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Entwicklung / Evolution

(von lat. evolvere = auswickeln, entwickeln)
Besagt zunächst eine allgemeine Eigenschaft des geschöpflich Seienden: es ist im Werden. So spricht man von der Evolution des Weltalls, der chemischen Evolution, biologischen, menschlichen, wirtschaftlich usw. Wegen der Unterschiede sollte man besser von Kosmogenese, Biogenes Phylogenese, Anthropogenese usw. reden. Hier soll nur über die biologische Evolution (Phylogenese und Anthropogenese) Grundsätzliches gesagt werden. Da auch die biologische Evolution ein Prozess in der Zeit ist, kann man in Analogie zu einem historischen Geschehen vier Fragen stellen:

a) Hat biologische Evolution tatsächlich stattgefunden?
b) Welche Ursachen brachten dieses Geschehen zustande?
c) In welche Einzelereignisse muss das Gesamtgeschehen untergliedert werden?
d) Was ist das Ergebnis bzw. Ziel des Geschehens?

Diese Fragen sollen naturwissenschaftlich, philosophisch und theologisch beantwort werden.


1. Naturwissenschaftliche Aussagen
Unter Evolution versteht man in der Biologie den Zeugungszusammenhang aller Lebewesen, so dass die komplexeren Formen aus den einfachen hervorgegangen sind, im Idealfall aus einer einzigen lebenden Zelle oder zumindest aus wenigen ähnlich gestalteten Zellen.

a) Frage nach der Tatsächlichkeit.
Überall, wo man tatsächlich einen Abstammungszusammenhang unter den heute lebenden Organismen direkt beobachten kann, gibt es zwischen den Generationen nicht genaue Abbilder, sondern abgestufte Ähnlichkeit. Also vermuten wir, da wir keinen Grund haben, an der Gültigkeit derselben Naturgesetze auch für die ausgestorbenen Lebewesen zu zweifeln, dass bei ähnlichen Fossilien auch ein Abstammungszusammenhang besteht, auch wenn wir den Zeugungszusammenhang nicht direkt beobachten können. Stufenweise Ähnlichkeit findet sich bei Fossilien, die sich in verschiedenen Zeiten der Erdgeschichte in abgestufter Ähnlichkeit ordnen lassen, wie die Systematik in Biologie und Zoologie zeigt, und zwar über Angrenzen hinaus. Auch im Bereich des Verhaltens (Ethologie) lässt sich abgestufte Ähnlichkeit beobachten (Scheinputzbewegungen im Paarungsvorspiel verschiedener Entenarten). Des gleiche gilt vom Bauplan z. B. der Wirbeltiere und der biochemischen Zusammensetzung von Biopolymeren bei allen Organismen: derselbe genetische Code, die gleichen 20 Aminosäuren, Cytochrom C in derselben Grundstruktur von der Bäckerhefe bis zum Menschen. Die plausibelste Erklärung für die direkt wahrnehmbare abgestufte Ähnlichkeit ist ein zugrundeliegender Abstammungszusammenhang (indirekter Beweis für die Tatsächlichkeit von Evolution seit Beginn des organischen Lebens vor ca. 3,8 Mrd. Jahren).

b) Ursachen der Evolution
Vorausgesetzt, es lässt sich klären, ob eine homologe (auf Abstammung hinweisende) Ähnlichkeit besteht, und nicht nur analoge oder konvergente Bildungen vorliegen, so ist neben dem wissenschaftlich nicht bewiesenen Lamarckismus (Vererbung erworbener Eigenschaften) die synthetische Theorie oder der Neodarwinismus die Haupterklärung der Ursachen: Mutation, Selektion, Neukombination der Gene, Gendrift, Isolation usw. Dabei treten die Abänderungen durchgehend allmählich auf (Gradualismus) oder zu bestimmten erdgeschichtlichen Zeiten gehäuft (Punktualismus). Experimentell bewiesen werden kann die synthetische Evolutions-Theorie nur durch Modellversuche, da der Prozess in der Vergangenheit stattgefunden hat (z. B. Lederbergscher Stempelversuch, Melanismus bei Schmetterlingen usw.). Allerdings ist es bisher nicht gelungen, experimentell nachzuweisen, dass dieselben Ursachen auch transspezifisch wirksam sind. H. Jonas spricht für den überartlichen Transformismus vom „methodologischen Postulat".

