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In der buntschillernden
Welt der Stammesreligionen stechen einige Komplexe deutlich hervor. Dazu
gehört an erster Stelle der „Gottes"-Glaube. Dabei bildet allerdings der
Gott der biblisch-abendländischen Tradition, ein geistiges Wesen ohne Anfang
und Ende, das als absoluter Herr der Geschicke seiner Verehrer oder der
ganzen Welt im Himmel thront, die grosse Ausnahme. Deshalb spricht man
gewöhnlich nur von höchsten Wesen. Nur sie, die niemand über sich haben,
ohne deswegen gleich absolut souverän über allen anderen übermenschlichen
Wesen zu stehen, begegnen überall im stammesreligiösen Bereich.
1. Prinzipiell kannte jede Stammesreligion, so scheint es, nur ein solches
Wesen, doch durch Überlagerungen, Verschiebung von Machtverhältnissen,
Mission und dgl. können diese Position mehrere einnehmen, die einander nicht
eindeutig zugeordnet sind. Ihre Erscheinungsbilder hängen von
Sozialstruktur, Wirtschaftsform und vielen anderen Faktoren ab; deshalb sind
nur wenige Züge kulturübergreifend und treffen auf alle höchsten Wesen zu.
Eigene Bezeichnungen fehlen fast völlig, konkrete Namen, die
charakteristische Eigenschaften ausdrücken, herrschen vor; zuweilen sind die
höchsten Wesen namenlos.
2.. Die Bilder nähern sich von den aneignenden Kulturen zu den Hirtenvölker
hin schrittweise dem uns vertrauten biblischen Gottes-Bild an. Da W. Schmidt
nur bestimmte, am christlichen Gottes-Begriff orientierte Kategorien
höchster Wesen zuliess, konnten er und seine Wiener Schule einen urspr.
Monotheismus (Urmonotheismus) extrapolieren, obwohl die unterstellten
Merkmale höchstens in Hirtenkulturen und gerade nicht in den aneignenden,
den Urkulturen der Kulturkreislehre, nachzuweisen sind. Andererseits
entspricht aber auch der häufig behandelte Dynamismus nicht ganz den
Tatsachen. Wenn auch die höchsten Wesen in den Stammesreligionen nicht
bestimmend im Mittelpunkt stehen, manche im Kult überhaupt nicht verehrt
werden, sind Mana (oder wie die geheimnisvollen Kräfte sonst heissen)
wesenhaft an übermenschliche Gestalten gebunden, werden sie auch von den
höchsten Wesen selbst ausgehend gedacht.
3. Höchste Wesen haben ihren „Sitz" in miteinander kaum vergleichbaren
Gesamtkulturen. Deshalb sind Aussagen nicht generell, sondern nur in diesem
jeweiligen Kontext möglich. Für Typisierungen eignen sich nach wie vor die
wirtschaftlichen Verhältnisse am besten. In den wildbeuterischen Kulturen
handelt es sich überwiegend um Urhebergestalten. Bei den rassisch
urtümlichen Südostaustraliern haben sie (zusammen mit anderen
übermenschlichen Wesen) den Himmel von der Erde getrennt; Kulturelemente,
Institutionen und die Menschen stammen von ihnen ab. Bei den
zentralafrikanischen Bambuti-Pygmäen sind sie tief in Mythen verwoben, aber
überwiegend doch Herren der Tiere und des Waldes. Während sie hier vielfach
respektlos behandelt werden, geniessen sie bei den Südostaustraliern
lediglich recht eingeschränkte rituelle Verehrung. Im pflanzerischen
Weltbild treten alle anderen obersten Gottheiten (häufig Himmel und Erde
oder Sonne und Mond) deutlich hinter den sog. Dema-Gottheiten zurück, die
bes. A.E. Jensen studiert hat. Sie lebten in der Urzeit, wurden getötet und
erwachen in der Vegetation, der einzigen Form ihrer Präsenz, periodisch zu
neuem Leben. Da die Dema-Gestalten nur noch im Stirb und Werde der Natur,
nicht jedoch in Person weiterleben, erschöpfen sich die Riten im Magischen
mit bestimmten Kulturpflanzen im Mittelpunkt. Bei den ackerbautreibenden
Ethnien begegnen Hochgötter mit klarem Persönlichkeitsprofil. Sie werden
bald geschlechtslos, bald männlich oder weiblich, doch gewöhnlich ohne
Anhang oben wohnhaft gedacht. Sie sind überwiegend gut, dem Alltäglichen
enthoben und Urheber der gesellschaftlich-sittlichen Ordnung, werden aber
nur ausnahmsweise in Notfällen angerufen. Erst christliche Missionare haben
alles getan, sie dem christlichen Gott anzugleichen. Am stärksten nähern
sich die höchsten Wesen der Hirtenvölker dem bekannten bibl.-christl.
Gottes-Bild an. Obwohl Schutzherren bestimmter Herdentiere, wohnen sie hoch
oben im Himmel. Sie haben trotz solarer Züge die Sonne samt den übrigen
Himmelskörpern, die Erde und alle Wesen darauf erschaffen. Sie gelten als
allwissend, gütig und von grosser Macht, aber zu erhaben, um sich um die
Geschicke ihrer Geschöpfe zu kümmern. Diese Aufgabe erfüllen niedere Wesen,
die mit den höchsten Wesen in vielfältiger Weise verschwimmen können.
Bevorzugter Kult ist das Opfer mit ausgewählten Herdentieren, deren Fleisch
häufig roh genossen wird.
4. Die skizzierte Reihenfolge höchster Wesen darf nicht als
Entwicklungsschema missverstanden werden. Die einzelnen Kulturbildungen mit
den zugehörigen höchsten Wesen sind Phänomene eigenen Rechts und einander
mit historischen Mitteln zeitlich zuzuordnen. Dabei ergeben sich
Gleichzeitigkeiten und vielfache Umkehrungen der vermeintlich evolutiven
Abfolge.
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