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Enthusiasmus

Der griechische Begriff enthousiasmos (Platon, Tim. 71e; Aristoteles, Polit. 8,5) bzw. enthousiasis (Platon, Phaedr. 249d/e) leitet sich her von entheos, kontrahiert zu enthous, „gottbegeistert, gotterfüllt", und bezeichnet eine den Menschen in seinem Normalzustand verändernde Erfahrung der Gotterfülltheit. Das gemeinte Phänomen betrifft die Erfahrung der Gottergriffenheit, ein „Erleiden" Gottes und berührt bzw. überschneidet sich mit den Erfahrungen, die als Ekstase, Besessenheit, Inspiration, im griechischen Herkunftszusammenhang auch als mania, göttlicher „Wahnsinn", angesprochen werden. Die mania wird in vierfacher Weise als prophetische, geleitet von Apollon, als rituelle unter der Leitung des Dionysos, als poetische unter der Inspiration der Musen und als erotische in der Verehrung der Aphrodite und des Eros beschrieben.
Klassische Beispiele des ekstatischen Enthusiasmus im antiken Griechenland sind die Pythia des Orakels von Delphi und der ekstatische Tanz im dionysischen Kult. Wichtig ist, dass im „Erleiden" Gottes bzw. der Gottheit der Mensch in seiner Ganzheit, in Leib und Seele, nicht nur in seinem Geist, sondern auch in seiner Emotionalität betroffen ist, folglich in den Zuständen des „Ausser-sich-Seins" immer wieder krankheitsähnliche Erscheinungsbilder auftreten.
Enthusiastische Erfahrungen hat es in allen Religionen zu allen Zeiten gegeben. In den Zentralsträngen des Christentums ist freilich seit urkirchlichen Zeiten eine starke Abwehrhaltung gegen ekstatisch-enthusiastische Phänomene zu beobachten, so dass entsprechende Erfahrungen in der Kirchengeschichte vielfach in den Bereich eines esoterisch-häretischen Sektierertums abgedrängt wurden. Sinnvoll ist zwar die Forderung der Unterscheidung der Geister, gefährlich aber die Unterdrückung und Missachtung des Gesamtphänomens, zumal dieses einmal in der religionsvergleichenden Forschung, sodann aber vor allem im synkretistischen Austausch religiöser wie pseudoreligiöser Erfahrungen bzw. Anleitungen zur Erfahrung in unseren Tagen einen neuen Stellenwert erlangt. Hinzu kommt, dass nicht selten enthusiastische Erfahrungen manipulativ mit Hilfe von Drogen u. ä. - übrigens mit zahlreichen Vorbildern in der Religionsgeschichte - erzeugt werden, entsprechend eine unterscheidende spirituelle Führung mehr denn je ein Postulat unserer Zeit ist.
 


 

 

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