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Freikirche ist im
Protestantismus ein junger Begriff. 1843 kam es zum Bruch mit der
etablierten reformierten Church of Scotland aus Protest gegen
Patronatsrechte zuungunsten des (Veto-)Rechts der Gemeinde. 200 Pastoren
verliessen die Generalversammlung und gründeten die Free Church, zu der
insgesamt 470 Pastoren übertraten. Auch in der Schweiz entstanden im Gefolge
des Reveil autonome Freikirchen (eglise libre, eglise independente). In
reformierter Tradition war man unbefangen, das Wort Kirche (church, eglise)
auf sich zu beziehen.
Das wagten in England die seit dem 17. Jh. bestehenden Abweichler nicht. Sie
bezeichneten sich als association, society u. dgl. und trafen sich in einer
chapel oder einem meeting house. Beim Auftreten der Freikirchen in
Deutschland seit Mitte des 19. Jh. lässt sich Gleiches beobachten: Die
Freikirchen bilden „Gemeinden"; Gottesdienste finden in „Kapellen" statt. Zu
„verkirchlichen" ist Anzeichen des Verfalls. Kirche war reserviert für die
etablierte Kirche. Alle von ihr abweichenden waren „Separatisten", „Dissenters",
„Nonkonformisten" oder „Sektierer". Erst 1892 bildeten in England die
Freikirchen ein National Free Church Council und erhoben so den Anspruch,
neben der Kirche von England auch Kirche zu sein.
Das zeigt: Freikirche ist zunächst ein Strukturbegriff. Kirche soll vom
Staat oder anderer Bevormundung „frei" sein. Damit geht die Ablehnung des
Territorialprinzips einher. Als Staats-, Landes- oder Volkskirche ist Kirche
nicht denkbar. Kirchl. (Zwangs-)Uniformität wird zugunsten eines kirchlichen
Pluralismus abgewiesen. Ausserdem soll klerikalen Machtansprüchen gewehrt
werden.
Als Vorläufer der Freikirchen kann man die Täufer der Reformation (Mennoniten,
Huttetische Brüder) bezeichnen. Im 17. Jh. entstanden in Opposition zur
Kirche von England und trotz vieler Repressionen Presbyterianer,
Kongregationalisten, Baptisten und Quäker. Im Act of Toleration (1689)
erhielten sie Entfaltungsmöglichkeiten, doch waren ihre Mitglieder bis 1828
von bürgerlichen Ämtern ausgeschlossen, und erst das University Test Act
(1871) verschaffte ihnen Zugang zu den Universitäten. Obwohl nicht in der
Absicht des Grafen Zinzendorf (1700-1760) und des Erweckungspredigers John
Wesley (1703-1791), bildeten sich der Methodismus und die Moravian Church
als Freikirchen aus. Als Freikirchen des 19. Jh. lassen sich nennen: die
Heilsarmee (aus dem Methodismus), die Freien ev. Gemeinden, der Darbysmus,
der Adventismus und die Pfingstund Heiligungsbewegung (z. B. Assembly of God,
Kirche des Nazareners).
„Frei" zu sein bedeutet auch, dass die Freikirchen in der freiwilligen
Zugehörigkeit zu Jesus Christus als Haupt der Gemeinde, in der Durchführung
des Missionsbefehls, in verantwortlicher Haushalterschaft (oft 10% des
Einkommens), in Entscheidungen auf der Grundlage des Konsenses der ganzen
Gemeinde (Priestertum aller Gläubigen) und in der Kirchenzucht Züge der
wahren Apostolizität von Glauben und Kirchenordnung sehen. Die Strukturfrage
wird gestellt, um diese Inhalte nicht zu gefährden.
Aus diesen theol. Ansätzen folgt u. a. die politische Forderung, zwischen
religiösem und bürgerlichem Gehorsam zu unterscheiden. In der amerik.
Republik wurden die Experimente des Baptisten Roger Williams (1603-1683) und
des Quäkers William Penn (1644-1718) Allgemeingut, als mit dem First
Amendment zur Verfassung Gewissens- und Religionsfreiheit (zu unterscheiden
von Toleranz) eingeführt wurden; der Staat entliess die Religion aus seinen
Hoheitsaufgaben. Damit wird bes. der nordamerik. Kontinent Heimat des
Freikirchentums und für dieses zu einem einzigen Missionsfeld. In den USA
sind alle christl. Kirchen, auch die röm.-kath. und die orth. Kirchen,
„freikirchlich" strukturiert. Die eigentlichen Freikirchen suchen neue Wege
(z. B. believe church) und setzen sich verstärkt für Religionsfreiheit ein
mit Folgen wiederum hin zum II. Vatikanum (J. C. Murray): Nicht zuletzt die
Freikirchen bewirken die Vielgestaltigkeit der Ökumene. Aus ihrem Denken
entstammen die branch theory und die Überwindung der europ. Unterscheidung
von „Kirche" und „Sekte" zu dem wertneutralen Begriff „Denomition". Als
wesentliche Träger der Mission im 19. und 20. Jh. wurden die Freikirchen
strukturell zu Vorbildern für die sog. Jungen Kirchen. Aus den Freikirchen
kamen wichtige Impulse zur Gründung von Weltbünden auch für die ökumen.
Bewegung. Die erweisen sich gegenüber unterschiedlichen politischen Systemen
als durchsetzungsfähig.
In Deutschland entstanden ausser der „klassischen" Freikirchen noch sog.
„konfessionelle" Freikirchen (Altlutheraner, Altreformierte, Altkatholiken).
Diese sind jedoch nicht in der seit 1926 bestehenden Vereinigung
Evangelischer Freikirchen.
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