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Gesetz - jüdisch

Für das deutsche Wort „Gesetz" kennt das Hebräische viele Ausdrücke, deren bedeutendster tora ist. Ursprünglich ist „Tora" in mehreren Lebensbereichen beheimatet:

a) die mündliche(n) Weisung(en) der Eltern an die Kinder, die ihnen helfen sollen, das Leben zu meistern;

b) die Lehren des Weisheitslehrers an seine Schüler, welche in die Ordnungen der Welt und ihre erfolgreiche Ausnutzung einweisen;

c) konkrete mündliche Einzelgebote des Priesters an den unwissenden Laien im Hinblick auf kultische Fragen der Reinheit (Lev 13), der Opfer (Lev 1 ff.), der Feste (Ex 12,43), des Ordals (Num 5,11 ff.) u.a.m.. Einen Eindruck vom Vorgang der priesterlichen tora-Erteilung vermittelt Hag 2,11-13. Dass die Leviten als wandernde Gesetzes-Lehrer besonders dazu beigetragen haben, dass das Volk mit dem Gesetz vertraut wurde, darf man vermuten.

d) das Gewohnheitsrecht, nach welchem die örtlichen Gerichte der Ältesten urteilten. Über Herkunft, Form und genauen Umfang des ältesten Rechtes in Israel im Vergleich mit den reich bezeugten altorientalischen Rechtstexten bestehen Unsicherheiten. Auffälligerweise wird im Alten Testament niemals der König als Schöpfer des Rechts genannt, sondern diesem selbst unterstellt (Dtn 17, 14 ff.). Aus diesen unterschiedlichen Wurzeln in der Eltern-Pädagogik, in der Weisheit, in der priesterlich-levitischen Kultpraxis sowie in der Laienrechtsprechung hat sich im Laufe der Religions- bzw. Sprachgeschichte ein umfassender Begriff der Tora herausgebildet, der schliesslich Willens- und Selbstkundgabe Gottes, auch in der Geschichte, unter dem Oberbegriff der nunmehr schriftlich fixierten „Tora Gottes", „der Tora" umgreift. Diese wird auf das engste mit Mose in Verbindung gebracht, so dass sie auch „Tora des Mose" bezeichnet werden kann. Tora wird geradezu gleichbedeutend mit der umfassenden „Offenbarung" Gottes. Schon in der Prophetie ist diese Tora Jahwes Massstab der und Begründungselement für die Unheilsverkündigung. Gelegentlich findet sich in polemischer Umkehrung Nachahmungen der priesterlichen Tora (z. B. 5,21-24; Hos 6,6; Jes 1,10-17). Eine erste äusserst folgenreiche, in nahezu alle atl. Bereiche ausstrahlende Ausformulierung einer „Gesetzes"-Theologie stellt das Deuteronomium dar; mit seiner vereinheitlichenden Zentrierung auf die als heilvolles Geschenk verstandenen Gebote kommt ihm im Alten Testament eine Schlüsselstellung zu, und man hat es sogar als „Mitte des Alten Testaments" bezeichnet. Wenn Israel als zuerst von Gott auserwähltes und mit einem Bund begnadetes Volk das Gesetz hält, dann wird es in Freude Segen und Leben erhalten; bricht es aber das Gesetz, dann wird es Fluch und Tod erleiden (Dnt 29 f.). In diesem Sinne wird die gesamte Geschichte Israels nach dem Massstab der Gesetzes-Observanz durchdacht (Dtn 2 Kön; verstärkt noch in der Chronik). In der nachexilischen Priesterschrift verschiebt sich der Akzent auf die Furcht vor Gesetzes-Übertretungen und Sühne dafür. Eine gewisse ängstliche Kasuistik darf nicht verschleiern, dass der Grundton der Gesetzes-Frömmigkeit doch die Freude und die Dankbarkeit für die von Gott gewährte Lebensordnung ist. Unter Esra wird das Gesetz Mose zum Reichsrecht. In Auseinandersetzung mit dem Hellenismus kommt es in Sir 24 zur Identifikation von Gesetz und Weisheit, d. h., die Tora gewinnt universale Dimension und kann mit der Weltordnung, mit der Vernunft gleichgesetzt werden. Die oft gerügte Übersetzung von tora mit nomos scheint daher sachgemäss.
Das in sich so vielschichtige Frühjudentum hat darin einen breiten Konsens, dass das Gesetz die bleibende Grundlage Israels als des Gottesvolkes ist, dass das Gesetz keine drückende Zwangslast, sondern Freude, Gnade, Heilsweg bedeutet und dass im Prinzip alle Gebote zu halten sind, wobei freilich das Kult-Gesetz zunehmend allegorisch auf das vernünftige Welt- und Sitten-Gesetz hin interpretiert wird. Dass die Mose-Tora aufgehoben oder durch eine messianische ersetzt würde, ist trotz der Tempelrolle und des Jubiläenbuches ausserhalb des Erwartungshorizontes. Eine unmittelbare Einpflanzung des Gesetzes in die Herzen in einem neuen Bund, eine Aufklärung über den Sinn schwer verstehbarer Vorschriften durch den Messias, eine Akzentuierung und universale Ausweitung bzw. eine Völkerwallfahrt zum Zion als dem Ort, von wo das Gesetz ausgeht, sind feste Topoi der Eschatologie.
 


 

 

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