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Gottesreich im Christentum

Die schon im Neuen Testament dem Reich Gottes verbundene Naherwartung wird im Laufe der Kirchengeschichte immer wieder virulent, oft im Kontext chiliastischer Ideen. Inhaltlich kommt es zu unterschiedlichen Akzentuierungen des Begriffs (Belege in: Die Verkündigung des Reiches Gottes in der Kirche Jesu Christi. Zeugnisse aus allen Jahrhunderten und Konfessionen, zusammengestellt v. E. Staehelin. 7 Bde. Basel 1951-1965) Die Alte Kirche hält im wesentlichen an der eschatologischen Qualität des Gottesreiches fest, versteht dieses aber nicht selten als „himmlisches Reich". Zu einer Spiritualisierung kommt es in der alexandrinischen Theologie. Dabei besteht die Tendenz zur Identifizierung von Gottes- und Christusherrschaft. Origenes spricht von Christus als der autobasileia. Schon vorher hatte Marcion den berühmten Satz geprägt evangelio est regnum Dei Christus (Tertullian, Adv. Marc. IV 33,8). Seit Konstantin drängen geschichtstheologische Erwägungen in den Vordergrund. Für Eusebius ist das Imperium Abbild des Reiches Christi. Augustinus reflektiert in seiner „Civitas Dei" in höchst differenzierter Weise das Verhältnis von Kirche und Reich Gottes. Die von ihm nicht beabsichtigte Identifizierung wird von der mittelalterlichen Kirche um so bereitwilliger vollzogen. Im Osten wie im Westen hat man zunächst keine Bedenken, das Imperium als Instrument zur Verwirklichung des Reiches Gottes zu begreifen, eine Auffassung, die durch den Investiturstreit nachhaltig erschüttert wird. Bei Thomas v. Aquin realisiert sich die Herrschaft Gottes in der ecclesia militans, während die Mystik das Reich Gottes mit dem Erleben Gottes in der Seele des Mystikers gleichsetzt. Die Reformatoren betonen einmütig den eschatologischen Charakter des Reiches Gottes. Seine gegenwärtige Verwirklichung (als regnum Christi) geschieht nach Luther hauptsächlich im Herzen des Menschen, während Calvin stärker an das Wachsen des Gottesvolkes denkt. Da Calvin das regnum Christi primär als königliche Funktion Christi versteht, ist es nur konsequent, wenn er auch in der weltlichen Obrigkeit eine Dienerin des regnum Dei sieht. Hingegen muss Luther stärker zwischen dem regnum Christi, das er überwiegend priesterlich-geistlich definiert, und dem weltlichen Regiment, das Christus der staatlichen Autorität anvertraut hat, unterscheiden. Dies führt dann zur sog. Zwei-Reiche-Lehre. Die Aufklärung setzt auf ein Wachstum des Reiches Gottes im Sinne der Evolution der menschlichen Sittlichkeit (J. S. Semler, J. G. Herder, I. Kant). Der Idealismus des 19. Jh. erblickt im Reich Gottes das höchste Gut und das sittliche Ideal, auf das sich die Welt bzw. die Kirche hinentwickelt (F. Schleiermacher, A. Ritschl; katholischerseits die Tübinger Schule, bes. J. S. Drey und J. B. Hirscher). Eine nachidealistische, säkulare Variante dieser Sicht stellt der Marxismus dar. Das 20. Jh. ist im wesentlichen von der Wiederentdeckung des eschatologischen Charakters des Reiches Gottes durch J. Weiss und A. Schweitzer gekennzeichnet. Eine sachgerechte Verhältnisbestimmung von Eschatologie und Geschichte einschliesslich ihrer ethischen Konsequenzen (politische Theologie, Theologie der Befreiung) wird allerdings immer noch diskutiert.
 


 

 

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