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Ehe/Familie im Hinduismus

Die Eheschliessung ist nach den klassischen Dharmaschriften, die den normativen Hinduismus lehrten und prägten, einer der wichtigsten Lebenszyklusriten. Sie war für Frauen und Sudras (unterste der vier varnas = „Kasten" entsprechend der idealtypischen, brahmanischen Einteilung) überhaupt der einzige Ritus der Lebenszyklusriten. Die Ehe und das Lebensstadium des Hausherrn wird in den Dharmaschriften als Grundlage der Gesellschaft gepriesen, der „Weltentsager", der nicht das Stadium des Hausherrn durchlaufen hat, begeht eine „Sünde". Unter den verschiedenen Heiratsformen (z. B. Raub-Ehe, Brautkauf) setzte sich die sog. Brahma-Heirat durch, nach der das Mädchen (traditionell vor der Pubertät, Kinderheirat ist heute gesetzlich verboten), vom Vater nach den Möglichkeiten der Familie mit Schmuck ausgestattet, einem jungen Mann mit gutem Charakter geschenkt wird. Der Missbrauch der „Dowry" (Mitgift), bei der der Ehemann praktisch gekauft wird, ist heute strafbar. Heiraten waren (und sind weitgehend noch immer) Allianzen zwischen Familien. Die Ehe war unauflöslich, die Frau wurde als Hälfte des Körpers des Mannes angesehen. Die Frau wurde von dieser Bindung nie frei, um wieder heiraten zu können. Oft zitiert wird der Spruch des „Gesetzgebers" Manu (ca. 200 n. Chr.): „Der Vater schützt sie in der Kindheit, der Gatte in der Jugend, der Sohn im Alter. Eine Frau ist nie unabhängig." Jedoch ist die Stellung der Frau von Kaste zu Kaste, von Gegend zu Gegend verschieden. Gewohnheitsrechtlich gab es in den unteren Schichten weitverbreitet Scheidung und Wiederheirat. Ehescheidung aufgrund gegenseitiger Zustimmung der Ehepartner wurde 1976 mit noch nicht absehbaren Folgen eingeführt. Die Wiederheirat einer Witwe oder einer geschiedenen Frau ist aber immer noch selten. Ziel der Eheschliessung war vor allem die unerlässliche Beteiligung der Ehefrau an den Hausriten und die Geburt von Söhnen, von denen die Verehrung der Ahnen und der Gottheiten im Familien-Verband abhing. Söhne sicherten nicht nur den Fortbestand der Familie in materieller Hinsicht aufgrund des (ungeteilten) Familien-Vermögens, sondern wurden auch als ein Weg angesehen, Unsterblichkeit zu erlangen. Traditionell waren drei oder vier Generationen lebender, männlicher Familienmitglieder, die unter einem Dach wohnen, das Ideal. Religion in Indien ist so in erster Linie ein soziales Phänomen. Jeder einzelne ist vor allem Mitglied einer Familie, die von Über- bzw. Unterordnung bestimmt ist. Die Rollen, die der einzelne von Jugend an zu spielen hat, etwa als Sohn, Neffe, Enkel, Bruder, Vetter oder als Tochter, Schwiegertochter, Frau und Mutter, sind religiöse Pflicht. In diesem Rahmen kann der einzelne aber auch einem persönlichen Glauben, der soziale Schranken transzendieren kann, anhängen. Dies führte nicht zuletzt zu neuen religiösen Strömungen, die aber die soziale Grundlage der Familie nie entscheidend in Frage stellten. Trotz moderner Einflüsse ist das Zusammengehörigkeitsgefühl immer noch stark und hat Vorrang vor allen individuellen Wünschen, etwa nach (modern verstandener) „Selbstverwirklichung".
 


 

 

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