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Das Pantheon der
vedischen Religion, die auch Vedismus genannt wird, kennt zahlreiche
Gottheiten und Mächte, die angerufen und mit Opfern gnädig gestimmt werden.
Es besitzt jedoch keine eindeutig hierarchische Struktur: mehrere Götter
werden als „König" gepriesen, ihre Tätigkeitsbereiche überschneiden sich
teilweise, und wichtige kosmogonische Taten können verschiedenen Göttern
zugeschrieben werden. Die im Veda am häufigsten angerufenen Götter sind
Indra, Agni und Soma: ein siegreicher Gott (Indra), der den Menschen im
Kampf beisteht und ihnen zu Sieg und Wohlstand verhilft; ein göttlicher
Priester (der Feuergott Agni), der die Opfergabe in eine für die Götter
geniessbare Form verwandelt und zu den Himmlischen trägt; und die
wirkungsvollste Opfergabe (Soma), der Trank, welcher den Göttern höchste
Kraft verleiht.
Der Soma trinkende Indra steht dem vedischen Sänger am nächsten und weist
von allen Göttern am meisten anthropomorphe Züge auf. Ewig jugendlich und
von ungeheurer Kraft, ist er heldenhaft und ungestüm, aber auch grossmütig,
umsichtig, weise, reich an Rat und redekundig. Seine Waffe ist der Vajra,
eine Wurfkeule (urspr. Blitz?), mit der er seine wichtigste kosmogonische
Tat vollbringt, indem er den Vrtra erschlägt, einen schlangengestaltigen
Unhold, welcher die lebenswichtigen Wasser und in ihnen die Himmelslichter
zurückgehalten hatte: von Indra befreit, eilen die Flüsse wie brüllende Kühe
zum Meer, der Himmel wird neu gestützt, die Erde befestigt, die Sonne
scheint wieder am Himmel, und die kosmische Ordnung ist nach einer Phase
gefährlicher Behinderung wiederhergestellt. Die im Vrtra-Mythos exemplarisch
beschriebene Beseitigung von Hindernissen und das Ersiegen lebenswichtiger
Schätze bleiben Indras wichtigste Herrscherfunktionen: Er durchbricht die
Wälle der Feinde, er zerstört ihre Festungen, schafft seinen Freunden reiche
Beute.
Götterkönige anderer Art sind Mitra und Varuna, die grossen Asuras, Garanten
lebenssichernder Ordnung.
Varuna ist Herrscher über das Gesetz der Wahrheit, der richtigen Zuordnung,
welche kosmische und moralische Ordnung verbürgt. Er ist Schöpfer und
Bewahrer dieser Ordnung, gemeinsam mit Mitra hütet er sie, so dass den
allgegenwärtigen Blicken dieser beiden Götter keine Übeltat entgeht, weder
bei Tag noch bei Nacht. Als Allwissende schauen sie in die Herzen der
Menschen, kennen ihre verborgensten Gedanken und führen die Bösen ihrer
Strafe zu. Dabei ist Varuna ein Meister der Ehrfurcht erregenden
Wunderwerke. Er hat die Erde zum Teppich für die Sonne
auseinandergeschlagen, den Luftraum zwischen den Bäumen ausgespannt, die
Bergspitze befestigt, die Erde ausgemessen und die Milch in die Kuh gelegt.
Seine Zaubermacht bewirkt, dass des Nachts der Mond am Himmel wandelt und
dass das Meer nicht über seine Ufer tritt, obwohl die Gewässer aller Ströme
ständig hineinfliessen.
Mitra dagegen ist Gott des Feindschaft verhindernden, Freundschaft
schaffenden Vertrags. Die Sonne ist sein Auge. Er schafft befriedeten Raum
für die Menschen und ihre Herden.
Der Titel asura (altiranisch ahura), der von asu = Leben abgeleitet ist, kam
als Ehrentitel verschiedenen mit wundertätiger Schöpferkraft versehenen
Gottheiten zu, neben Mitra und Varuna z. B. auch Indra. Solche Zauberkraft
(Maya) steht aber auch den Götterfeinden zu Gebote, so dass diese in
späterer Zeit insgesamt als Asuras bezeichnet werden.
Rudra und Vishnu, die später zu den wichtigsten Gottheiten der
Bhakti-Religionen Indiens werden, spielen im Veda nur eine Nebenrolle. Unter
den Göttinnen hat Usas, die indische Eos, die Phantasie der Dichter am
meisten beflügelt. Andere Göttinnen wie Aditi, Sarasvati usw., treten im
rituellen Kontext des Veda nur wenig hervor. Wichtig werden dagegen
Versuche, einen Schöpfer-Gott zu benennen, der die Welt mit allen Wesen und
Dingen erschaffe hat. Dabei treten konkurrierende Bilder für den
Schöpfungsprozess auf. Prajapati verkörpert die Schöpfung durch Zeugung,
Tvastr und Visvakarman dagegen die kunstfertige manuelle Erschaffung der
Welt. Zugleich wird die Suche nach dem Einen, das jenseits der Vielheit der
Götter als letzter Urgrund zu denken ist, in den späten Hymnen des Rigveda
immer deutlicher. Die individuellen Götter verblassen allmählich zu blossen
Namen und Funktionen, hinter denen ein einziges unergründliches Wesen steht,
das vor aller Schöpfung bereits existierte. Auch beginnt nun in der
priesterlichen Spekulation die schöpferische, formende oder gestaltende
Macht Brahmans, welche auch in der Gestalt der im rituellen Kontext
wirksamen, Wahrheit erfassenden und Wahrheit schaffenden Formulierung des
wissenden Priesters auftritt, eine entscheidende Rolle zu spielen. In den
Brahmanas und Upanisaden wird das Brahman zum höchsten Absoluten.
Mikrokosmos und Makrokosmos, Welt und Opfer, Purusa als kosmisches Urwesen
und als Mensch werden zueinander in engste Beziehung gesetzt. Anstelle
eigenmächtig handelnder Götter tritt das feinmaschige Netz ritueller und
begrifflicher Beziehungen, das der Wissende erkennt und zu beeinflussen
vermag und das für das Wohl des Kosmos ebenso wichtig ist wie für das Wohl
der Menschen und ihrer moralischen Ordnung.
Vedische Götter sind nicht in Tempeln oder Bildern sesshaft, sondern sie
sind frei beweglich. Sie kommen - rituelle Reinheit vorausgesetzt - zum
Menschen, der sie zum Opfer zu rufen versteht, und in der dabei erfolgenden
Begegnung zwischen Mensch und Gott sind sie in erster Linie Gast, während
der sie verehrende Mensch als Gastgeber auftritt. „Gottes-Dienst" bekommt so
eine ganz spezifische Konnotation, die für die Mensch- Gott-Beziehung
insgesamt von Bedeutung ist.
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