c) Die Frage nach dem Auftreten bzw. Aussterben einzelner Arten wird in der speziellen Evolutions-Theorie behandelt und muss hier übergangen werden.

d) Auf die Frage nach dem Endergebnis der Evolution als geplantem Ziel kann die Naturwissenschaft keine Antwort geben. Der Mensch als höchstentwickeltes Lebewesen ist bisher tatsächlich in der Evolution herausgekommen.

2. Philosophische Aussagen zu Evolution und Schöpfung
Bezüglich der Tatsächlichkeit und der Ursachenfrage der Evolution kann der Philosoph nur das Prinzip des zureichenden Grundes prüfend anwenden. Philosophisch fragt man nach dem Wesen der Dinge und ihrem Sein. Alle Lebewesen erweisen sich, da sie alle einen Anfang haben und als Individuen wie auch als Art sterben können, als kontingent. Kontingentes Seiendes aber bedarf als Letztursache eines nicht-kontingenten Seins, das notwendig existiert, absolut ist, nicht-materiell, überzeitlich mit Personalstruktur. Das lässt sich aufweisen durch die Unmöglichkeit eines regressus ad infinitum oder durch einen transzendentalphilosophischen Schluss in der Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit für Kontingentes überhaupt. Die Hervorbringung von Kontingentem durch das absolute, personale Sein nennt man Schöpfung. Da es sich bei der Entstehung der Lebewesen um einen Prozess in der Zeit handelt, muss man hier von der creatio continua, dem dauernden Hervorbringen oder Erhalten im Sein reden. Beide Betrachtungsweisen, die naturwissenschaftliche der Evolution und die philosophische der dauernden Schöpfung schliessen sich nicht aus, da sie verschiedene Dimensionen desselben Phänomens betreffen. Dies gilt auch für die Entstehung des Menschen mit seiner Geistigkeit. Entweder erklärt man die Entstehung des menschlichen Geistes durch die bei jedem Menschen erfolgende Einschaffung der Seele im Augenblick der Zeugung oder spätestens nach der Individuation (Trennung des befruchteten Eis bei eineiigen Zwillingen) - so etwa Thomas v. Aquin -, oder man stimmt K. Rahner zu: Die Eltern übersteigen bei der Zeugung das materielle Substrat des neuen Lebewesens auf das geistige Prinzip hin, „insofern sie den neuen Menschen entstehen lassen durch die ihre Selbstüberbietung ermöglichende Kraft Gottes, die ihrem Wirken innerlich ist, ohne zu den Konstitutiven ihres Wesens zu gehören". Philosophisch lässt sich zur dritten Frage nach der speziellen Evolutions-Theorie nichts sagen. Bezüglich der vierten Frage nach dem Ziel der Evolution kann man philosophisch insofern der ganze Prozess der Evolution notwendig etwas mit Schöpfung zu tun hat, nur sagen, dass der Schöpfer ein Ziel dabei hatte; man kann es philosophisch nur nicht konkret angeben (etwa der Mensch oder eine spätere Stufe der Entwicklung).

