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Feministische Theologie

Obwohl vielfach anders behauptet, stammt die feministische Theologie nur dem Namen nach aus den USA. Die Sache wurde in Europa seit vor dem II. Vatikanum unter Bezeichnungen Theologie der Frau, theologische Geschlechteranthropologie u. ä. bereits ein Hauptinteresse von kirchlich engagierten Frauen auf Tagungen und in Zeitschriften interkonfessionell und kontrovers diskutiert. Da katholische Theologinnen an deutschen Universitäten seit den 60er Jahren (in München seit 1954) den Dr. theol. erwerben konnten, reflektierten sie wie ihre evangelischen Kolleginnen anhand der historisch-kritischen Exegese die Stellung der Frau in den Urgemeinden, das Frauenbild der Kirchenväter und Scholastiker. Aus der Konfrontation des modernen Erfahrungshorizontes mit der neu befragten Geschichte des Christentums wurden Erkenntnisse formuliert, die der bisherigen Meinung entgegenstanden, das Christentum habe sich (im Gegensatz zu Judentum und heidnischen Religionen) nur positiv auf den weiblichen Lebenszusammenhang und die Entfaltung der weiblichen Person ausgewirkt. Forderungen nach Aufhebung kirchlicher Frauendiskriminierung und Erweiterung ihres Zuständigkeitsbereiches wurden erhoben. In den USA wurde aus Mangel an Rezeption des in europäischen Sprachen Geschriebenen manche Arbeit noch einmal getan, jedoch die Bezeichnung „Theology of woman" einseitig mit der Theologie des „Ewig-Weiblichen" (Gertrud von le Fort) identifiziert und deshalb abgelehnt. Schneller als in Europa fand jedoch in Amerika feministische Theologie Eingang in das allgemeine Bewusstsein. Inzwischen enttäuschte Hoffnungen knüpften sich in der Konzilszeit in Deutschland an den Begriff Theologie im Laienstand. Dass aber auch die Integration in das Amt Frauen nicht den erhofften selbstverständlichen Ort in ihrer kirchl. Gemeinschaft garantiert, bezeugen evangelische Theologinnen einmütig. Bei aller Betonung der Notwendigkeit einer vollen Integration von Frauen in das kirchliche Amt sehen feministische Theologinnen die Reformbedürftigkeit von dessen patriarchalischen Strukturen.
Die Verbindung von Feminismus und Theologie als eine Art Kulturrevolution auszulegen (E. Moltmann-Wendel), die die vergessenen und verdrängten weiblichen Werte der patriarchalischen Kultur entgegenstellt, ist nicht zu hoch gegriffen. Das schliesst die immense Aufgabe ein, die trotz herrschender androzentrischer Wertvorstellungen zu allen Zeiten greifbare Theologie von Frauen in ihrer Kontinuität wiederzuentdecken, mag sie auch als „Mystik" oder „Frömmigkeitsgeschichte" von einer männlichen Theologiegeschichtsschreibung noch so sehr verfremdet und marginalisiert bzw. von den Autorinnen selbst, um dem Lehrverbot für Frauen 1 Tim 2, 12 zu entgehen, in mystischem, literarischem oder moralphilosophischem Schrifttum untergebracht worden sein. Frauen haben nicht erst in heutiger Zeit, sondern immer schon aus ihren Erfahrungen die Bibel anders gelesen als Männer, und zwar mit leise unterwanderndem bis offen gegen männliche Schriftauslegung protestierendem Affront. Jedoch erforscht die feministische Theologie nicht nur ihre eigene theologische Tradition, sondern setzt sich dafür ein, dass diese (über die beiden bisher „ernannten" Kirchenlehrerinnen Caterina v. Siena und Teresa v. Avila hinaus) ebensoviel gilt wie die bisher einseitig anerkannte Tradition männlicher Schultheologie.
