cheng-yi) eine Ergänzung zu allen drei Höhlen darstellt. Der
zentrale Text der ersten Ergänzung betrifft interessanterweise Lao-tzu
selbst, was den merkwürdig untergeordneten Rang dieser Abhandlung zeigt; im
Mittelpunkt der zweiten Ergänzung steht der „T'ai-p'ing ching" (Klassiker
des grossen Friedens), ein utopischer und messianischer Text, während die
dritte Ergänzung mehr von der Alchemie handelt. Die Texte der vierten
Ergänzung sind aus den kanonistischen Schriften der Himmelsmeister-Sekte
zusammengestellt. Tatsächlich sind alle diese zentralen Texte älter als die
der „Drei Höhlen". Die „Vier Ergänzungen" wurden später den „Drei Höhlen" in
einer Reformbewegung hinzugefügt, möglicherweise um der buddhistischen
Infiltration des Taoismus zu begegnen.
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