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Gesetz - christlich

Die Haltung des Neuen Testaments gegenüber dem alttestamentlich-jüdischen Gesetz ist in Kontinuität und Diskontinuität sehr unterschiedlich und facettenreich, bis hin zu gegenseitiger Kritik und Bekämpfung:
Jesus - soweit seine Haltung zum Gesetz überhaupt noch aus den vielstimmigen Interpretationen der Evangelisten erhoben werden kann - radikalisiert das Gesetz, indem er den ganzen Menschen fordert und uneingeschränkten Gehorsam verlangt (Bergpredigt). Zugleich zentriert er das Gesetz auf das Doppelgebot der Liebe; damit werden vor allem die Reinheits-, Absonderungs- und Sabbatgebote sowie die Eid- und Scheidungspraxis des zeitgenössischen Judentums zumindest sehr stark relativiert.
In der Theologie des Markus spielt die Freiheit vom Ritual-Gesetz eine zentrale Rolle; den Jüngern Christi ist die Tischgemeinschaft mit Sündern und Heiden erlaubt (Mk 2,15 ff.), die Strenge des Fastens und der Sabbatobservanz durchbrochen (2,18 ff.), die Reinheitsgebote sind aufgehoben (7, 1 ff.). Dagegen wird das Sitten-Gesetz des Alten Testaments als gültig beibehalten (7, 18-23). Matthäus stilisiert Jesus als neuen Mose, der das Gesetz bis zum letzten Jota erfüllt und von seinen Jüngern „bessere Gerechtigkeit" als die der Pharisäer fordert (Mt 5,17-20), worin Tempelkult und Reinheitsgebote eingeschlossen sind. Lukas zeichnet eine heilsgeschichtliche Bewegung vom anfänglichen Leben nach dem Gesetz bis hin zur gesetzesfreien universalen Kirche. Johannes sieht durch Jesus wie exemplarisch den Sabbat, so das ganze alte Gesetz aufgehoben (Joh 1,17; 5,18) und durch das neue Gebot der Liebe ersetzt (13,34f.), das ganz und gar auf der Autorität der Person Jesu Christi als des einzigen autoritativen Vermittlers des Vaters beruht. Das Gesetz zeugt zwar von Jesus Christus (5,31 ff.), ist ansonsten aber nur „euer (der Juden) Gesetz" (8, 17; 10,34; 18,31).
Im hellenischen Zweig des Urchristentums, bes. im sogenannten „Stephanuskreis", entwickelt sich ein gesetzesfreies Christentum, das seine Wurzeln auch in Erfahrungen aus der Mission hat. Die Auseinandersetzung der nomistischen Richtung unter Führung des Herrenbruders Jakobus und des Petrus mit dieser „heidnischen" Richtung, bei der es zu Verfolgungen von seiten der Jerusalemer Judenschaft, etwa auch durch Saulus, kam, bildete ein zentrales Problem der Geschichte des Urchristentums.
Paulus hat in seinem Leben eine radikale Wende seiner Einschätzung des Gesetzes erfahren: Zunächst als eifriger pharisäischer Frommer „im Gesetz untadelig", hat sich ihm von der Offenbarung Jesu Christi her der Weg des Gesetzes als überwundener Irrweg gezeigt (Gal 2; Phil 3). Damit ist das Thema Gesetz aber keineswegs erledigt; Paulus entfaltet eine reiche und sehr tiefsinnige Theologie des Gesetzes, aber es ist schwer, alle seine Aussagen in ein systematisches Ganzes einzufangen. Einerseits steht ihm fest, dass das Gesetz gut, heilig und von Gott zum Leben gegeben ist (Röm 2,10-16; 7,12.22). Andererseits ist es wie eine „Episode" 430 Jahre nach Abraham (Gal 3,17) nur „zwischeneingekommen" (Röm 5,20). Durch das Gesetz wird die Sünde erst mächtig; es zeigt die Sünde des Menschen auf und bewirkt dadurch den Zorn Gottes (Röm 1,18 ff.; 4,15). Durch die Macht der Sünde ist das Gesetz letztlich sogar missbraucht worden als subtilstes Mittel, seine eigene Gerechtigkeit vor Gott zu behaupten und sich nicht der allein in Jesus Christus geschenkten Gnade zu öffnen (Röm 3, 27 ; Phil 3, 8 f.). Das so pervertierte Gesetz ist von (dämonischen?) Engeln erlassen (Gal 3,19) und führt zum Tod. Aber gerade darin, dass es die Sünde aufdeckt oder aber raffiniert die Möglichkeit eigener Gerechtigkeit vorgaukelt und so in der Sünde und im Tod unentrinnbar festhält (Röm 7), fungiert es als „Zuchtmeister auf Christus" (Gal 3, 24). Dabei wird die Verhaftung in der Sünde nicht analytisch aus den Phänomenen erhoben, sondern erst von der Erlösung durch Christus her wird deutlich, wie sehr der Weg des Gesetzes an Gottes Wirklichkeit vorbeiführt. Dies exemplifiziert Paulus an seiner eigenen jüdischen Vergangenheit, am Judentum insgesamt, aber auch an den Heiden, denen Gott das Gesetz ins Herz geschrieben hat (Röm 2, 15). Hier ist kein Unterschied zwischen allen Menschen. Der Zusammenhang von Sünde, Gesetz und Tod ist ein fundamentalanthropologischer (1 Kor 15,56). Das existential gemeinte Evangelium aber lautet: „Christus ist des Ende" (Röm 10.4). Damit ist die ethische Verpflichtung keineswegs aufgehoben, sondern als selbstverständliche Entsprechung zur erfahrenen Liebe noch verschärft (Röm 13,8 ff.; Gal 6,2 ff.). Der Hebräerbrief stellt auf seine kultisch-priesterliche Weise ebenfalls heraus, dass durch das Opfer Jesu ein für allemal Sündenvergebung geschehen ist und dass damit der „neue Bund" den alten abgelöst hat (Hebr 8 f.).
Im Jakobusbrief ist das Gesetz vollständig verchristlicht. Es geht nicht mehr um das Problem der Mose-Tora. Wie in der frühchristl. Lit. des 2. Jh. insgesamt scheint das Problem des jüd. Gesetzes im Sinne des Mk-Evangeliums gelöst: festgehalten werden das Sitten-Gesetz, insbesondere das Liebesgebot und der Dekalog, das Zeremonial- und Justial-Gesetz aber wird aufgegeben oder allegorisch-typologisch umgedeutet.
 


 

 

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