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Religionen
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Griechische Religion

1. Unter der Bezeichnung Griechische Religion fassen wir die religiösen Vorstellungen, Praktiken und Überlieferungen der hellenischen Völker des Altertums zusammen, beginnend mit den ersten Einwanderungen indo-europäischer Völker auf der griechischen Halbinsel um 2 v. Chr. und endend mit der vollständigen Christianisierung im 5./6. Jh. n. Chr. Griechische Religion entstand aus der Vermischung in europäischen Überlieferungen mit altmediterranen Vorstellungen. Ihre grosse Differenziertheit basiert auf dem verschiedenen Grad und der verschiedenen Natur der Mischung in den kleinflächigen, durch Meer und Gebirge begrenzten Landschaften Griechenlands, in denen sich bis in die Spätantike starke religiöse, sprachliche und kulturelle Eigenheiten bewahrten. Zunächst auf die griechische Halbinsel und die Küste der Ägäis beschränkt, weitete sich im Zuge der Kolonisation der Raum der Griechischen Religion aus auf die Küstenstriche des Schwarzen Meeres, Zyperns, Süditaliens bis nach Südgallien und Hispanien. Der erobernde Hellenismus brachte die Griechische Religion nach Syrien, Ägypten, Mesopotamien, Persien, Indien; das Römische Reich brachte Altäre griechischer Götter nach Britannien und an den Rhein. Die Zeit vor der Kolonisation (etwa bis 600 v. Chr.), die Blütezeit der Polis und der Kolonien (etwa bis 300 v.Chr.) und die hellenistische Spätzeit (bis zum 6. Jh. n. Chr.) können als die wichtigsten Entwicklungsabschnitte der Griechische Religion gelten.

2. Ein Wesensmerkmal der Griechische Religion ist ihre starke innere Differenziertheit, die mit der landschaftlichen und daher - bis in die hellenistische Zeit - auch politischen Zergliederung zusammenhängt.
Ein zweites Wesensmerkmal besteht in einigen Negationen, die für die besondere Entwicklung dieser einzigartigen Religion von Bedeutung waren. Zunächst fällt auf, dass die Griechen, obwohl Indo-Europäer, die typische Dreigliederung ihrer Götter (und ihrer Gesellschaft) in Souveränität/Priestertum, Kriegertum und Wirtschaft, die Indien, Rom, Kelten u. a. bewahrten, bis auf wenige Reste aufgegeben hatten. Sakralkönigtum tritt schon in der Frühzeit als Relikt auf und hatte seine Kraft eingebüsst. Sodann und infolgedessen fehlt auch ein echter Priesterstand sowohl als Kaste als auch als feste Institution. Wiederum demzufolge fehlen heilige Texte, verbindliche Gesetzesbücher und sakrale Mythen, auch eine umfassende religiöse Welterklärung, ein allg. verbindlicher Urzeit- und Weltentstehungsmythos, der eine im Mythos verankerte Weltordnung gezeitigt hätte, vergleichbar dem altindischen Rta-Begriff, dem persischen Asa, der ägyptischen Maat. Diese auffälligen Lücken im Vergleich zu anderen archaischen Religionen mögen die Basis darstellen für die besondere Dynamik, mit der sich die Griechische Religion entwickelte. Wo nämlich wesentliche Fundamente nicht aus der Urzeit ererbt und unverrückbar fest in die Tradition eingebaut sind, herrscht Freiheit zu Vorstellung, Frage und Neuschöpfung.

3. Die Ausgangspunkte dieser Entwicklung sind sehr karg: einige Götternamen und Attribute aus indogermanischem Erbe (Zeus aus indogerm. deiuos), einige übernommene altmediterrane Götter (Hermes, Athene), einige meist vorgriechische lokale religiöse Praktiken aus der agrarisch-chthonischen Entwicklungsphase (Demeterkult) und einige heilige Orte von uralter Überlieferung mit ihren zugehörigen Kulten (Dodona, Delphi, Delos). Die bewegte kriegerische Zeit der verschiedenen indogermanischen Eroberungswellen hatte manche Erinnerungen an ältere Kulturen gelöscht und neue - an gewaltige Kriegszüge und Heroen - hinzugefügt.


