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Das Gebet ist innerster
Vollzug und Kriterium von Religiosität. Auch Weltanschauungen, denen man den
Namen „Religion" abspricht, haben (Zerr-)Formen von Gebet. Unter den vielen
Klassifizierungen sind die klassischen (Anbetung, Lob, Bitte, Dank, Sühne,
Gegenwart, Einigung usw.) und auch die der schwedischen
Religionswissenschaftlichen Schule (prophetisch und mystisch, primitiv und
philosophisch u. ä.) einflussreich. Aber jede Klassifizierung, die das
Phänomen greifen will, muss fliessende Grenzen zu ähnlichen Formen einbeschliessen.
Zwischen Meditation, Besinnung, Mystik. Kult, Magie. Die Kritik am heutige
christl. Gebet richtet sich bes. gegen seine „Erfahrungsleere". Hier hat das
genuine Anliegen des Meditierens, der Methodik und Einübung von „Erfahrung"
seinen Platz; die Gefahr ist das Kreisen um sich selbst. Ohne Erfahrung aber
wird das Besinnen, als eher verständliches Eindringen in Wahrheit und
„Sinn", leicht zu bloss objektiver Kenntnisnahme. Mit Mystik ist der Gipfel
als Verweilen vor Gott oder in Gott gemeint; die Meinungen differieren, ob
damit das Beten aufgehoben (Unio mystica als Verschmelzung) oder vollendet
(... als Begegnung) wird. Das kultische Moment des Betens, also der Bezug
auf Gemeinschaft und Ritus, ist wenigstens in der klass. christl.
Gebets-Lehre auch für einen Einsiedler selbstverständlich. Die Angst vor
magischen Praktiken, d. i. gleichsam automatischer Einflussnahme auf das
Göttliche, hat hier aber manche Tür zur Ganzheitlichkeit der Naturreligionen
zugeschlagen.
Ob die Beziehung zu einem lebendigen Gegenüber (zum Du Gottes) wesentlich
ist für Beten im eigentlichen Sinn, ist eine Kontroverse der
Religionswissenschaft. Die Unterschiede der sprachlichen, traditionellen und
kulturellen Hintergründe verbieten es, einzelne Religiositäten nach ihrer
unhinterfragten Wortaussage zu beurteilen. Züge wie „Offenheit" zum
Geheimnis oder „Demut" des Empfangens (statt Leistens) können andeuten, dass
auch im Sprach- und Kultgewand einer letzten Identifikation von Göttlichem
und Menschlichem im Gebet das Unüberholbahre gegenüber Gottes bewahrt wird.
Das biblische Beten (Abrahamreligion) gründet im Gegenüber Gottes. Immer
mehr wurde Israel bewusst, von Gott persönlich geführt zu sein; damit wuchs
die selbstverständliche betende Hinwendung zu Gott. Im Gebet Jesu gewann
diese Überzeugung die Eindeutigkeit des „Heute" („wenn ihr seine Stimme
hört") und die Wärme des Abba-Vater.
In der christl. Glaubensüberzeugung wurde dieses Beten reich ausgestaltet:
dogmatisch durch den Glauben an das dreifache (-faltige) Ansprechen des
einen Gottes und seine inkarnatorische (daher sakramentale und ekklesiale)
Gegenwart in der Geschichte; rituell durch institutionelle (Hofzeremonien)
und volkstümliche (Andachten, Brauchtum) Einflüsse; konfessionell in der
Unterschiedlichkeit des Katholischen, Evangelischen (das Wort) und
Orthodoxen (Liturgie).
Auch das Beten der jüd. Gruppierungen liegt im Spannungsfeld einer orth.
Haltung, die den Alltag durch klare gesetzliche Vorschriften heiligt; einer
mystischen Ausrichtung (Chas[s]idismus), in der Innerlichkeit und
Weltbejahung fast bruchlos vereint sind; einer philos. Tendenz (schon früh:
Moses Maimonides) mit grossem Einfluss auf die abendländische Geistigkeit;
einer politischen Sinngebung, in der sich messianische Erwartung mit
diplomatischem Kalkül verbindet .
