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Unter Fetischismus
versteht man den Glauben, dass bestimmten materiellen Objekten eine
übermenschliche Macht oder Kraft innewohnt, die der Mensch durch Opfergaben
oder Geschenke zu seinem Vorteil aktivieren kann. Das Wort Fetisch geht auf
frühe portugiesische Kolonisatoren zurück, die an der westafrikanischen Küste
auf Kultgegenstände stiessen, die ihrer Meinung nach von den Einheimischen
angebetet wurden und die sie mit dem Ausdruck feitico („künstlich gemacht";
lat. facticius) bezeichneten.
In die religions-wissenschaftliche Literatur wurde der Begriff Fetischismus
1760 v Ch. de Brosses eingeführt, der darunter Kult und Verehrung
künstlicher oder natürlicher Objekte verstand, die mit übermenschlicher
Kraft begabt sind. Der Terminus Fetischismus erfreute sich in der Folgezeit
grosser Beliebtheit. Er wurde zum Sammelbegriff für die Religion der
Afrikaner allgemein, in seiner Abgrenzung unscharf, Unwissen und negative
Vorurteile widerspiegelnd. Evolutionistische Theorien ordneten ihn in ihre
Entwicklungsreihen ein, z. B. A. Comte: Fetischismus - Polytheismus -
Monotheismus; E. B. Ty Animismus - Ahnenkult - Fetischismus - Polytheismus -
Monotheismus. Der Begriff Fetischismus wies sich als zu ungenau, als zu sehr
mit Spekulationen und ethnozentrischen Vorurteilen belastet; er wird daher
in modernen Religionsethnologien kaum noch verwandt. Die phänomenologische
Darstellung von Religionen kann auf Terminus Fetischismus verzichten; der
Ausdruck Fetisch für eine bestimmte Art sakraler Gegenstände wird jedoch
seinen Platz der Religionsethnologie (auch in der Museums- und
Kunstethnologie) behalten wenigstens für den kulturellen Raum Westafrika,
den locus classicus des Begriffs.
Fetischismus (nach der eingangs gegebenen Definition) ist zweifelsohne ein
religiöses Phänomen, doch er ist nirgendwo als eigene Religion zu finden,
sondern immer eingeordnet in einen umfassenderen religiösen Rahmen. Zum
Fetisch gehören zwei Grundelemente: ein materielles Objekt als Träger der
Macht und die geistige Kraft, die diesem Träger innewohnt. Nur solange beide
Elemente zusammen sind, existiert ein Fetisch. Verlässt die geistige Kraft
das Objekt, verliert dieses seinen sakralen Charakter und wird wertlos,
funktionslos. Die dem Fetisch-Objekt innewohnende Kraft lässt sich durch
Gaben und Opfer aktivieren, verstärken und manipulieren, zum Unterschied
etwa von Ahnenfiguren, die die Anwesenheit der Ahnen symbolisieren, denen
zwar auch Opfer dargebracht werden, die sich aber kaum manipulieren lassen.
Amulette und Talismane wirken als Glücksbringer, ohne dass ihre Kraft
verstärkt oder erneuert werden kann. Letztere haben überwiegend
individuellen, privaten Charakter, während Fetische eher
gemeinschaftsdienliche Funktionen haben. In analogem Sprachgebrauch führten
marxistische Theorie (Ware als Fetisch) und Psychoanalyse
(Sexual-Fetischismus) den Begriff Fetischismus in ihre Terminologie ein.
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