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Erbsünde |
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Die Lehre von der
Erbsünde steht nicht in sich selbst, sondern ist als integral konstitutives
Element des christlichen Erlösungsevangeliums zu verstehen. Bereits Paulus hat
aus dem Bekenntnis „Christus ist für unsere Sünden gestorben" konsequent die
universale Erlösungsbedürftigkeit erfasst: „Alle haben gesündigt und die
Herrlichkeit Gottes verloren" (Röm 3,23). Für Paulus bedeutete diese
universale Unheilsbetroffenheit nicht nur die Feststellung, dass faktisch
alle irgendwann sündigen, sondern dass die Sünde in der Geschichte der
Menschheit eine solche Macht ausübt, dass die Menschen grundsätzlich nicht
in der Lage sind, positiv für sich allein einen wirklichen Weg zum Heil zu
finden. Weil alle untereinander ein „Unheilskollektiv sind, verdankt jeder
den Zugang zu Gott ganz allein Christus. Mit der alttestamentlichen
Überlieferung von der Behaftung der menschlichen Geschichte mit der Sünde
von Anfang an (Gen 3-4) sieht er die Menschheit in dieser universalen
Betroffenheit in „Adam", dem Menschen von Anfang an, repräsentiert. Christus
als Anfang der erlösten Menschheit steht zwar Adam gegenüber, doch lässt
sich das, was er „für uns" getan hat, auch wieder nicht vergleichen mit der
negativen Wirkung der Sünde. Erlösung ist zwar wirkliche Überwindung der
Sünde von innen her, aber auf eine unendlich überlegene Art, weil sie Liebe
ist (Röm 5-8). Das lässt den heute zu ziehenden Schluss offen: Erlösung
knüpft eine „persönliche" Beziehung zu Christus, Sünde nicht in dieser Weise
zu einem „Adam". Sie bleibt eine anonymere Macht. Dogmengeschichtlich hatte
Augustin die schwierige Aufgabe, die neutestamentlich-paulinische Grundlage
in die Auseinandersetzung mit Pelagius einzubringen. Die augustinische
Prägung wurde in vieler Hinsicht (nicht in allen Details!) verbindliche
Richtschnur für die Lehre der lat. Kirche. Der dt. Name „Erbsünde" hat bei
Augustinus eine Grundlage, doch gebraucht dieser sehr viel häufiger den
Begriff „Ursünde" (pecatum originale) - allerdings in der Doppelbedeutung
von geschichtlicher „erster" Sünde und von Anfang her auf der Menschheit
haftender Sünde. Leider hat sich im Deutschen die biologische Deutung von
Erbsünde in den Vordergrund geschoben, was nicht sein müsste (auch und
gerade „Geschichte" ererbt man!). Richtig ist, dass jeder Mensch aufgrund
seiner Zugehörigkeit zum Menschengeschlecht - insofern durch Geburt - zum
Unheilskollektiv gehört. Pelagius gegenüber arbeitete Augustinus aus
biblischer Tradition zu Recht den Aspekt der Menschheit im ganzen als
Unheilskollektiv in ihrer gesamten Geschichte heraus, die es dem einzelnen
unmöglich macht, aus seiner „eigenen“ Freiheit heraus den Weg zum Heil zu
gehen. Pelagius, noch stärker seine Schüler, übersehen in ihrem Appell an
die Freiheit des einzelnen die reale Betroffenheit jedes einzelnen durch die
Sündengeschichte, die tiefer reicht, als dass schlechtes Beispiel gegeben
wird. Bei aller Einsicht in die Betroffenheit der Menschheit als ganzer
arbeitet Augustinus aber auch in aller Schärfe - gegen Manichäer und
ähnliche Richtungen - heraus, dass die Sünde ganz grundsätzlich durch den
Missbrauch der geschöpflichen menschlichen Freiheit in die Welt kam. Er
spricht - auch hier - mit der Bibel Gott frei, um den Menschen anzuklagen.
Weniger glücklich war Augustinus im Versuch, aus der rechtmässigen
Verurteilung der Menschheit eine Erwählungs- bzw. Prädestinationslehre
abzuleiten, die der Universalität der Erlösung nicht mehr gerecht wurde.
Auch wurde - mit viel Müh - sein Versuch überwunden, die Übertragung der
Erbsünde in Zusammenhang mit geschlechtlicher Konkupiszenz zu sehen. Der
gegenläufige entscheidende Durchbruch gelang Anselm v. Canterburry (gest.
1109), der, in den Bahnen augustinischer Theologie denkend, in der Erbsünde
dennoch nicht eine sozusagen dinglich mitgegebene Befleckung, sondern das
Fehlen der Schöpfungs„rechtheit" sah, die Gott dem Menschen mitgegeben
hatte, die aber durch die Perversion der Menschengeschichte in
Sündengeschichte verloren war. Dieser für den Menschen entscheidende Verlust
an „rechter" Gottesbeziehung wirkte pervertierend auf das ganze Leben der
Menschen und brachte die Unbeherrschbarkeit böser Neigung (Konkupiszenz im
weiten Sinn) aus sich hervor. |
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