4. Die Griechische Religion hinterliess uns folgende Zeugnisse:

a) Bauten: Es handelt sich um Tempel nach einem verhältnismässig einheitlichen Grundmuster (Säulenhalle, Altar, Heiligtum, Schatzkammern), die immer durch Stufen vom Boden erhöht sind und an landschaftlich herausragenden Stellen stehen. Daneben gab es kleinere Heroa, die vergötterten Menschen geweiht waren. Gräberfelder und vielfältige Grabinschriften zeugen von einer intensiven Beschäftigung mit dem Tode. Vasen und Skulpturen zeigen Szenen einer reichen Mythologie.

b) Heilige Bezirke, die Bauten und Schatzkammern verschiedener Städte aufweisen. Ihre Pflege war aus Urkunden überlieferten Amphiktyonien (Sakralbünden) unterstellt, ihre Bedeutung allgemein-hellenisch (panhellenisch). Diese Bezirke dienten entweder dem Orakel oder den Mysterien oder aber einer typischen Erscheinung der Griechischen Religion, den heiligen Spielen, sportlichen und dichterischen Wettkämpfen, die einem Gott geweiht waren (Olympische Spiele, Isthmische Spiele). Aus bildlicher Darstellung und Literatur ist eine Vielzahl von lokalen Festen, Prozessionen, Brand- und Blutopfern bekannt. Sie folgten einem regional stark differenzierten Mondkalender und waren häufig mit jahreszeitlichen Ernten verbunden.

c) Das reichste Zeugnis liefert die Literatur. Frühe Dichtungen, meist unter dem Namen Homers überliefert, berichten von den Taten lokaler und allgemein-griechischer Götter (Hymnik) und frühzeitlicher Heroen (Epik). Die Götter, die diese Dichtung zeichnet, handeln irrational, denken und fühlen anthropomorph, haben menschliche Gestalt und sind wie die Menschen dem Schicksal unterworfen. Später als die Dichtung tritt die typischste und herausragendste Schöpfung der Griechischen Religion auf, die Tragödie. In ihrer kultischen Funktion ist sie dem heiligen Spiel nahe: theatralische Darstellung zu Ehren eines Gottes. Ihre geistige Bedeutung liegt in der Darstellung des Konfliktes widerstreitender Normen, in der sich die Griechische Religion schöpferisch mit ihren inhärenten Spannungen auseinandersetzt.

5. Bezugsrahmen aller Manifestationen der Griechische Religion ist die städtische Gemeinschaft, die Polis. In den lokalen Göttern und Heroen, mittels der Feiern und Spiele ehrt die Polis auch sich selbst, religiöses Leben ist Gemeinschaftsleben und umgekehrt. Das Leben steht im Mittelpunkt des Interesses, am Tode zählt vor allem sein gemeinschaftsbezogenes Gesicht, das Begräbnis, das Grab und das Andenken an den Toten. Ein jenseitiges Leben tritt marginal ins Bewusstsein als Schattendasein im Hades.

6. Die Lücke, die die Abwesenheit eines verbindlichen Urzeitmythos liess, die Widersprüche, die das Bild der Dichtung über die Götter aufweist, begünstigten das Entstehen des Kunstmythos (Hesiod, Orphik) sowie der Philosophie, die zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte sich mit rein innerweltlich-rationalen Mitteln mit den letzten Fragen nach Ursprung und Ziel des Universums, nach ‚Tod, Unsterblichkeit und verbindlicher Ethik beschäftigte. Die philosophischen Schulen traten mit einem Wahrheitsanspruch auf, der in schroffem Gegensatz zum Mythos geriet. Ihr Augenmerk verlagerte sich vom Zeitlichen ins Ewige, von der Polis ins All, die Götter wichen zunehmend der Idee des Einen Gottes.

7. Zu Fremdreligionen war die Griechische Religion tolerant, sie war fähig, sich selbst zu relativieren. Ein rationaler Universalismus des Menschenbildes befähigte sie, in fremden Göttern andere Namen für die eigenen zu sehen (Herodots „Interpretatio Graeca"). Dies befähigte sie zur Universalisierung im Hellenismus, zur Synthese mit orientalischen und ägyptischen Vorstellungen. Das Aufgehen der Polis aber in einer Weltkultur schwächte Kult, Mythos, Festspiel. Die Götterwelt wurde zunehmend rationalisiert, theologisiert, diesseitiges Leben verlor an Bedeutung gegenüber der Sorge um die Unsterblichkeit der Seele. Die Dichtungen der Frühzeit wurden philosophisch-theologisch allegorisiert. Es wurden keine Tragödien mehr geschrieben. Die Wirkungsbereiche der Griechischen Religion entwickelten sich auseinander: Kultus ging auf im Staatskult, im Herrscherkult der Grossreiche, zuletzt des römischen. Das Individuum suchte in der Philosophie Welterklärung und ethische Leitung, in den Mysterien Trost und Unsterblichkeitsversprechen, in einer Vielzahl okkulter Praktiken Hilfe bei Lebensbewältigung.
Dieser Zerfall verhalf monolithischen Religionssystemen, zuerst der Gnosis dann dem Christentum, die Griechische Religion zunehmend zurückzudrängen, bis in den ersten Jahrhunderten nach Chr. ihre Praktiken ausser Brauch gerieten, letztlich verboten wurden durch die christliche Gesetzgebung Byzanz. Doch die Griechische Religion überlebte den ursprünglichen Lieblingssitz ihrer Helden und Götter: im Reiche der Dichtung und schönen Künste.
 


 

 

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