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Heilige Schrift(en) im Buddhismus

Die buddhistischen heiligen Texte stellen eine ganze Bibliothek verschiedener Literaturen und Literatur-Gattungen mit unterschiedlichem regionalem und lehrmässigem Hintergrund dar, die in einer Zeitspanne von mehr als eintausend Jahren abgefasst wurden und in verschiedenen Sprachen (Pah, Sanskrit, Chinesisch, Tibetisch, Japanisch, Koreanisch, zentralasiatische Sprachen u. a.) vorliegen. Die fast unüberschaubare Komplexität der Überlieferungen und Traditionsbildungen hat dazu geführt, dass es mehrere Kanones gibt, die mit jeweils unterschiedlichen Lehrrichtungen verbunden sind. Längst noch nicht alle Schriften sind von der Forschung erschlossen (der chin. Kanon umfasst ca. 100 000 Druckseiten).

1.Hinayana
Die erste Sammlung der Reden des Buddha soll auf dem 1. Konzil unmittelbar nach dem Tod des Buddha erfolgt sein, als Ananda, einer der Hauptschüler des Buddha, vor 500 versammelten Arhats die von ihm gehörten Texte rezitierte (bhanakas). Bis zur ersten Zusammenstellung und Niederschrift des ältesten Kanons in Pali im 1. Jh. v.Chr. (evtl. 29 v.Chr., 4. Konzil unter König Vattagamani) in Ceylon hatte sich eine umfangreiche Literatur in verschiedenen mittelindischen Sprachen angesammelt, deren Authentizität und Bedeutung von den klassischen 18 Schulen unterschiedlich beurteilt wurde: einer der wichtigsten Differenzpunkte zwischen den Schulen war die unterschiedliche Beurteilung der Kanonizität der Texte.
Der erst im 5. Jh. n.Chr. vollständig abgeschlossene Kanon besteht aus drei Abteilungen („Körbe", P. tipitaka, Skt. tripitaka), die sich in Inhalt und Form voneinander unterscheiden:

a) Das Vinaya-Pitaka, die Anweisungen zur Disziplin und die Mönchsregel im engeren Sinn (P. patimokkha, Skt. pratimoksa), das in den verschiedenen Überlieferungen weitgehend identisch und darum sehr alt ist. Es enthält Abschnitte, die sich mit Regeln für die Mönche, solchen für die Nonnen und schliesslich Lebensregeln für die Laienanhänger sowie Regeln für Kleidung, Nahrung, Wohnungseinrichtung, Gesundheits-fürsorge usw. befassen. Jede Regel ist in einem spezifischen Fall begründet und wird auf den Buddha selbst zurückgeführt.

b) Das Sutta-Pitaka enthält die Lehrreden des Buddha je an genannten Orten und für eine bestimmte Hörerschaft, wobei ein sutta (Skt. sutra, „Faden") die Worte des Buddha wie auf eine Perlenschnur mit innerer Logik aneinanderreiht. Die Sutras beginnen stereotyp mit dem „so habe ich gehört ..." (evam maya srutam ekasmin samaye), was sich, wie erwähnt, auf Ananda bezieht. Die Sutras sind in 5 Nikayas (Sammlungen) eingeteilt, die auch als Agamas (Traditionen) bezeichnet werden. Die Nikayas sind: Digha-Nikaya (34 längere Sutras), Majjhima-Nikaya (152 Sutras mittlerer Länge), Samyutta-Nikaya (2875 Sutras, die nach 56 Themen geordnet sind), Ariguttara-Nikaya (2198 Sutras, die numerisch geordnet sind), Khuddaka-Nikaya (eine späte Sammlung von 15 Sutras, die auch im 5. Jh.n. Chr. noch nicht abgeschlossen war).

c) Das Abhidhamma-Pitaka geht auf Texte aus dem 2. Jh. v. Chr. zurück, die die Lehren des Buddha systematisch darzustellen versuchen und kategorisieren. Bis heute existieren vollständig nur die Abhidharma-Lehren der Theravadins (in Pali) und der Sarvastivadins (in chin. Übersetzung). Beide enthalten je 7 Texte, allerdings unterschiedlichen Inhalts. Während das im 1. Jh. n. Chr. zusammengestellte Theravada Abhidhamma-Pitaka im wesentlichen nur die Texte der Nikayas ordnet und erklärt, begründen die Sarvastivadins mit ihrem Abhidharma die doktrinäre Unabhängigkeit ihrer Schule.
Zu allen 3 Körben des Kanons gibt es eine umfangreiche Kommentar-Literatur der verschiedenen Schulen, in Pali (der bedeutendste und bis heute für den Theravada-Buddhismus massgebliche Kommentator war Buddhaghosa, Ende 4. Jh. n. Chr.), Sanskrit (wenige Texte halten), Chinesisch und Tibetisch. Ein wichtiger und einflussreicher nichtkanonischer Text, in dem Nagasena gegnüber dem griechischen König Milinda die gesamte frühbuddhisische Lehre gut zusammenfasst, ist Milindapariha (wohl 3. Jh. n.Chr. in Nordindien entstanden

