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Heil/Heilsweg im Judentum

Was Heil ist, lernt das Judentum aus seiner Geschichte als Geschichte mit Gott kennen. Es überliefert die Patriarchengeschichte schon als Berufungs- und Erwählungsgeschichte, für deren Fortgang Gott die grössten Verheissungen gibt: Nachkommen, Land, Segen für die Welt (Gen 12,1-3). Die Geschichte, in der Gott sich Israel zu seinem Eigentumsvolk macht, beginnt als Rettungsgeschichte aus ägyptischer Knechtschaft. Das alttestamentlich biblische Wort jascha', das unserem Heil meist entspricht, bedeutet „Errettung". Die Erwählung legt Israel aber auch die Verpflichtung auf, sich Gott entsprechend zu verhalten: „Ich euer Gott - ihr mein Volk" (Jer 31, 33 u. ä.). Der Bund Gottes mit dem Volk ist überwältigende Gabe und Lebensaufgabe zugleich. Die Lebensform des Bundesvolkes als Heils-Weg ist in knappster Form im Dekalog zusammengefasst. Darum gruppiert sich ein breit ausgefächertes Rechtswerk, das die konkreten Situationen regelt und vor allem der Heiligkeit gerecht werden soll, die das Volk und seine Glieder Gott schulden. Der Pentateuch stellt die Lebensweisung in den Zusammenhang der Erzählung der Geschichte dieses Volkes vom Anfang bis zur Landnahme. Er ist die Tora, das Gesetz, die Weisung. Auf diesem Fundament baut sich die nachfolgende Geschichte des Judentums auf. Dem Pentateuch fügen sich weitere Überlieferungen als verbindliche Heils-Schrift an. Die theologischen Begriffe, die die Heils-Hoffnung von Anfang an prägen, bleiben bei aller Vielgestaltigkeit des Judentums grundlegend auch für die in Talmud und Mischna begegnende nachbiblische Entwicklung des rabbinischen Judentums und dem daraus hervorgegangenen heutigen Judentum unterschiedlicher religiöser Richtungen: Das Volk als Ganzes steht im Zentrum, seine Fortdauer, das Land als verheissener Lebensraum, Leben in Frieden und Gerechtigkeit sind die Heils-Güter. Sie haben betont einen realistischen Sinn, der das Materiell-Welthafte mit einschliesst. In den meisten jüdischen Überlieferungen schon aus spätalttestamentlicher Zeit schliesst das die Erwartung eines ewigen Lebens als Auferstehung von den Toten oder Erhöhung zu Gott nicht aus. Aber auch hellenische Einflüsse, die vom Schicksal der Seele nach dem Tod ausgehen, werden auf eigene Weise verarbeitet (Buch der Weisheit 1-5). Der Blick auf ein ewiges Leben lähmt aber nicht die Freude am irdischen Leben und mindert nicht die Verantwortung für die Gerechtigkeit, die jetzt geschehen muss. Gott steht schon hier und jetzt im Mittelpunkt, auch wenn er seine Herrschaft noch nicht offen durchgesetzt hat. Das ist der Grund, warum die Tora als Heils-Weg das ganze Leben bestimmt. Die christliche Auseinandersetzung mit dem Judentum hat es sich zu leicht gemacht, wo sie jüdisches Verhalten pauschal als einen legalistischen Versuch missdeutet hat, sich Gott gegenüber mit Rechtsansprüchen auf eigene Leistung berufen zu wollen. Der paulinische Kampf gegen die Gerechtigkeit aus dem Gesetz richtet sich zunächst gegen Christen, die ihre Berufung noch nicht begriffen haben. Jesu Auseinandersetzung mit den Pharisäern kommt nicht aus einem Widerspruch zum Alten Testament, sondern er nimmt dieses sogar als Argument für seine Position - allerdings in souveräner eigener Vollmacht (vgl. etwa Lk 10,25-37). Die Tora steht für den Juden deshalb im Zentrum, weil sie den Willen Gottes bekundet. Wenn Liebe zu Gott aus ganzem Herzen (Dtn 6,5) die Seele des Verhältnisses zu Gott ist, kann sie sich nur dadurch als wahr erweisen, dass der Mensch den Willen Gottes tut. Der fehlende Mensch darf auf Vergebung hoffen, wenn er umkehrt. Der Dissens mit der christlichen Heils-Botschaft besteht in der Frage, ob Jesus der Erlöser ist und inwiefern der Mensch des stellvertretenden Tuns Christi bedarf, um Gottes Willen erfüllen zu können. Aus seinem eigenen Schicksal heraus hat das Judentum ein überaus schmerzhaftes Empfinden für den unerlösten Zustand der gegenwärtigen Welt entwickelt: „Der Jude spürt die Unerlöstheit an seiner 1-1, schmeckt sie mit seiner Zunge, die der unerlösten Welt liegt auf ihm". An der Last dieser Geschichte ist das Judentum jedoch nicht zerbrochen: Die hochgespannte eschatologische Hoffnung auf die Durchsetzung der Gottesherrschaft gibt dem Einsatz für • Leben und die Gerechtigkeit gerade dt. neue Kraft, wo alles aussichtslos scheint. Der Jude spekuliert nicht, ob Gott den Menschen braucht, sondern er weiss aus der Selbstbekundung Gottes, der Tora, dass er ihn brauchen will. Dabei bleibt auch das Heils-Volk selbst nicht exklusiv Selbstzweck, sondern das jüdische Volk ist zum Zeugnis für den einzigen Gott berufen, der Gott aller Menschen ist. Die Familiennähe von Juden und Christen der Heils-Auffassung springt in die Augen, auch wenn und gerade wegen der Nähe Dissens im Bekenntnis zu Jesus als Christus, weil er der Erlöser ist, scharf hervor tritt.
 


 

 

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