|
1. Die Etrusker (ihre
Herkunft ist noch ungeklärt) bewohnten in der Antike das Gebiet der heutigen
Toskana und Kampaniens sowie Teile der Poebene. Ihre kulturelle Blütezeit
lag im 7.-4. Jh. v. Chr., als sie im Bund mit den Karthagern das westliche
Mittelmeer beherrschten. Die Ausbreitung der Kelten im Norden, die Stärkung
der Griechen in Süditalien und schliesslich der Aufstieg Roms beendeten die
etruskische Vorherrschaft. In der Zeit zwischen dem 4. und dem 1. Jh. wurden
die Städte der Etrusker von den Römern unterworfen; in der Kaiserzeit
latinisierte sich das etruskische Volk vollständig.
2. Die Erforschung der Etruskischen Religion hängt mit derjenigen der
etruskischen Sprache und Kultur zusammen, in der nach wie vor viele Fragen
offen sind. So ist es bisher nicht gelungen, einen mit der etruskischen
Sprache verwandten antiken oder modernen Dialekt zu finden, der die Deutung
der etruskischen Primärquellen erleichtern würde. Die Forschung diskutiert
die Möglichkeit einer ostmediterranen, nichtindogermanischen Herkunft, einer
altmediterran-autochthonen oder einer zumindest teilweise indogermanischen
Abstammung dieses Volkes. Von der Lösung dieser Fragen ergäben sich
Konsequenzen für die Beantwortung der Grundfrage, was an dem vorliegenden
archäologischen und textlichen Material über die Etruskische Religion
„uretruskisch", was übernommenes griechisches oder italisches Kulturgut ist.
3. Unsere Quellen für die Etruskische Religion sind
a) bildlicher Natur: Wandgemälde in unterirdischen Grabkammern, Vasen,
Bronzespiegel zeigen religiöse und mythische Szenen, die starke Anklänge an
die griechische Mythologie aufweisen. Die reiche Überlieferung leitet sich
aus einer der wenigen unbestreitbaren Tatsachen der Etruskischen Religion
ab, nämlich ihrem Interesse an Tod und Jenseits, das die Etrusker zu üppiger
Ausstattung der Wohnorte ihrer Toten bewog. Immer wiederkehrende Leitmotive
sind die Reise der Toten in das Land des jenseitigen Lebens und Szenen der
Freude und des heiteren Lebensgenusses.
b) Eine zweite Quelle sind Nachrichten römischer Schriftsteller über die
hochentwickelte etruskische Divinationskunst. Die Etruskische Religion stand
bis tief in die Spätantike in höchstem Ansehen und prägte bis zuletzt die
Römische Religion entscheidend mit. Erst das Christentum wertete sie radikal
ab; Arnobius bezeichnet Etrurien als „Urheberin und Mutter allen
Aberglaubens" (Adv. Gent. II 26). Dies hatte zur Folge, dass die bis ins 4.
Jh. n. Chr. sorgfältig bewahrten Bücher der „Disciplina Etrusca" nicht an
das Mittelalter weitergegeben wurden. Nach den verstreuten Zeugnissen
Ciceros enthielten die heiligen Bücher der etruskischen Priester Anleitungen
zum Orakel, kosmologische und mathematisch-astrologische Abhandlungen und
Omendeutungen u. a.m. Diese Wissensgebiete wurden von genau organisierten
Priesterkollegien gehütet, deren bekannteste die Haruspices waren, die in
Rom bei allen wichtigen Entscheidungen konsultiert wurden. Daneben berichten
lat. Quellen von einer hochentwickelten Seelen- und Unsterblichkeits-Lehre,
die in der Spätantike in Berührung mit dem Neuplatonismus kam und ihn
zumindest in Italien mitgeprägt haben dürfte. Die Kosmologie der Etrusker
muss das System der Manifestation universeller und göttlicher Kräfte in
Naturphänomenen, ihre Interrelation und Deutbarkeit aus Teilen - Himmel,
Blitz, Tiereingeweiden als konzentrierten Abbildern des Alls - zu besonderer
Perfektion gebracht haben: die Etruskische Religion dürfte hierin der
Babylonisch-assyrischen Religion ebenbürtig gewesen sein.
c) Die wichtigste, aber quantitativ geringste Quelle sind etruskische Texte
selbst. Neben Inschriften haben wir als längeres Dokument die Agramer
Mumienbinde, die einen kalendarisch geordneten Ritualtext trägt, dessen
Buchstaben in der entzifferten etruskischen Schrift verständlich sind, deren
Deutung jedoch aus den vorgenannten Gründen auf schwerste Probleme stösst.
Die etruskischen Texte geben aber zumindest Aufschluss über die Götternamen.
Es lassen sich unterscheiden: Götter mit Namen griech. Herkunft oder mit
griech.-indo-europ. Götternamen verwandten Namen, Götter mit nichtverwandten
Namen, aber verwandten Eigenschaften und Funktionen (Turan/Aphrodite,
Fufluns/Dionysos) und Götter, die keine erkennbare onomastische oder
funktionelle Verwandtschaft zur indogermanischen Götterwelt aufweisen. Der
etruskische Name für die Gottheit, Ais, ist ebenfalls sprachlich isoliert.
Neben den Göttern kennt die Etruskische Religion eine Vielzahl von Nymphen
und kleineren Funktionsgöttern, was sie wiederum mit der römischen Religion
verbindet.
4. Welche theologischen Vorstellungen die Etruskische Religion mit ihren
Göttern verband, kann aufgrund der Quellenlage nicht sicher bestimmt werden.
Kunst und sekundäre Überlieferung deuten darauf, dass der etruskische Gott
weniger bildhaft gedacht wurde als der griech., wenig funktionshaft als der
latinisch-röm.: wandelbar, verwandelbar, vielleicht „abstrakter". Römische
Quellen sprechen auch Göttertriaden, die jedoch in der antik
indogermanischen wie auch orientalischen Vorstellungswelt Allgemeingut
waren.
Das abrupte Erlöschen der schriftlichen Tradition um die Konstantinische
Wende begrenzte das Nachleben der Etruskischen Religion auf wenige
Erinnerungen, etwa in der römischen Mythologie: Ovids Vertumnus und Pomona
sind etruskische Gottheiten, die Legende von Herkules und Cacus bezieht sich
bei dem Namen Cacus auf einen etruskischen Gott. Oft kann in der römischen
Überlieferung das etruskische Element nicht mehr identifiziert werden. Ob
darüber hinaus in Etrurien etwas blieb, ist oft vermutet worden: eine
Ableitung der Höllenvisionen Dantes aus etruskischer Jenseitskunde kann
ebenso wenig bewiesen werden wie ihr Gegenteil.
|