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Als die beiden stärksten
Lebensmächte der Welt gelten „das Religiöse und das Geschlechtliche". Beide
müssen in ihrer Zusammenschau gesehen werden, will man das anthropologische
Grundphänomen adäquat erfassen. Geht es doch dabei weder um eine „Theologie
der Geschlechtlichkeit" noch um eine „Sexuallehre der Religion"; beide
sollten vielmehr zusammen gesehen werden, damit die Religion wieder neue
„vitale Kraft" erhält und der Eros seine „sakrale Würde" behält. Gott bewegt
nach Vorstellung der alten Hochreligionen aus Liebesneigung die Welt. Der
Akt wird als harmonische Einheit gesehen, so wie Schöpfer und Schöpfung im
Urbeginn eins waren. Das geschlechtliche Leben diente dazu, „das Heil in der
Wellt zu mehren und Unheil von den Menschen abzuwehren".
Rituale archaischer Hochkulturen erwecken den Eindruck, im Sexualakt die
Bedingtheiten des Menschen aufzuheben und Kontakte mit dem Übersinnlichen zu
gestatten. Lieben bedeutet letzten Endes, den Schwerpunkt des Lebens aus dem
eigenen Ich in ein anderes Ich, mein Gegenüber, zu verlagern. In den
archaischen Hochkulturen hat demgemäss Geschlechtlichkeit sowohl als
Fortpflanzung als auch im Miteinander eine religiöse Signatur. Das
Verhältnis der Geschlechter erscheint als ein göttliches Phänomen, das
später erst aus dem numinosen Bereich hinübergeht in lyrische Ekstase oder
in Formen romantisierender Sympathie.
Nur angedeutet werden können aus den Ergebnissen der modernen
Religionswissenschaft: die kultische Rolle der Sexualität in den alten
Hochkulturen, die Bedeutung des Sexus in den Eleusinischen Mysterien oder in
der Kabbalah, die Riten einer kollektiven Sexualmagie, die zu erotischen und
mystischen Ekstasen führen, die Rolle der Tempeldiener und der sakralen
Prostitution, die sexuellen Techniken im Tantrismus wie die sexuellen
Praktiken im Taoismus, die Bedeutung einer „Magia sexualis" im Opus Magnum
des Hermetismus u. a. m. Im Alten Testament gilt der Bund zwischen Gott und
der Kreatur als „der innere Grund" der Schöpfung, wobei die Schöpfung als
„der äussere Grund" des Bundes erscheint (Barth). Das Verhältnis zwischen
Mann und Frau wird dabei zur Epiphanie dieses Bundes. Nach der Genesis ist
der Mann isch; 'ischschah bedeutet Weib; beide zusammen bilden adam, den
Menschen. Um das Geschlecht kreisen durchgängig elementare existentielle
Bezüge wie „Wissen um Gut und Böse" und da die Erkenntnis von Schuld.
Zahlreiche Tabus gegen die Gottheit stehen oft im Zusammenhang mit Tabus
gegen die Geschlechtlichkeit, wie auch Grundbegriff von „perversus" - gleich
„verkehrt" - nicht nur ein „perverso more" (gegen die Sitte), sondern auch
ein „perverso numine" (gegen den Willen der Götter) meint. Die grossen
Religionen spielen denn auch heute noch eine entscheidende Rolle in unserer
Einstellung zur Sexualität. „Die Religion wird uns sicher keine fertigen
Lösungen aller moralischen Probleme mehr bieten können, aber sie kann uns
allgemeine Richtlinien vermitteln" (Haeberle).
Nach moderner theologischer Auffassung wird die Sexualität als essentielle
Befindlichkeit und nicht nur als funktionale Komponente erlebt. Die in der
Sexualgemeinschaft gegebene Möglichkeit der Fortpflanzung orientiert die Ehe
auf eine erweiterte Gemeinschaft zu; die intimste Zweisamkeit wird zum
Zeichen der Öffentlichkeit. Geschlechtlichkeit ist sowohl Teil der
Schöpfungsordnung als auch Heilszeichen der Erlösungserwartung. In
theologischer Sicht kann es nicht allein der Sachverhalt der Bedürftigkeit
sein, der die Geschlechter zur Ergänzung anhält; es ist eher der zusätzliche
Reichtum, welcher der Geschöpflichkeit des Menschen geschenkt wird. Das
historisch dokumentierte Ineinsgehen von Geschlechtlichkeit und Religion
hätte hier seinen Ursprung. Dem Wesen der Geschlechtlichkeit kommt man
theologisch nur näher, wenn man Mann und Frau - nach Ursprung und Ziel - als
ein Geheimnis Gottes erfasst, als ein „opus dei", das sich verwirklicht im
„opus alterum per alte-rum". Hier begegnet dem „Du" immer ein „Ich", beide
in einem unvertretbar persönlichen Zusammenhang, das sich in Frau wie Mann
als „Selbsterfahrung" ereignet (Schulte). Sexualität erscheint als Medium
der Selbsthingabe wie der Fortpflanzung, der Selbstfindung und zugleich
Selbstüberschreitung; sie wird erfahren in einer Leidenschaft, die „aktiv"
und „passiv" zugleich ist; sie äussert sich als Medium einer doppelten
Transzendenz: zum anderen Geschlecht hin und auf die nächste Generation zu.
Über das Biologische und Anthropologische hinaus wird hier das Geschlecht
ins Metaphysische erhoben: dass eins in das andere eingebunden ist und somit
erst aus dem anderen zu verstehen sei. Vollkommenheit erreicht der Mensch
nur in der Wechselbeziehung zwischen Mann und Frau.
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