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Ethik im Hinduismus

Es gibt im modernen und traditionellen Hinduismus kein geschlossenes System der Ethik. Am ehesten lässt sich der Begriff „Ethik" mit „Dharma” wiedergeben, dessen Inhalt Thema der klassischen Lehre vom rechten Verhalten (Dharmasastra) war. Diese Lehre war nicht philosophisch begründet, sondern beruhte auf der Annahme des heiligen, unvergänglichen, einst umfassenden und für immer vertrauenswürdigen Veda als formaler Quelle der Autorität. Dharma war so ein Begriff, der Religion und Ethik beinhaltete. Auch heute noch ist die Ansicht weit verbreitet, dass „Moral - wenn sie wirksam sein soll - auf überweltlichen Sanktionen gründen muss" (K. V. Rangaswami Aiyangar, ein berühmter Jurist und Professor). Die Erfüllung der objektiven Pflichten des einzelnen (svadharma) im idealtypischen Dharmasastra-System der 4 varnas („Stände") und asramas (Lebensstadien) war nach Geschlecht, Alter, Kaste und der Stellung im Alltag bestimmt. Dahinter stand die Auffassung eines vom Ritual bestimmten Weltbildes, das in sozialen Kategorien ausgedrückt wurde. Jeder einzelne konnte sein nach der „Karma-Lehre vorgeprägtes Leben innerhalb dieses Systems erfüllen und zugleich an dem „Opfer" zum Erhalt der Welt teilnehmen. Philosophisch wurde ethisches Handeln auch durch die Vorstellung der Einheit der Einzelseele (Atman) mit der Allseele (Brahman) bestimmt, was ein schädigendes Verhalten gegenüber anderen Seelen (von Mensch oder Tier) ausschliessen soll. Der wahre Yogi schaut und verehrt in allen Wesen Gott. In der jüngeren Zeit wurde diese tat tvam asi -„Das bist du" - Ethik, vor allem von hinduistischen Erneuerern wie Vivekananda vertreten. Aus der Sphäre des nach Einheit mit brahman strebenden, der sozialen Welt der Kaste entsagenden Asketen stammt auch die Lehre von den allgemeingültigen Dharmas (sadharana dharmas), d.h. Gebote wie Gewaltlosigkeit, das Vermeiden von Diebstahl, Selbstbeherrschung, Freigebigkeit und vieles andere, die das strenge Leben nach den objektiven Pflichten (svadharma) der Kaste, wenn nötig, erträglich machten bzw. dem einzelnen erlaubten, in der sozialen Welt der Kaste seine persönliche Erlösung anzustreben. Die theistischen (monistischen und dualistischen) Strömungen der Bhakti (Hingabe an Gott) förderten den Glauben an einen Gott, der das Karma des einzelnen bestimmen kann und den wahren Gläubigen sucht, ungeachtet von dessen Geburt und Rang. Gott forderte ethisches Verhalten, und dies führte zur Gleichheit aller Menschen vor Gott. Die Forderung nach Orthopraxis der svadharmas nach den Dharmatastras wird so relativiert. Der Bhaktidichter und -HI. Tukaram (1598-1649) postulierte z. B., der Dharma, der nicht zu Gott führt, solle nicht ausgeführt werden. Ethisches Verhalten wird heute vor allem durch die immer noch weitverbreitete und tiefverwurzelte Kenntnis mythologischer Vorbilder (etwa im Ramayana) und durch das Beispiel berühmter Heiliger und Lehrmeister (z. B. Tukaram, Kate, Ramana Mahargi, Gandhi) gelehrt sowie durch bekannte Texte, denen heute immer mehr der Status einer verbindlichen „Heiligen Schrift" zugewiesen wird (z. B. der Bhagavad-Gita).
 


 

 

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