Dazu gehört auch die Kritik am sozialgeschichtlich wirksam gewordenen männlichen Gottesbild, das Macht und Autorität in Männerhand legitimiert und Frauen von Verantwortung ausschliesst. Das auch weibliche Bilder verwendende Sprechen von Gott im Alten und Neuen Testament sowie in der mehr affektiv-experimentellen Richtung von Patristik und Scholastik (Hildegard v. Bingen stellt das menschliche Gottesverhältnis als Mutter-Tochter-Beziehung dar) konnte eine vorwiegend androzentrische Wirkungsgeschichte nicht verhindern, was für eine feministische Theologie Fragen aufwirft wie: Warum wurde von der Schultheologie einseitig die antifeministische Seite von Augustinus rezipiert und nicht die auch für Frauen befreiende seines Menschenbildes? Dass die bürgerlich-patriarchalische Hauptströmung des Christentums bis heute in kirchl. wie profanen Strukturen wirksam bleibt, ist hinreichender Grund für den Auszug vieler kritischer Frauen aus ihren Kirchen zu den Post Christian Feminists, so dass es feministische Theologie heute sowohl „innen" wie „aussen" gibt.
Davon ist zu unterscheiden der „allgemeine" Feminismus im Gefolge von K. Milieu, Sh. Firestone. G. Greer u. a., die anders als die an Frauenreligion interessiert bleibenden Post Christian Feminists von vornherein mit der Unbrauchbarkeit christlicher oder anderer religiöser Botschaften für die Befreiung von Frauen und ihren Talenten rechnen. Soziale Zusammenarbeit feministischer Theologinnen mit der autonomen Frauenbewegung wird aber immer mehr praktiziert, und eine Überwindung des tragischen Schwesternstreits zwischen den A-Religiösen und denen, die, wie auch immer, eine Bresche in die säkularisierte Welt schlagen wollen, zeichnet sich ab.
Ob feministische Theologie sich mehr kirchen- und gesellschaftskritisch, mehr mythologisierend-psychologisch oder mehr theologiekritisch (einschliesslich theol. Sprachkritik) darstellt, hängt von fachlichem Interesse und der soziokulturellen Lage des Landes ab, wo sie betrieben wird. Innerhalb eines jeden Schwerpunktes sind konträre Standpunkte möglich, so z.B. ebenso eine scharfe Kritik an Freud u. Jung als sexistisch wie auch eine bewusste Anknüpfung an die Schule von C. G. Jung.
Im Gegensatz zur starken Integration des feministischen Ansatzes in die theol. Wissenschaft der USA ist Europa im Rückstand, vor allem im kath. Bereich. Das dt. Universitätssystem zwingt Theologinnen der ersten Generation zur lebenslangen Auslandstätigkeit. Eine Lösung wie die in Holland verwirklichte, die einen Lehrstuhl für feministische Theologie vorsieht, kann jedoch nur ein Übergang sein. Als normal ist anzustreben: die Vertretung aller theol. Fächer durch gläubige Menschen, die - zu gleichen Teilen - als Männer und als Frauen sozialisiert sind. Nur der feminologische Forschungsansatz in allen theologischen Disziplinen führt zur Ganzheitlichkeit. Kritik am Alleinvertretungsrecht des Mannes für alles allgemein Verbindliche und Normative aus dem Selbstverständnis der Eigenständigkeit macht es heutigen Christinnen unmöglich, ihre Lebensregeln aus männlicher Autorität in Empfang zu nehmen. Dies gilt nicht nur für. die Moraltheologie, sondern auch für die Dogmatik, wo die Kritik der feministischen Theologie schon zu einer Neuinterpretation des soteriologischen Opferbegriffs geführt hat.
Nicht die Umkehrung eines patriarchalischen in einen feministischen Theismus ist das Ziel, sondern die Überwindung der Gottesferne und Kälte einer übertechnisierten, militarisierten, ihrem Schöpfungssinn entfremdeten Welt durch die Besinnung auf einen von den Kräften der Gottheit durchwalteten Kosmos, der keine pervertierende Beherrschung mehr zu erleiden, sondern eine hoffnungsvolle Zukunft hat.
 


 

 

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