Das Gebet in der Tradition des Muhammad zieht seine Kraft aus der
Ausschliesslichkeit des islam. (wörtl.: sich total hingebenden)
Bekenntnisses zu Gott. Nicht nur die orth. Gläubigkeit mit ihren strengen
Gebetsvorschriften, sondern auch die Mystik des echten Sufismus (nicht die
des publikumswirksamen der Massenmedien) gründet im Glauben an die
Einzigartigkeit und Allmacht Gottes.
Einflüsse zoroastrischer Religiosität, die das Beten in den Dualismus der
zwei Grundmächte des Bösen und des Guten einspannen und daher auch ein Anti-
oder gar böses „Gebet" kennen, werden in allen drei Abrahamsreligionen
sichtbar.
Das Gebet der vom indischen Subkontinent stammenden Religionen lässt sich
als eher meditativ kennzeichnen: Der Mensch sucht Kontakt mit dem Göttlichen
in der „Innerlichkeit". Durch Absage an die sichtbare Welt von Zeit und
Raum. Ohne dass die einzelnen Stufen streng abzugrenzen sind, kann man dem
Prozess der Verinnerlichung nachgehen: von der vedischen Urreligion, in der
das Beten zu einer Vielzahl von Göttern Bezug nimmt zu den Mächten von
Kosmos und Natur; über Brahmanismus (Brahman) und Hinduismus, wo die Einheit
des überweltlichen Prinzips (Brahma) stärker wird und eine
asketisch-weltverachtende und meditativ-innerliche Gebetshaltung begünstigt;
bis zum Buddhismus, der als Prototyp einer Innerlichkeitsreligion die
meditative Versenkung bis zur völligen Nicht-Dualität (Nirvana) pflegt. In
der Weiterentwicklung des Anstosses Buddhas bleibt dieser meditative
Grundzug erhalten, auch wenn er - über die chin. Weisheitsreligiosität
(Taoismus) - im Zen-Buddhismus eine weltzugewandtere Form gewinnt, in der
aber „Gebet als Beziehung zu ..." zugunsten einer reinen Innerlichkeit
ausgelöscht zu sein scheint.
Die andere, eher ekstatische Gebets-Haltung findet sich in den
Ur-Religionen, im Schamanismus der Indianer, in Schwarzafrika. Durch Musik
(Trommel), Bewegung (Tanz) und auch biologische Mittel (Kauen des
Peyote-Pilzes) gerät der Beter (oft die bes. begabte Priesterpersönlichkeit,
Schamane) in einen Zustand der Verzückung, der ihm die Tür zu den religiösen
Mächten öffnet und Kräfte der Heilung und Beschwörung zur Verfügung stellt.
Im Gegensatz zur gegenwärtigen Indianer-Mode haben wohl fast alle grossen
ekstatischen Religionen über solche eher magischen Riten hinaus das Gebet
zum transzendenten Gott vollzogen.
Innerhalb der Befreiungstheologien entwickelt sich eine dritte Grundhaltung
des Betens, die tief im Christentum wurzelt, aber eine neue gesellschaftlich
bedingte Spiritualität findet. Sie stammt unmittelbar aus dem Anliegen der
Befreiung von Armut und führt ebenso unmittelbar dort hinein. Gegenüber
diesen Grundhaltungen des Betens ist das meiste andere nur eine
Modeerscheinung (arische Hexen-Religiosität usw.). Die Vielfalt des Betens
mit äusseren und inneren Formen, mit Methodik und Offenheit lässt sich nicht
restlos systematisieren. Dies kommt im christL Grunddogma des dreieinigen
Gottes zum Ausdruck: das Geheimnis des Vaters, des unergründbaren Uranfangs;
die Ansprechbarkeit des Sohnes bis zum „aufdringlichen Bitten" in seinem
Namen; die Innerlichkeit des Geistes im Menschen, in allem Geschaffenen. Von
hierher sollte auch das Vertrauen wachsen, den Dialog der Weltreligionen von
dieser Grundhaltung her zu beginnen, die Augustinus formulierte: „Gott ist
innerlicher als mein Innerstes und höher als mein Höchstes."
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