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Die biblische Grundstelle
jüdischer Auffassungen über Gott ist die rätselhafte, präsentisch und
futurisch übersetzbare Stelle Ex 3,14: „Ich bin da als der ,Ich-bin-da`". Es
handelt sich um die israelitische Interpretation der vorgegebenen
vierbuchstabigen Gottes-Bezeichnung JHWH. Ex 3,14 faltet JHWH dreigliedrig
aus: 1. Ich bin da. 2. als der (so wie), 3. ,Ich-bin-da`. Diese Ausfaltung
wurde im Verlauf der Geschichte auf 6 ineinander greifende Weisen erklärt.
1. Theologia negativa
Nach Ex 3,14 habe Gott zu Mose gesagt: „Ich sage dir nicht, wer oder was ich
bin." Gott sei unbegreiflich, unverfügbar und unerkennbar. Er dürfe nicht
magisch missbraucht werden. Das Aussprechen von JHWH sei strikt
einzuschränken. Für Philon v. Alexandrien ist Gott in seinem innersten Wesen
eigenschaftslos, leidlos, unbeschreibbar, unberedbar und nicht vergleichbar
(Praem. 39f.; All II 36). Moses Maimonides (1135-1204) schreibt: „Die
höchste Stufe des Wissens von Gott ist, zu wissen, dass man nichts von ihm
wissen kann". Die jüdische Esoterik redete im ähnlichen Sinn bes. ab dem
12./13. Jh. vom „Nichts" (Gottes), vom beli ma (der/ das ohne was) und vom
en sof (der/das Endlose).
2. Der Gott der Geschichte Ex 3,14 betreffe die dreistufige Israel- und
Menschheitsgeschichte. Gott war in der Vergangenheit der hilfreich Daseiende,
er ist in der Gegenwart hilfreich, rettend da, und er wird auch in Zukunft
der Helfende und Erlösende sein. Sinngemäss müsse Ex 3,14 folgendermassen
übersetzt werden: „Ich, der ich war, ich, der ich bin, und ich, der ich in
Zukunft sein werde." Diese gesamtgeschichtliche Deutung ist die häufigste.
Sie richtet sich gegen spätantik-griechische und gegen
mittelalterlich-christliche Wesensdeutungen Gottes, nach denen man Ex 3,14
mit „Ich bin der (unveränderlich) Seiende", „Das Sein ist mein Wesen" zu
übersetzen habe. Im Gegensatz zu den sich auf das Wesen Gottes Berufenden
betont die rabbinische Tradition, Gott wolle wegen seiner Taten anerkannt
werden. Er habe zu Mose gesagt: „Entsprechend meinen Taten werde ich
angerufen." Man werde wissen, dass er JHWH sei, „wenn ich mit euch sein
werde". Das Handeln Gottes sei zuinnerst und zu allen Zeiten als
barmherziges Handeln zu deuten. „Wenn ich mich über meine Welt erbarme,
werde ich JHWH genannt. JHWH bedeutet nichts anderes als das Mass der
Barmherzigkeit".
3. Der sich herabneigende und mitziehende Gott deistischer Tendenzen, wonach
Gott untätig und unbesorgt im Jenseits thront, ohne die Welt zu regieren und
ohne um Israel besorgt zu sein, wurden im religiösen Judentum nie geduldet.
Jehuda Hallevi (1080-1141) drückt sich im „Kusari" (I 77) so aus: „Du darfst
es überhaupt nicht für unwahrscheinlich halten, dass erhabene göttliche
Spuren in dieser Welt sichtbar werden, wenn diese Stoffe imstande sind, sie
aufzunehmen. Hier ist die Wurzel des Glaubens und des Unglaubens."
Im rabbinischen Schrifttum ist die Herabneigung Gottes zu Israel eine
Haupttendenz. Gott verursache wegen seiner Tendenz der Herabneigung zur Welt
und der Bevorzugung Israels unter den Engeln Neid. Er sei dauernd nach unten
unterwegs: in die jüdischen Gemeinden und in die Herzen der Juden hinein.
Seit der Exilierung der Juden (70 n.Ch.) wandere Gott seinem Volk (wie
seinerzeit den Israeliten in der Wüste) als shekhina (= Einwohnung, der Lage
Israels angepasste Gegenwartsweise) voran, mitten durch die Wüste der Völker
bis zum Eschaton, an dem er sich als der einzigartige Gefährte Israels
enthüllen werde. Wer nicht an den mitwandernden, nahen Gott glaube, der
wiederhole die Ursünde der Israeliten, das Zweifeln an der Anwesenheit
Gottes mitten unter seinem Volk. Die singuläre Präsenz Gottes reicht nach
den „Sprüchen der Väter" bis ins religiöse Tun hinein: Wenn zwei
zusammensitzen, und es sind zwischen ihnen Worte der Tora, ist die shekhina
zwischen ihnen" (Av 3,2). Der Text fährt dann fort, die shekhina sei auch
bei einem allein präsent, wenn er um das Verständnis der Tora ringe.
4. Der Gott des Leides
Gott schickt Israel Leid, und er verstrickt sich selbst in das Leid Israels.
