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Was das Erinnern und
Gedenken allg. eine Bedingung der individuellen und der gemeinschaftlichen
Identitätsfindung ist, ist die religiöse Anamnese eine Bedingung für die
Identitätsfindung des religiösen Individuums und der religiösen Gemeinde.
Und wie ganz allg. Individuen und Gruppen sich ihrer eigenen Identität
dadurch bewusst werden können, dass sie fremde Personen oder Sachen
wiedererkennen, mit Namen rufen und diese Namen-Akklamation zu Erzählsätzen
entfalten, so spielt die Acclamatio nominis und deren Entfaltung in Sätzen
rühmenden Erzählens eine wichtige Rolle für die Entdeckung der Kontinuität
der Lebensgeschichte religiöser Individuen und Gruppen.
Diese besondere Bedeutung der religiösen Anamnese für die Identitätsfindung
des religiösen Individuums und der religiösen Gemeinde beruht, nach dem
Selbstverständnis der Religion, darauf, dass „Erinnerung" nicht
ausschliesslich als ein Akt des religiösen Bewusstseins gilt. Sie ist vor
allem ein Akt der Treue Gottes selbst. Diese Treue Gottes hat zur Folge,
dass die gegenwärtige religiöse Erfahrung göttlicher Präsenz nicht erst
sekundär, durch einen Vorgang im Bewusstsein des religiösen Menschen, mit
der erinnerten Vergangenheit göttlicher Taten vermittelt zu werden braucht;
vielmehr gewinnen in jeder Präsenz Gottes auch alle seine vergangenen Taten
eine augenblickshaft aufleuchtende Realpräsenz. Religiöse Anamnese ist erst
sekundär menschlicher Akt des Erinnerns ; sie ist primär die durch Gottes
Treue gestiftete Gegenwart seiner eigenen vergangenen Grosstaten.
Und die religiöse Pflicht, diese Grosstaten „nicht zu vergessen", ist in der
religiösen Zusage begründet, dass Gott selbst keines seiner Geschöpfe
vergisst.
Gottes Treue stiftet so verstanden eine Realpräsenz seiner vergangenen
Grosstaten in jeder Gegenwart, in der er Menschen begegnet. Auf dieser
Realpräsenz beruht auch die kultische Anamnese und die mit ihr verbundene
kultische „Vergegenwärtigung" dessen, was im Gottesdienst anamnetisch zur
Sprache gebracht wird. Dieser Realpräsenz der erinnerten Vergangenheit in
der erfahrenen Gegenwart Gottes entspricht die bevorzugte sprachliche Form
der Anrufung göttlicher Namen: der „hymnische Partizipialstil", in welchem
der Gottheit ihre vergangenen Taten in der Form des Partizips, also
zustandhaft-präsentisch, zugesprochen werden, so dass die Erfahrung an
vergangene Heilstaten Gottes sich mit der Hoffnung auf deren je gegenwärtige
Erneuerung verbindet. Römische Orationen lösen dabei die partizipiale
Namensanrufung in erzählende Relativsätze auf, deren Inhalte in den
zukunftsgewandten Deprekationen wiederkehren: „Gott, du hast die Herzen der
Gläubigen durch die Erleuchtung des HI. Geistes belehrt, gib, dass wir in
demselben Geiste erkennen, was recht ist, und, von ihm getröstet, allzeit in
der Fröhlichkeit verbleiben." Akklamationen dieser Art stellen die rel.
Anamnese in den Zusammenhang mit erfahrener Gegenwart und erhoffter Zukunft
hinein und benennen dadurch zugleich den Grund, den der so Betende „bestehen
lässt", um so selbst „Bestand zu gewinnen". Was über die allg. Bedeutung der
Erfahrung für die Identitätsfindung des Individuums und der Gruppe gesagt
werden konnte, findet in dieser Form der religiösen Anamnese, dem
,.Bestandfinden" durch anamnetisches „Bestandgewähren", seine intensivste
Verwirklichungsform.
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