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Heilige Schrift(en) – älteste Zeugnisse

Heilige Schriften reichen tief in die Menschheitsgeschichte zurück, sind aber kein universales Phänomen. So gehören sumerische, babylonische und assyrische Gebete, Lied- und Beschwörungstexte, Rechtsvorschriften und Epen eindeutig zum Genus religiöser Literatur; fast vollständig fehlende umfassende Weltdeutung und kultische Verwendung hindern aber, sie als heilige Schriften einzustufen. Selbst Enumaelish hat auch für kleinere Gruppen anscheinend nie entfernt die gleiche Bedeutung besessen wie die inhaltlich eng damit verwandten Passagen der biblischen Urgeschichte für grosse Teile Israels. Auch der Orphismus hat seine Lehren in Büchern niedergelegt. Im alten Griechenland war dies ein Novum, doch mit kanonischen Schriften dürfen diese heiligen Bücher der Orphiker nicht verglichen werden, da ihr Text nicht unverrückbar feststand. Ähnlich befanden sich die auf Goldblätter geschriebenen sog. Orphischen Totenpässe aus Süditalien noch in einem fliessenden Zustand.
Auch in Ägypten sind heilige Schriften nicht kanonisiert worden. Dennoch gehören schon die vom göttlichen Schreiber Thot mitgeteilten, in der letzten Hälfte des 3. Jahrtausends in den Sargkammern eingemeisselten sog. Toten- oder Pyramidentexte zu dieser Gattung, da sie die mythische Urzeit kultische Gegenwart werden liessen und dem verstorbenen Pharao dazu dienten, sich einen Platz in der anderen Welt zu sichern. In den sog. Sargtexten des Mittleren Reiches wurden diese Vorstellungen nur demokratisiert. Die Vergottung bewirkende Lektüre verleiht auch den Totenbüchern zu Beginn des Neuen Reiches die Dignität heiliger Schriften.
Liturgische Verwendung deutet auch der Name Avesta („Text, Grundtext") im persischen Mazdaismus an. Zu den wichtigsten Teilen gehören die liturgischen Yasnas, in denen die wohl auf Zarathustra selbst zurückreichenden Gathas enthalten sind. Schon in der Achamenidenzeit (Dynastie persischen Ursprungs ca. 700-330 v. Chr.) haben die im Avesta zusammengefassten Selbstmitteilungen Ahura Mazdas abgeschlossen vorgelegen und wurden später in den priesterlicher Überlieferung entstammenden Übersetzungen und Erklärungen, dem Zend („Erklärung"), kommentiert. Angeblich ewige, ungenannten Sehern (Rishis) der Vorzeit mitgeteilte Wahrheiten sollen auch die vier Veden Indiens enthalten. Nach jahrhundertelanger mündlicher Überlieferung dürften die vier samhitas mit den als Anhängen einzustufenden Brahmanas (Priester-), Aranyakas (Waldeinsiedler-) und Upanisaden (esoterisch-mystische Texte) im wesentlichen gegen 500 v. Chr. abgeschlossen sein. Kommentare geringerer Autorität, aber vielfach grösserer Bedeutung bilden die „Leitfäden" und „Lehrbücher" (Sutras und Shastras, darunter die beiden volkstümlichen Epen Mahabharatam (mit der Bhagavadgitä) und Ramayana sowie die sog. „alten Erzählungen" (Purattas).
Jüngeren Datums sind die 5 ching, die kanonischen Bücher der chinesischen Reichsreligion (Buch der Annalen „Ch'un Ch'iu", Orakelbuch „I-Ging", Buch der Zeremonien „Li-chi", Buch der Urkunden „Shu-ching" und Buch der Lieder „Shih-ching"). Die Sammlung wurde von Konfuzius redigiert, die ältesten Bestandteile reichen aber bis ins 2. Jahrtausend zurück. Grundlegende Bedeutung erlangten auch die von Konfuziusschülern geschaffenen sog. vier klassischen Bücher „Lun-yü" (Gespräche des Konfuzius), „Chung yung" und „Ta-hsio" (Lehre der Mitte und grosse Wissenschaft) sowie die Werke des Mencius. Die verbindlichen Sammlungen des chinesischen Toramms und des japanischen Shinto sind erst erheblich später entstanden.
 


 

 

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