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Für die Akte des
Sich-Erinnerns sind zwei Momente charakteristisch: Etwas Vergangenes wird
ausdrücklich als solches, von aller Gegenwart Verschiedenes, in einem
gegenwärtigen Akte intendiert („Ich erinnere mich heute, dass dies damals
geschah"); zugleich aber wird es als Inhalt des eigenen, wenn auch
vergangenen Erlebens dessen identifiziert, der die gegenwärtige Intention
vollzieht und sich deshalb das Vergangene als seine Vergangenheit, z. B. als
Inhalt seiner eigenen Wahrnehmung, zurechnet („Ich erinnere mich heute, dies
damals gesehen zu haben"). Durch diese doppelte Intention - auf Vergangenes
als solches und auf ein Erlebnis, das der Intendierende sich als das Seine
zurechnet - gewinnt der Erinnernde zugleich ein Bewusstsein von der
Identität seiner selbst im Wechsel seiner Erlebnisse. Auf solche Weise
gewinnt die Erinnerung eine unersetzliche Funktion für das
Identitätsbewusstsein von Personen. Erinnerungs-Verlust bedeutet
demgegenüber stets Identitätsverlust.
Die Art, wie der Erinnernde sich vergangene Ereignisse als Teile seiner
Vergangenheit zurechnet (nicht nur sagt: „Ich erinnere ein Ereignis",
sondern: „Ich erinnere mich an das Ereignis" und noch präziser: „Ich
erinnere mich, dass ich das Ereignis damals erlebt habe"), und die Art, wie
er die Gegenwart als die seine aneignet (die Fülle der Umstände -
circumstantia - zur Einheit einer Lebenslage - situatio - zusammenfügt),
bedingen sich gegenseitig. Wir „organisieren" (gliedern und gestalten)
unsere Gegenwart durch Blick auf eine Vergangenheit, die wir uns als die
unsere zuschreiben; und wir „organisieren" zugleich die Vergangenheit, indem
wir unsere Gegenwart derjenigen Person, deren Vergangenheit wir beschreiben,
als ihre Zukunft zurechnen. Wir erzählen z. B. unsere Kindheit als die
unsere, indem wir dem Kind, von dem wir sprechen, unsere Gegenwart als
Erwachsene als seine Zukunft zuschreiben. Diese doppelte „Organisation" der
Gegenwart und der Vergangenheit durch das Erinnern ist die logische Funktion
von „Erzählsätzen".
Das Gesagte gilt, mit gewissen Abwandlungen, nicht nur für Individuen,
sondern auch für Gruppen. Obgleich die Angehörigen späterer Generationen
sich an die Ereignisse im Leben ihrer Vorfahren nicht als an ihre eigenen
vergangenen Erlebnisse erinnern können, können sie ihrer doch gedenken. Und
auch dadurch rechnen sie die Ereignisse, die sie als Vergangene intendieren,
sich selbst als ihre gemeinschaftliche Vergangenheit zu, ebenso wie sie ihre
Gegenwart den Vorfahren, deren sie gedenken, als deren gemeinschaftliche
Zukunft zurechnen. (Schon wer von „unseren Vätern" spricht, hat diese
Vergangenheit dadurch gedeutet, dass er die gegenwärtig lebenden „Söhne" als
diejenige Zukunft versteht, im Hinblick auf welche die Väter erst „Väter"
genannt werden können.)
Aber nicht immer gelingt es, erinnerte Vergangenheit im Hinblick auf die
Gegenwart, erfahrene Gegenwart im Rückblick auf erinnerte Vergangenheit so
zu „organisieren", dass dadurch Identitätsfindung bzw. Identitätsbewährung
des Individuums oder der Gruppe gewonnen wird. Eine wichtige Hilfe dazu (in
vielen Fällen sogar die unerlässliche Bedingung) besteht darin, dass der,
der sich gegenwärtig an ein vergangenes Ereignis erinnert (bzw. seiner
gedenkt), einer Person oder Sache wiederbegegnet, die er als diejenige
identifizieren kann, an die er sich erinnert. Die damals gesehene Person
oder Sache steht „heute" nicht nur vor dem geistigen Auge des Erinnernden,
sondern steht leibhaftig vor ihm. Der sprachliche Ausdruck für diese
Identifikation des gegenwärtig Begegnenden mit dem als vergangen Erinnerten
ist die Nennung des Namens. Eine Person oder Sache beim Namen rufen heisst:
sie wiedererkennen und so als gegenwärtig begegnende mit der als vergangen
erinnerten Person oder Sache identifizieren.
Der Wiedererkennende schreibt dann die erinnerte Vergangenheit nicht nur
sich selbst als seine Vergangenheit zu, sondern auch dem Wiedererkannten als
die ihm zugehörige. Er sagt beispielsweise nicht nur: „Ich erinnere mich",
sondern fragt den Wiedererkannten: „Erinnerst nicht auch du dich?" Und er
deutet die erfahrene Gegenwart nicht nur als Zukunft dessen, der er selbst
in der Vergangenheit gewesen ist (z. B. seine gegenwärtige Lebensphase als
das Erwachsenenalter desjenigen Kindes, das er einmal war); er deutet sie
auch als die Zukunft dessen, der der Wiedererkannte in der Vergangenheit
gewesen ist („Du hättest dir damals nicht träumen lassen, dass du mich in
meinem Alter wiedersehen würdest" - eine rückschauende Aussage über die
damals noch unbekannte Zukunft des damals noch jungen Menschen). Auch diese
Art, Vergangenheit und Gegenwart zu „organisieren", entfaltet sich in
Erzählsätzen, aber nun in solchen, die die gemeinsam erinnerte Vergangenheit
mit einer gemeinsam erfahrenen Gegenwart verknüpfen, zumeist auf zwei
verschiedenen Wegen, die die beiden Partner zwischen „damals" und „heute"
durchlaufen haben („Wo bist du nur all diese Zeit hindurch gewesen?"). Dabei
gibt es Fälle, in welchen erst die Identität des Wiedererkannten und beim
Namen Gerufenen den Bezugspunkt schafft, von dem her es auch dem
Wiedererkennenden möglich wird, sich seine erinnerte Vergangenheit als die
seine anzueignen („indem ich dir begegne, ist mir meine Jugend nicht ganz
verloren"). Die Anrufung des Namens, durch die der gegenwärtig Begegnende
mit dem Erinnerten identifiziert wird, stiftet dann auch für den
Wiedererkennenden erst die Kontinuität zwischen seiner eigenen Vergangenheit
und seiner Gegenwart („dir kann ich meine ganze Lebensgeschichte erzählen;
und dabei wird sie auch mir selbst erst begreiflich").
Diese Weise, am vertraut gebliebenen Anderen die eigene, fremdgewordene
Lebensgeschichte wieder als die eigene zu entdecken, hat im religiösen
Kontext besondere Bedeutung gewonnen: Religiöse Anamnese stellt dem
Individuum wie der Gruppe in der Anrufung des göttlichen Namens und also im
Wiedererkennen des „alten" Gottes in einer „neuen" Stunde erst den Grund
bereit, auf dem sie auch ihre eigene Identität im Wandel der Zeiten
wiederfinden können („Himmel und Erde vergehen wie ein Gewand. Du ab
bleibst, und deine Jahre altern nicht").
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