Im babylonischen Talmud und bei Raschi (1040-1105) wird aus Ex 3,14
herausgelesen, Gott bringe Leid über Israel; Leid gehöre zur Offenbarung.
Gott habe zu Mose über die Israeliten gesagt: „Ich bin mit ihnen in dieser
(ägypt.) Not, und ich werde ihnen auch in der Sklaverei unter den
Weltvölkern beistehen." Gott habe aber empfohlen, den Israeliten das
zukünftige Leid nicht zu offenbaren, um sie nicht mutlos zu machen. In
ähnlicher Bedeutung wird in MekhY zu Ex 20,23 gesagt, es sei „ein Bund für
die Leiden geschlossen worden". Der Jude unterscheide sich vor Gott vom
Nichtjuden durch seine Annahme des Leids. Diese Annahme verbürge seine
künftige Verherrlichung bei Gott.
Gott verfügt aber nicht nur Leid, sondern er unterzieht sich auch selbst dem
Leid, um bei den Juden in deren Leid zu sein. Ein eindrückliches Zeugnis
dafür ist das Gleichnis von den Zwillingen: „Wie Zwillinge: Einer hat
Kopfweh, und der andere spürt es! - So sagte der Heilige, gelobt sei er:
,Ich bin bei ihm in der Not' (Ps 91,15)" (Pesk 5,6).
5. Der Gott der Ethik
Das Judentum ist ein „ethischer Theismus" (Kohler). Ex 3,14 wurde daher auch
ethisch ausgelegt: Gott enthülle sich nur dem Barmherzigen, der seine Gebote
tue, die übrigen seien zum Scheitern verurteilt. Die ethische Komponente
wird als konstitutiv für das Verhältnis zu Gott betrachtet. Das Tun und das
Hören gehören zum Israeliten. Er hat zuerst (nach Ex 24,7) die Gebote zu
tun; erst dann darf er (evtl.) über den Sinn der Gebote nachgrübeln.
6. Der existential erfahrbare Gott
Nach modernen jüdischen Denkern (F. Rosenzweig, M. Buber, B. Jacob, J. B.
Soloveitchik) ist das Gegenwärtigsein Gottes das Ergebnis des
Zusammentreffens eines göttlichen und eines menschlichen personalen Aktes.
Gott werde zum Ereignis, wenn der Mensch beziehungsoffen sei. B. Jacob
deutet Ex 3,14 dementsprechend: „JHWH ist das Futurum der Geknechteten und
Leidenden."
Die jüdischen Gottes-Vorstellungen sind in starkem Mass Ergebnisse der
Abwehr gegen antike (griech. und oriental.), christl. und muslimische
Auffassungen. Als gefürchtetes Gegenkonzept wurde seit Saadja Gaon (882-942)
die christl. Dreifaltigkeitslehre empfunden. Ihr gegenüber wurde die Einheit
Gottes in vertikaler (der unendliche Gott im Himmel und sein Wirken in der
beschränkten Welt) und in horizontaler (Gott und seine Eigenschaften)
Hinsicht betont. Gemäss ihrer Auffassung, in der nichtjüd. Welt werde die
Einheit Gottes verdunkelt, geschwächt und mit unbibl. Zusätzen vermischt,
verstanden sich die Rabbinen und ihre Nachfahren als die einzigen Wahrer
unverfälschten sinaitischen Gottes-Offenbarung. Das Ziel der Weltgeschichte.
werde erreicht sein, wenn der Gott Israels sich als der Eine und
Einzigartige vor aller Welt kundtun und von möglichst vielen Menschen im
Geist Israels monolatrisch gepriesen werde (so Moses Chaim Luzzatto
[1707-1746] im Anschluss Sach 14,9).
Die jüd. Theodizee wurde in harten Leidens- und Verfolgungszeiten bes.
herausgefordert. Die Sinngebungen zur schwersten Drangsalperiode in der
Antike (175 v. - 135 n.Chr.) waren jedoch qualitativ von den Deutungen der
modernen Holocaust-Periode (1933-1945: Naziherrschaft) verschieden. Die jüd.
Antwort auf die Verfolger der Antike war eine Ausweitung der
Glaubensaussagen durch den Auferstehungsglauben. Dem Schöpfer von Welt und
Menschen sei es zuzutrauen, dass er die ungerecht Umgekommenen neu,
unvergänglich und leidllos schaffe (Dan 12,2f.; 2 Makk 7; zweite Berakha des
Achtzehngebets). Die Antworten auf die Judenvernichtungen im Nazireich sind
dagegen von Betroffenheit, ja Resignation über den abwesenden Gott und über
die Unheimlichkeit menschlicher Bosheit geprägt. Der Schwerpunkt des Denkens
richtet sich nicht auf das Nicht-Eingreifen Gottes, sondern auf den
geistigen Kampf gegen die Dehumanisierung des Menschen. Man will bei Fragen
des Leids von der Theozentrik der jüdischer Religion wegkommen und sich dem
Schutz des Menschen, dieses erstrangigen Geschöpfes Gottes verschreiben.
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