3. Theologische Aussagen zu Evolution und Schöpfung.
Ebenso wenig wie philosophisch kann man theologisch zu der Frage der Tatsächlichkeit, der naturwissenschaftlichen Ursachen und des speziellen Verlaufs der Evolution etwas aussagen. Da aber Evolution und Schöpfung sich nicht ausschliessen, sondern nur zwei Dimensionen desselben Geschehens sind, die Schöpfung sich also dauernd evoliert und die Lebewesen ständig im Sein erhalten werden (creatio continua), kann man auch nach den Aussagen der Bibel und der Kirche zur Entstehung der Lebewesen fragen. Im Alten Testament sagen die klassischen Stellen in Gen 1-2, dass alle Lebewesen letztlich von Gott hervorgebracht wurden. Das Wort „bar'a" wird stets mit dem Gott Israels als Subjekt verbunden und bedeutet ein Hervorbringen ohne vorliegenden Stoff. Die Welt ist auf den Menschen hin geschaffen als Gottes Dialogpartner, Bild und Stellvertreter in der Welt. Es besteht eine Analogie zwischen Schöpfung und Bund: Beide sind Bestandteil der Geschichte. Geschichte aber ist nichts Statisches, sondern in Entwicklung Befindliches. Nach G. v. Rad ist der Kosmos und alles, was darin ist, „viel weniger ein Sein als ein Geschehen". Schöpfung ist daher ausgerichtet auf eine Verheissung und Erfüllung in der Heilsgeschichte. Wegen der Parallelität zwischen Schöpfung und Erlösungsgeschichte ist Gottes schöpferisches Tun keineswegs nur etwas, das einmal in der Vergangenheit stattgefunden hat, sondern das in die Gegenwart hineindauert und in die Zukunft hineinreicht. Hier sind vom Alten Testament her die offenen Räume für „Schöpfung in Evolution". Im Neuen Testament steht das Heilsgeschehen und -handeln Gottes in Jesus Christus noch mehr im Vordergrund des Interesses. Doch ist Jesu gleichzeitig Gott und das Haupt der Schöpfung, auf den hin alles geschaffen ist (Kol 1,16). Damit ist klar ausgesagt. Der Gottmensch Jesus Christus ist das Ziel der Schöpfung und der Evolution, nicht einfach der Mensch, wie er bei der Evolution herausgekommen ist. Was Menschsein im eigentlichen bedeutet, ist an der Güte Wahrhaftigkeit, Liebe, Hingabefähigkeit und dem Starkmut Jesu Christi im Leiden abzulesen. Somit ist es das Ziel der Schöpfung, die sich in Evolution befindet, christusförmig zu werden. Eine solche Evolution ist selbstverständlich nicht mehr mit biologischen Ursachen zu vollziehen, sondern liegt im personalen Bereich der freien Entscheidung. Ohne das volle Ja zu Christus wird der Mensch nicht christusförmig. Nach dem Neuen Testament geht eine Bewegung von Gott auf uns zu: Er beschenkt uns mit der Kindschaft, wir werden teilhaft der göttlichen Natur in Glaube und Taufe. In der Geschöpflichkeit des Menschen leuchtet der verborgene göttliche Adel der Herkunft und des Zieles auf. Christus als Gottmensch ist der Punkt Omega auf den zu die ganze Schöpfung seufzt und in Wehen liegt (Röm 8,22). So kommt jegliches Werden in der Schöpfung zu seiner nur aus der Offenbarung ableitbaren, gnadenhaften Vollendung. - Die Aussagen des Lehramtes zu dem Problem Evolution / Schöpfung waren lange Zeit eher zögernd. Zuerst mussten die Bibelwissenschaften die literarischen Gattungen erarbeiten, um zur wahren Aussageabsicht vorzustossen. Durch die naturwissenschaftliche Evolutions-Lehre angeregt, mussten sich die Theologen genauer mit dem schöpferischen Tun Gottes in der Welt befassen. Das war erst möglich, als durch die Enzyklika Papst Pius XII. „Human' generis" (1950) der Weg zur Diskussion freigegeben war. K. Rahners Analyse des Werdebegriffs und seine Erklärung der Selbstüberbietung in jeglichem geschöpflichen Werden durch die ermöglichende Kraft Gottes haben eine intellektuell klare Lösung des Verhältnisses von Evolution und Schöpfung gebracht. Johannes Paul II. formulierte in der Generalaudienz vom 29. 1. 1986: „Diese Aussagen (der Bibel) widersprechen darum in keiner Weise der allgemeinen Welt-Evolution, wenn diese sich auf naturwissenschaftlich beweisbare Ergebnisse beschränkt." Denn es tragen „die Dinge an ihrer Wurzel das Zeichen der Abhängigkeit; alle sind sie im Kern auf Gott zugeordnet".
 


 

 

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