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In afrik. Religionen sind
besonders drei Gesichtspunkte zu berücksichtigen:
1. Grundlagen negro-afrikanischer Ethik
Die negro-afrikanische Einstellung zur Ethik lässt sich erst vom
Lebenskonzept her begreifen. Das Leben ist das höchste, unbedingt zu
respektierende Gut. Dabei geht es um eine Teilhabe, die sich hierarchisch
vollzieht. Das Leben ist sakral: Es wurzelt in Gott als erster Quelle und
erreicht den einzelnen über den Urahn, die verstorbenen Verwandten bzw.
Sippenmitglieder sowie die Gemeinschaft der Irdisch-Lebenden. Wohlbemerkt:
es geht nicht um die biologische Zeugung, sondern das Leben wird im
integralen Sinn verstanden. Wichtig für das sittliche Handeln ist, dass die
von Gott durch den Urahn gestiftete Gemeinschaft aus der Wechselbeziehung
aller Glieder lebt. Das bedeutet konkret, dass das Verhalten eines jeden
Mitgliedes die anderen positiv oder negativ beeinflussen und so die
Vitalität der gesamten Gemeinschaft fördern oder vermindern kann. Danach
müssen das moralisch Gute und Schlechte beurteilt werden, und dieses
Kriterium gilt auch gegenüber jedem Fremden, da dieser sein Leben und seine
Lebenskraft, ebenso von Gott empfangen hat, die deshalb zu respektieren und
zu fördern sind Die Sippen-Ethik schliesst aber die Ahnengemeinschaft ein,
ohne die sie nicht existieren kann. Durch den Ahnenkult stärken die
Hinterbliebenen das Leben ihrer verstorbenen Familien- bzw.
Sippenangehörigen. Umgekehrt beeinflussen die Verstorbenen das Leben der
irdischen Gemeinschaft im Guten und Bösen. Streben die Hinterbliebenen nach
Lebenswachstum, so müssen sie die Gemeinschaft mit den Ahnen durch das
Einhalten der von diesen festgelegten Gesetze und Satzungen verstärken.
Aufgrund ihrer Erfahrungen haben die Ahnen nämlich Gebote und Verbote
erlassen, je nachdem, ob es sich um Lebenswachstum oder -verminderung
handelt. Wer sich nicht daran hält, sündigt, weil er das Leben - das eigene
und jenes der Sippengemeinschaft - zugrunde richtet.
Diese Ethik ist zwar anthropozentrisch, schliesst Gott jedoch nicht aus, der
immer im Hintergrund steht. Wenn er nämlich am Anfang jedes Lebens steht,
dann ist jede Tat, die zur Entfaltung dieses Lebens beiträgt, eine
Anerkennung seiner Souveränität, während jede Verfehlung gegen den Menschen
sich zugleich gegen ihn richtet und darum sündhaft wird. Wie aber muss die
Verantwortung des einzelnen beurteilt werden, wenn dieser immer in
Abhängigkeit der Sippengemeinschaft und im Blick auf die Solidarität zu
handeln hat?
2. Die sittliche Verantwortung des einzelnen
Die bisher geschilderte ethische Konzeption scheint das Individuum auf das
Kollektive bzw. die Gruppe zu reduzieren, den einzelnen von der Gemeinschaft
absorbieren und ihn seiner Freiheit berauben zu wollen. Näher betrachtet,
wird die Individualität der Person innerhalb der negro-afrikanischen
Gemeinschaft aber nicht vernichtet. Ein Beispiel ist die Namengebung bei
vielen Stämmen. Dort sind die Namen ganz individuell aufzufassen: Sie sind
kein Etikett, sondern drücken das Wesen eines jeden aus. So gehen sie bei
vielen Stämmen nicht vom Vater zum Sohn über. Sie stellen etwas
Unvertauschbares dar und charakterisieren das Individuum in seiner
ontologischen Wirklichkeit. Diese Tatsache hat Konsequenzen für ethisches
Handeln. Der einzelne handelt zwar solidarisch mit den anderen Gliedern; er
muss aber zugleich er selbst bleiben und persönliche Entscheidungen treffen.
Sich nach den Satzungen, Worten, Gesten der Väter richten heisst immer das
Leben oder den Tod wählen. Der einzelne muss sich immer überlegen, was ihm
und der Gesellschaft dienlich ist, was ihn der „eschatologischen"
Gemeinschaft mit den Ahnen teilhaftig machen kann und was nicht.
Öffnet die Gemeinschaftsidee aber nicht einer bloss juristischen
Verantwortung Tür und Tor, die das sittliche Gewissen nicht berührt? Oft
wurde behauptet, dass ein Negro-Afrikaner, der z. B. einen Diebstahl begeht
oder zugunsten der Sippengemeinschaft lügt, einfach ein schlauer Kopf sei,
solange ihn niemand auf frischer Tat ertappt. Diese Behauptung ist
unhaltbar, wenn man bedenkt, dass Gutes und Böses aus negro-afrikanischer
Sicht aus dem Inneren des Menschen hervorgehen. So hat schon das öffentliche
Gericht in Afrika sich auch um Motivationen und Intentionen des einzelnen
gekümmert. Nicht nur der Mord wurde verurteilt, sondern schon das
„Töten-Wollen". Der entscheidende Beweis für das sittliche Gewissen ist,
dass der Negro-Afrikaner das Herz als Sitz der moralischen Handlungen
betrachtet. Liebe, Güte, Mut, Selbstbeherrschung, Weisheit sowie alle Laster
gehen aus dem Herzen hervor.
3. Strafe und Belohnung in negro-afrikanischer Ethik
Grundsätzlich finden Belohnung und Strafe im Diesseits statt. Gesundheit,
Fruchtbarkeit, gute Ernte, gesunde Herde, langes Leben und alles, was zum
Wohlbefinden erforderlich ist, gilt als Belohnung für ein tadelloses
sittliches Handeln. Wer aber gegen die Gesetze und Weisungen Gottes oder der
Ahnen verstösst, muss mit Verminderung statt Wachstum der Lebenskraft
rechnen: Krankheit, Tod, Unfruchtbarkeit. Die Strafen werden meistens von
den Ahnen verhängt, aber auch direkt von Gott. Sie können durch öffentliche
oder private Sühne getilgt und vergeben werden.
Es gibt aber auch eine Art Belohnung und Strafe im Jenseits: Wer nach den
ethischen Grundsätzen gelebt hat, wird zum guten Ahn und überlebt glücklich
in den Nachfahren; im umgekehrten Fall wird man nur gefürchtet und von der
eigentlichen Ahnenehrung ausgeschlossen.
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