2.Mahayana
Jede neue Schule muss sich durch ein neues oder „wiederaufgefundenes" Sutra legitimieren, und so entstanden bis in die Zeit der grossen Übersetzungen ins Chinesische (3. Jh. n. Chr.) ständig neue Sutras. Die frühesten Mahayana-Texte sind die Prajmaparamita-sutras („Vollkommenheit Weisheit"), deren Ideen bis ins 1. oder gar 2. Jh. v. Chr. zurückreichen. Die schon aus den Biographien des Budda bekannten Sechs Vollkommenheiten werden hier systematisiert und in der grössten Vollkommenheit, der Einsicht in Leere, d. h. die nicht-inhärente Existenz der Erscheinungen, zur Vollendung gebracht. Der älteste schriftlich fixierte Text (um 150 n. Chr. ins Chinesische übersetzt, also zuvor entstanden) das Sutra in 8000 Versen (Astasahasrika-prajnaparamita-sutra), zu unterscheiden von dem späteren in 25 000 Versen Pancavimsatisahasrika-prajnaparamita-sutra mit vielen inhaltlichen Weiterentwicklungen, die der frühen Version fremd sind (ins Chinesische übersetzt vor 250 n. Chr.) und einer noch grösseren Erweiterung in 100 000 Versen. Wichtige Texte der Prajnaparamita-sutras werden Diamant-Sutra (Vajracchedika, ca. 3 n. Chr., älteste chin. Übersetzung von Kumarajirva 402) aufgenommen und interpretiert, dann aber vor allem im Herz-Sutra (Prajnaparamitahrdaya, ca. 350 n.Chr., 7 klass. chin. Übersetzungen, älteste um 400 von Kumarajiva) verdichtet und in der Lehre von der Nicht-Dualität von Form und Leere zum Höhepunkt geführt. Das Vimalakirtinirdesa-Sutra („Sutra von der Belehrung des Vimalakirti", wohl 1. Jh. n. Chr., erste chinesische Übersetzung 188 n. Chr.) lehnt sich in seiner Betonung der Nicht-Substantialiät an diese Literatur an, preist die Qualität des Laienstandes und verspottet den unerleuchteten asketischen Rigorismus des Mönchtums. Das Lotos-Sutra (Saddharmapundarika-Sutra, „Sutra von der Lotosblume des wunderbaren Gesetzes", um 150-200 n. Chr., erste chin. Übersetzung 286 von Dharmaraksa, dann erneut auf der Basis eines älteren Originals von Kumarajiva 406 übersetzt) erfreut sich vor allem in China und Japan bis heute grösster Beliebtheit. Es lehrt das eine Fahrzeug (ekayana) als das Buddhafahrzeug: die verschiedenen Schulen, Lehren und Sutras sind nur geschickte Mittel (upaya) des Buddha, die Lehre entsprechend der unterschiedlichen Kapazität der Hörer angemessen darzulegen. Das Avatarizsaka-Sutra umfasst eine ganze Literatur, die während der ersten nachchristlichen Jahrhunderte vermutlich in Südindien entstanden ist; ein früher Text (um 150 n.Chr. als Tou-sha ching ins Chinesische übersetzt) entspricht etwa den ersten beiden einleitenden Kapiteln des späteren grossen Sutra. Buddhabhadra übersetzte 418-421 einen Text aus 36 Kapiteln, deren letztes das berühmte Gaudavyulta ist, in dem die spirituelle Suche des Sudhana mit den Stadien der Bodhisattvaschaft und den Graden der Erleuchtung in Einklang gebracht wird. Nicht mehr der Buddha als historische Figur lehrt, sondern der gesamte Kosmos gibt Zeugnis von der einen Buddha-Natur aller Wesen, in der alles eins ist. Die hier dargelegte kosmotheistische Nicht-Dualität hat vor allem in China zur Hua-Yen-(jap. Kegon)-Schule geführt und wird von D. T. Suzuki als „Vollendung buddh. Denkens" bezeichnet. Die Tathagata-garbha-Literatur entstand um 300 n. Chr., der wirkungsgeschichtlich bedeutendste und für die Yogacara-Philosophie einflussreiche Text ist das Larikiivatara-Sutra. Kernaussage ist die Feststellung, dass jeder gewöhnliche Mensch die Potenz zur Buddhaschaft in sich trägt. Die beiden grossen Mahayana-Schulen Madhyamika und Yogacara brachten zahllose Kommentare zu den Sutras hervor. Nagarjunas (um 150-250) Mulamadhyamakakci rika begründet die Madhyamika-Philosophie und geniesst höchste Autorität, während Maitreyanathas (ca. 350-430) Yogacarabhumi eine ähnliche Funktion für die Yogacara-Schule hat. Der tantrische Buddhismus hat eigene Schulen hervorgebracht (Tantra), zählt aber sowohl das Tripitaka als auch die Mahayana-Sutras zur Grundlage, auf der die Tantras aufbauen. Obgleich kein Sutra, geniesst gantidevas (7./8. Jh. in Südindien) Bodhicarycivatara („Eintritt in das Leben zur Erleuchtung") als Kompendium der Mahayana-Praxis vor allem in Tibet grosse Verehrung, viele Texte daraus werden in den Klöstern und von Laien täglich gebetet. Die klassischen Sutras werden bis heute nicht nur studiert und kommentiert, sondern auch kultisch rezitiert.
 


 

 

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