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Ethisches Fragen ist eine
Reaktion darauf, auf unsere eigene Lebensführung und -gestaltung hin
angesprochen zu sein. Es markiert eine Differenz zwischen dem Handeln
überhaupt und dem „Was" des Handelns, dem bestimmten Tun. Die Frage „Was
sollen wir tun?" tritt immer dort auf, wo Menschen in einem besonderen Fall
oder ganz grundsätzlich auf ihre eigene Stellung in der Welt oder vor Gott
hin angesprochen sind. Sie wird immer dort ins Bewusstsein treten, wo man in
Entscheidungssituationen steht, die mit dem Rekurs auf Gewohnheiten oder
vertraute Handlungsmuster allein nicht zu bewältigen sind. In ihrer
Wirkmacht faktisch gelebter Überzeugungen stellen diese - früher oft auch
als Standesregeln ausgeprägten - Verhaltensregulative zwar den
erkenntnismässig ersten Grundbegriff der Moral dar. Alle geschichtlich
konkrete Moral lebt jedoch daraus, dass sie diese unmittelbaren
Wertüberzeugungen in einer Spannung zu einem zweiten Grundbegriff der Moral,
dem der Begründung dieser Regulative, begreift. Unmittelbarkeit der
Wertakzeptanz einerseits und Integration auf einen letzten Zweck oder ein
höchstes Gut hin andererseits bilden den Rahmen für das wechselvolle
Geschehen von Entlarvung und Legitimierung, von Erstarrung und
Funktionalisierung ganzer Moralsysteme.
Durch den Bezug auf ein letztes Ziel ist ethisches Fragen immer über sich
selbst hinaus verwiesen. Dennoch stellen Ethik und Religion Sinnbereiche
dar, die nicht miteinander identisch sind. Religion ist keine Funktion von
Ethik. Nur in der Nichtidentität mit Ethik kann Religion ihre
handlungsleitende Kraft für den Menschen und die Gestaltung seines Lebens
entfalten. Religion nimmt ihren Anfang nicht in einem Sollen, sondern in
einem Können, d. h. in der Eröffnung eines Möglichkeitsgrundes allen
Daseins, der nicht von dieser Welt, sondern transzendent ist. In der
Religion ist der Mensch auf sein Verhältnis zum Heiligen oder Göttlichen
angesprochen. Die Eigenständigkeit der Religion wird vor allem darin
deutlich, dass sie dem Menschen auch dort noch Heil zuzusprechen vermag, wo
er in seinem sittlichen Handeln an unüberwindbare Grenzen stösst, nämlich an
die Grenzen von Schuld, Leid, Endlichkeit und Tod. Religion ist weder eine
Weisheitslehre noch ein Therapie- oder Befreiungsprogramm und vermittelt von
ihrem Anspruch her dennoch Einsicht, Heil und Hoffnung auf eine letzte
Bestimmung des Menschen hin, die er sich nicht selbst zu geben vermag,
sondern die ihm nur geschenkt werden kann. Religion beinhaltet somit immer
auch ein bestimmtes Menschen- und Weltverständnis. Da religiöse Aussagen
über den Menschen notwendig das Wesen des Menschen betreffen, können sie
nicht beziehungslos zu ethischen Aussagen stehen. Denn die Sittlichkeit des
Menschen, welche in der Ethik reflektiert wird, ist keine Teileigenschaft
neben anderen, sondern die daseinsmässige Verfasstheit des Menschen als
eines Wesens, das in seiner Handlungsfreiheit sich unbedingt beansprucht
weiss. Für eine theologische Ethik bzw. in religiöser Perspektive liegt der
letzte Grund dieser Beanspruchung, die er in seinem Gewissen erfährt und das
innere Richtmass seiner Identität darstellt, in Gott. In der Deutung der
theonomen Beanspruchung und in ihrer Umsetzung in eine sittliche Ordnung
bestehen freilich zwischen den Religionen beträchtliche Differenzen. Dennoch
scheint es in allen Religionen möglich, sittliches Verhalten als solches zu
qualifizieren und von unsittlichem zu unterscheiden, auch dann, wenn nicht
in jedem Fall ein religiös begründetes Gebot in Anspruch genommen werden
kann, wie auch sonst die Religion angesichts ständig neuer Situationen und
Herausforderungen keinesfalls immer schon eine feste Antwort auf alle
konkreten Probleme des sittlichen Lebens bereithält. In diesen Fällen ist
die praktische Vernunft, sei es durch Gesetzesinterpretation, sei es durch
Gesetzgebung, gefordert, nach Klugheitserwägungen Regeln zu entwickeln und
einsichtig zu machen. In dem Masse, wie die praktische Vernunft hierbei sich
auf ein bestimmtes Menschenbild und ein gelebtes Ethos mit spezifischen
Wertvorstellungen bezieht, wirkt auch die Religion auf die Ethik ein. Die
Religion kann hierbei eine praktisch konsequente Denkungsart zwar fördern
und kultivieren, sie kann sie jedoch nicht ersetzen.
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