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Der Visnuismus und
Sivaismus ebenso wie die meisten anderen Bhakti-Religionen Indiens besitzen
eine (nur für die neuere Zeit in einigen Fällen zu Recht als henotheistisch
bezeichnete) monotheistische Gottes-Konzeption. In jeder dieser Religionen
werden alle anderen sogenannten Götter und Mächte, deren Existenz keineswegs
bestritten wird, der Ebene weltlicher, vergänglicher Manifestationen
zugeordnet. Es sind zum grössten Teil inkarnierte, im Kreislauf der Geburten
noch verhaftete Wesen, die ihren Götter-(bzw. Dämonen-)Status ihren
Handlungen in früheren Geburten verdanken; zum kleineren Teil sind sie
partielle Manifestationen des einen Gottes, die als Träger bestimmter
Funktionen dienen. So kann sich der höchste Gott - sei es Vishnu oder Siva -
bei der periodisch erfolgenden Welterschaffung in drei Göttergestalten
manifestieren, welche die Funktionen der Schöpfung (Brahma), der Erhaltung (Visnu)
und der Zerstörung (Siva) der Welt wahrnehmen. Diese dem Mythos bekannten
Göttergestalten sind jedoch nur begrenzte Funktionsträger und als solche
ebenso vergänglich wie die Welt selbst. Nur ein einziger Gott, Vishnu -
Narayana für die Visnuiten, Paramasiva für die Sivaiten usw. - ist letztlich
Schöpfer, Erhalter und Zerstörer der Welt, höchste Realität, Herr aller
Lebewesen und Ziel allen Erlösungsstrebens.
Neben diesen Übereinstimmungen zwischen der visnuitischen und sivaitischen
Gotteskonzeption gibt es auch gewichtige Unterschiede.
Vishnu ist ein der Welt zugewandter Gott, er lässt die Welt aus sich selbst
hervorgehen mit Hilfe seiner Maya, welche ebenfalls Teil seiner selbst ist.
Daher ist die Welt essentiell göttlich. Vishnu liebt seine Geschöpfe, greift
ein, wo die kosmische oder moralische Ordnung bedroht wird, ist für jeden
Gläubigen unmittelbar ansprechbar. Zum Wohle der Welt inkarniert er sich in
dem Weltzyklus von vier Zeitaltern (yuga) in mehreren Inkarnationen (avatara
= Herabkunft oder pradurbhava = Manifestation). Im gegenwärtigen Weltzyklus
sind bereits neun Inkarnationen Vishnus erfolgt: als Fisch (Matsya) Rettung
der Menschen bei der grossen Flut; als Schildkröte (Kurma) anlässlich der
Quirlung des Milchmeeres; als Eber (Varaha), um die Erde aus den Tiefen des
Wassers hervorzuheben; als Mannlöwe (Narasimha), um den Dämon Hiranyakasipu
zu vernichten; als Zwerg (Vamana), um dem Dämonenkönig Bali Herrschaft über
die drei Welten wieder zu nehmen; als Rama-mit-der-Axt (Parasurama), um die
Kriegerkaste wegen Übergriffen gegen die Brahmanen zu bestrafen; als Rama,
Sohn des Dasaratha, um den Dämon Raset zu besiegen und ein ideales Königtum
auf der Erde zu errichten; als Balarama, um gemeinsam mit Krisna den König
Kamsa zu siegen, weil er den Göttern zugedachte Opfer für sich selbst
beanspruchte; zuletzt als Buddha, um die Dämonen durch eine falsche Lehre zu
verwirren. Die zehnte Inkarnation Vishnus wird Ende des Zeitalters erfolgen,
wenn er als Kalkin auf weissem Pferd erscheinen wird, um alles Übel zu
tilgen und ein neues goldenes Zeitalter heraufzuführen.
Krisna fehlt in dieser Liste, weil er Avatara von einer anderen Kategorie
ist. Von den bereits erfolgten Inkarnationen besitzen Rama und Krisna für
die Gegenwart grösste Relevanz. Krisna war ein unter Hirten aufgewachsener
Sohn aus fürstlichem Hause und zugleich ganz Gott - keine Teilinkarnation
wie alle anderen sondern eine Vollinkarnation (purna-avatara) Gottes.
Visnuitische Theologie
Sosehr sich die Mensch-Gott.-Beziehung in gegenseitiger liebender Zuwendung
(bhakti) vollzieht und so spontan sich die Gott-Vision und die Gnade Gottes
an jedem einzelnen Individuum vollziehen kann, so bleibt Vishnu doch ein
kosmischer Gott: Seine grossen heilbringenden Taten gelten der ganzen
Menschheit bzw. allen lebendigen Wesen und dem ganzen Kosmos. Auch ist
Vishnus göttliches Wesen charakterisiert durch grenzenlose Freiheit: er
unterliegt keinerlei Zwang. Die Welt erschafft er im Spiel und als
Vergnügen, und die Gesetze, die er ihr gibt, bleiben gültig, auch wenn er
selbst sie nach Belieben durchbricht. Ganz transzendent und ganz immanent
zugleich, hält Vishnu alle Wesen jederzeit in sich geborgen und führt
letztlich alle zur Erlösung, wie er auch die ganze Welt wieder in sich
selbst zurücknimmt.
Siva dagegen ist ein weltabgewandter Gott. Als grosser Yogin zeigt er den
Weg der Weltüberwindung, die zur Selbstläuterung und Gottes-Erkenntnis
führt. Erkenntnis selbst ist das Feuer, mit dessen Glut er die trügerische
Vielheit der materiellen Welt im Bewusstsein des Gläubigen restlos
verbrennt. Daher betreffen Sivas Heilstaten nur in seltenen Fällen die Welt
als solche, sondern sie vollziehen sich vorwiegend im Bewusstsein der
Gläubigen. Zwar erschafft Siva die Welt, aber er tut dies nicht um ihrer
selbst willen. Er erschafft sie nur, um in seiner Gnade die zahllosen Seelen
auf dem Weg der Erfahrung und Überwindung dieser Welt schliesslich zu
göttlicher Bewusstseins-fülle zu führen. Zerstörung ist daher ein
Wesensmerkmal Sivas: befreiende, erlösende Vernichtung des Scheins, des
Nichtwissens, der Subjekt-Objekt-Spaltung, der Ich-Verhaftung. Es ist dieser
auf Vernichtung beruhende Erlösungsaspekt Sivas, der sich im Mythos durch
furchterregende Gestalten ausdrückt. So erscheint Siva als zorniger Gott,
als gefährlicher Gott, und doch ist er zugleich der unendlich Gnädige, der
Schöpfer der Musik und des Tanzes, der Lehrer aller Wissenschaften und der
zärtliche Liebhaber seiner Gemahlin Parvati/Durga, die seine Potenzen
repräsentiert, insbesondere die Kraft des Erkennens, des Wollens, des
Handelns, der Bewusstseinsverhüllung und der Gewährung von Gnade. Die Göttin
ist Teil Sivas, untrennbar mit ihm verbunden und in seiner höchsten Gestalt
noch in undifferenzierter Einheit mit Siva verschmolzen. Die Differenzierung
in Siva und Sakti aber steht am Anfang der Evolution vom Einen zum Vielen,
und es ist diese Sakti, Teil seiner Selbst, mit deren Hilfe der Gott alle
seine Funktionen ausübt.
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